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„Entdecken, was die Welt im Innersten zusammenhält“

Lesezeit: 4 Minuten
Das Bild zeigt Dr. Anita Stender.
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Dr. Anita Stender arbeitet daran, die kommenden Generationen von Physiklehrerinnen und -lehrern besser auf ihre Aufgaben in realen und virtuellen Klassenzimmern vorzubereiten

Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – wer diese komplexen, mitunter auch „trockenen“ Stoffe im Schulunterricht lebendig vermitteln will, benötigt nicht nur fundiertes Fachwissen, sondern auch hervorragende didaktische Fähigkeiten. Um die Fachdidaktiken als zentrales Element für die Lehrerausbildung an Hochschulen zu stärken, hat die Deutsche Telekom Stiftung 2017 das Fellowship Fachdidaktik MINT ins Leben gerufen. Im Rahmen des Projekts, das 2020 letztmals ausgeschrieben wurde, hat die Stiftung jährlich bis zu neun Stipendien an herausragende Nachwuchswissenschaftler vergeben, die ein Postdoc-Vorhaben im Bereich der MINT-Fachdidaktiken planten oder bereits durchführten. Auf diese Weise unterstützt die Telekom-Stiftung junge Forscher bis zu drei Jahre lang nicht nur finanziell, sondern auch mit Seminaren und Workshops zur persönlichen Weiterbildung. 

So wie Dr. Anita Stender. Die 36-jährige Dorstenerin hat nach ihrem Lehramtsstudium der Physik und Mathematik bereits ihr Referendariat und ihre Promotion erfolgreich absolviert. Am Lehrstuhl der Didaktik der Physik an der Universität Duisburg-Essen sowie im Rahmen einer Vertretungsprofessur an der Universität Bremen arbeitet Anita Stender daran, die nächste Generation an Physiklehrerinnen und -lehrern bestmöglich auf ihre Aufgaben im Unterricht vorzubereiten.


Frau Stender, was hat bei Ihnen den Funken der Begeisterung für MINT-Fächer wie Physik gezündet?

Anita Stender: Da muss ich an erster Stelle meinen damaligen Physiklehrer in der Schule nennen. Mit seinem lebendigen Unterricht weckte er bei vielen Schülern die Neugier, zu entdecken, was die Welt im Innersten zusammenhält: vom winzigen Atom bis hin zu den Farben des Regenbogens am Himmel.
 

Welche Erfahrungen haben Sie gemacht, dass Sie sich sagen: „So wie bisher geht es mit dem Physikunterricht nicht weiter, hier braucht es frische Impulse“?

Stender: Mit meinen positiven Erfahrungen aus dem Physikunterricht war ich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis eher die Ausnahme. Für die meisten waren die Unterrichtsstunden in den MINT-Fächern gleichbedeutend damit, den Soff aus dem Lehrbuch abzuarbeiten sowie trockene Formeln auswendig zu lernen. Ein Bezug zum täglichen Leben und Erleben fehlte völlig.
 

Wie sieht derzeit Ihr typischer Berufsalltag aus?

Stender: Guter Physikunterricht steht und fällt mit gut ausgebildeten Physiklehrkräften, die ihre Schülerinnen und Schüler begeistern können. Daher vermittle ich angehenden Physiklehrern erst einmal das fundamentale ABC der Fachdidaktik. Darüber hinaus konzipiere ich auch Lehrveranstaltungen, die auf spezifische Aspekte der Planung von gutem Physikunterricht fokussieren. Dabei ist es besonders spannend zu sehen, an welchen Stellschrauben man drehen muss, um möglichst viel versprechende Resultate zu erzielen.
 

Womit haben Sie sich in Ihrer Doktorarbeit befasst?

Stender: Im Kern ging es darum, ein theoretisches Modell zu entwickeln, dass beschreibt, welche Entwicklungsprozesse genau ablaufen, bis aus einem Studenten ein erfahrener und souverän agierender Lehrer wird. Auf diese Weise ist das Transformationsmodell der Unterrichtsplanung entstanden. Im Zentrum steht dabei stets die Frage, welches didaktische Fachwissen zu erfolgreichem Handeln in der Unterrichtspraxis führt.
 

Was wollen Sie jungen angehenden Physik-Lehrerinnen und -Lehrern vermitteln?

Stender: Ein wichtiger Punkt ist es, den Studierenden in den Lehrveranstaltungen mehr Praxiserfahrung zu ermöglichen. Auf diese Weise können sie bereits während ihrer Ausbildung Erfahrungen sammeln, die ihnen später im Klassenzimmer entscheidend weiterhelfen werden.
 

Wie genau gehen Sie dabei vor? Welche Mittel verwenden Sie?

Stender: Ein gutes Beispiel ist die Gestaltung von binnendifferenzierenden und digitalen Lernumgebungen, die wir in Duisburg-Essen in unserem Lehr-Lern-Labor BinEx kreieren. Hier stehen angehende Lehrkräfte gleich vor zwei Herausforderungen: nämlich zum einen eine experimentelle Lernumgebung zu schaffen, in der Kinder und Jugendliche Versuchsanordnungen – überwiegend zur Mechanik – mit digitalen Mitteln durchführen können. Zum anderen geht es darum, diese digitalen Lernumgebungen so zu gestalten, dass Schüler mit unterschiedlichen fachlichen oder beispielsweise auch sprachlichen Fähigkeiten diese erfolgreich nutzen können.
 

Welche Impulse nehmen Sie mit aus Ihrer Teilnahme am Programm Fellowship Fachdidaktik MINT der Telekom-Stiftung?

Stender: Natürlich waren Workshops oder die Veranstaltungen, bei denen sich die Teilnehmer persönlich austauschen konnten, aufgrund von Corona nur eingeschränkt möglich. Daher mussten wir andere Kanäle nutzen, um uns miteinander zu vernetzen. In jedem Fall nehme ich viele wertvolle Anregungen für meine Arbeit mit.
 

Was würden Sie sich von der Bildungspolitik wünschen: Wo sollte konkret der Hebel angesetzt werden, damit sich mehr junge Menschen für Physik interessieren?

Stender: Damit angehende Physiklehrkräfte optimal ausgebildet werden, sollten nicht nur die fachdidaktischen, sondern auch die fachspezifischen Inhalte konsequent auf die spätere Wissensvermittlung im Schulunterricht ausgerichtet sein. Daher finde ich es sinnvoll und notwendig, dass diese Fachinhalte den künftigen Physikern und Physiklehrern zielgruppengerecht – das bedeutet: in getrennten Vorlesungen und Seminaren – vermittelt werden. 
 

Welche Pläne verfolgen Sie für Ihre berufliche Zukunft?

Stender: Nach meiner Vertretungsprofessur in Bremen werde ich an meine Stammuniversität Duisburg-Essen zurückkehren. Dort werde ich im Fachbereich Physikdidaktik weiterhin in Forschung und Lehre tätig sein. Ich freue mich schon darauf, meine neuen Erfahrungen hier mit einzubringen und den neuen Studiengang für Sonderpädagogik mit dem Fach Physik aktiv mitzugestalten.