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„Was Quer- und Seiteneinsteiger mitbringen, kann Schule bereichern – wenn sie offen dafür ist.“

Text: Annika Klaus | Lesezeit: 5 Minuten
MINT-Lehrkraft steht vor Schulklasse
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Mit Ilka Parchmann und Birgit Ziegler hat Friederike Korneck die Zufriedenheit von MINT-Lehrkräften unter die Lupe genommen. Stellvertretend fürs Team spricht sie über Stärken und Bedürfnisse von Quer- und Seiteneinsteigern und die Rolle der Schulleitung.

Frau Korneck, welches Ergebnis aus der Studie hat Sie und Ihre Kolleginnen besonders beeindruckt und warum?

Überraschend war, dass hinsichtlich der drei Professionalisierungswege für den Lehrberuf – regulär, Quereinstieg und Seiteneinstieg – nur wenige Unterschiede festzustellen sind: Die verschiedenen Wege spiegeln sich weder in den Einschätzungen zum Tätigkeitsfeld noch in den unterrichtrelevanten Überzeugungen und Kompetenzeinschätzungen wider. Es fehlen allerdings Erkenntnisse darüber, wie die Zugänge im Einzelnen verlaufen sind, ob und welche Maßnahmen zur Professionalisierung jeweils wahrgenommen wurden, auch nicht wie viele Quer- und Seiteneinsteiger:innen das System wieder verlassen haben. Letztendlich lässt sich nur sagen, dass diejenigen, die nach einem Quer- oder Seiteneinstieg in ihrem neuen Beruf bleiben, sich als mindestens so kompetent wahrnehmen und offensichtlich gleichermaßen zufrieden sind wie ihre Kolleginnen und Kollegen mit regulärem Professionalisierungsweg.

Was bringen (MINT-)Quer- und Seiteneinsteiger Ihrer Erkenntnis nach in die Schulen hinein, was das Lehren und Lernen dort bereichern kann? Und wie lässt sich das nutzen?

Vor allem haben sie Erfahrungen und Kompetenzen aus anderen beruflichen Tätigkeitsfeldern und diese können sie in die Schule einbringen. Auch dürfte ihre Perspektive auf Schule eine andere sein und ihre Entscheidung zum Wechsel war vermutlich wohl überlegt. Dementsprechend dürfte auch ein gewisses Commitment vorhanden sein. Letzteres haben wir nicht erfasst. Quer- und Seiteneinstiege sind allerdings herausfordernd, insbesondere der Seiteneinstieg gleicht leider bislang einem „Sprung ins kalte Wasser“. Daher ist bei denjenigen, die diesen harten Einstieg bewältigen, auch naheliegend, dass es sich um überzeugte Lehrkräfte handelt. Wie anspruchsvoll die Tätigkeit von Lehrkräften ist, wird meist unterschätzt, so berichten es auch häufig Quer- und Seiteneinsteiger:innen. Wer in den Beruf wechselt, hat immerhin einen Vergleich und weiß, warum er/sie gewechselt ist. Die Kompetenzen, die Perspektive, die Haltung, aber auch die Kontakte, die sie aus anderen beruflichen Tätigkeitsfeldern mitbringen, können für eine Schule bereichernd und aufschlussreich sein, wenn die gelebte Schulkultur offen dafür ist.         

Die Ständige Wissenschaftliche Kommission (SWK) der Kultusministerkonferenz empfiehlt in ihrem Gutachten zur Lehrkräftegewinnung die Einrichtung von Masterstudiengängen (Master of Education) als systematische Qualifizierung für Quer- und Seiteneinsteiger. Was sollte Ihren Erkenntnissen nach dabei auf jeden Fall berücksichtigt werden?

Der lange Weg zum Erwerb von Expertise als Lehrkraft sollte nicht unterschätzt werden, und auch diejenigen, die sich später in ihrer beruflichen Laufbahn für den Lehrberuf entscheiden, müssen die Chance erhalten, angemessen darauf vorbereitet zu werden. Es bedarf daher strukturierter Programme für die Nachqualifizierung in den Bereichen, in denen Quereinsteigende noch keine wissenschaftlich fundierten Kompetenzen mitbringen können. Dies betrifft vor allem das bildungswissenschaftliche und fachdidaktische Wissen sowie das Fachwissen im zweiten Unterrichtsfach. Dass jemand, der sein Fach beherrscht, es auch unterrichten kann, ist ein empirisch widerlegter Mythos. Nur weil es offensichtlich vielen Quer- und Seiteneinsteiger:innen gut gelingt, sich im Beruf zurechtzufinden, heißt nicht, das es sich um eine gute Professionalisierungspraxis handelt. Angesichts der alarmierenden Ergebnisse aus dem Bildungsmonitoring sollten wir uns auch nicht der Illusion hingeben, das Lehrkräfteprofessionalisierung ein „Selbstläufer“ ist.   

Sie haben in Ihrer gemeinsamen Studie verschiedene Faktoren identifiziert, die sich in besonderem Maße auf die Zufriedenheit von MINT-Lehrkräften auswirken. Worauf kommt es demnach konkret an, wenn wir Menschen für den Lehrberuf gewinnen und darin halten wollen?

Im Moment spricht sehr viel dafür, dass die Wahrnehmung der Tätigkeitsinhalte und der beruflichen Selbstwirksamkeit eine zentrale Quelle der beruflichen Zufriedenheit von Lehrkräften ist. So geben zum Beispiel viele Lehrkräfte an, dass sie zeitliche Entlastung – durch den Wegfall außerunterrichtlicher Tätigkeiten wie Verwaltung, IT-Betreuung etc. – für die Entwicklung des Unterrichts einsetzen würden. Immerhin ein Drittel würde sogar die eigenen Entlastungsstunden „opfern“, um mehr Zeit für die Kernaufgaben zu haben. Es sollte nicht vergessen werden, dass in den Lehrkräfteberuf Persönlichkeiten einmünden, die Kindern und Jugendlichen etwas beibringen möchten; dies ist ihr zentrales Berufswahlmotiv! Aber auch schulische Kontextfaktoren, insbesondere die gelebte Schulkultur, verbunden mit Handlungs- und Gestaltungsspielräumen, der Austausch im Kollegium und die Wertschätzung durch die Schulleitung sind wichtige Einflussfaktoren. Und nicht zuletzt, ist die Zufriedenheit mit der beruflichen Laufbahn zentral. Die Schuladministration sollte den Lehrkräften klare Perspektiven über Karrierewege und Voraussetzungen aufzeigen. Auch eine transparente Personalentwicklung an der Schule kann nach unseren Daten erheblich zur allgemeinen Zufriedenheit beitragen.  

Was können Sie Schulleitungen ausgehend von den Studienergebnissen raten, damit sie Quer- und Seiteneinsteigende besser integrieren können? Und was brauchen sie dazu selbst an Unterstützung?

Schulleitende sind in der Regel nicht ohne Grund in ihrer Position und kennen ihre Schule. Daher könnten Ratschläge von außen als zu pauschal und wenig fruchtbar wahrgenommen werden. Aus den Daten der Studie lässt sich schließen, was zur Zufriedenheit von Lehrkräften beiträgt, zum Beispiel Handlungsspielräume, um die berufliche Tätigkeit, für die sich Lehrkräfte letztendlich entschieden haben, auch zur eigenen Zufriedenheit ausführen zu können. Sich selbst im Unterricht als Lehrkraft kompetent zu fühlen, bei den Schüler:innen Lernerfolge wahrzunehmen, ist die zentrale Zufriedenheitsquelle. Schulleitungen sollten alles tun, um dies den Lehrkräften zu ermöglichen. Das heißt Freiräume, Gestaltungs- und Kooperationsmöglichkeiten an der Schule schaffen, konstruktive Rückmeldungen geben, Unterstützung gewährleisten, wo sie benötigt wird, also alles, was zu einer guten Personalführung zählt. Quereinsteiger:innen haben in der Regel zumindest einen Vorbereitungsdienst absolviert und münden so mit einem anderen Professionalisierungsniveau in den Schuldienst ein als Seiteneinsteiger:innen. Letztere benötigen besonders am Anfang viel Unterstützung durch ein Kollegium, das kooperiert und die „Neuen“ gut einbindet. Zudem sollte eine Überforderung der Seiteneinsteiger:innen durch hohe Unterrichtsverpflichtungen vermieden werden, soweit dies durch äußere Rahmensetzung möglich ist. Für ein intensives Onboarding der Seiteneinsteiger:innen müsste aber auch das Kollegium Anerkennung erhalten. Und Schulleitungen entsprechend mit Handlungs- und Entscheidungsspielräumen ausgestattet sein.


Information zum Team der Studie:

Ein Team um die Fachdidaktikerinnen und Bildungsforscherinnen Professorin Dr. Friederike Korneck (Universität Frankfurt am Main), Professorin Dr. Ilka Parchmann (Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik in Kiel (IPN)) und Professorin Dr. Birgit Ziegler (Technische Universität Darmstadt) hat für die Telekom-Stiftung die Hintergründe und Arbeitsbedingungen von Lehrkräften für MINT – Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik – an allgemeinbildenden und beruflichen Schulen untersucht. Die Studie umfasst eine qualitative sowie zwei quantitative Befragungen. Mehr Informationen zur Studie gibt es hier.