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Die Haltung zählt

Text: Daniel Schwitzer | Lesezeit: 5 Minuten
Portraitfoto Luigi Gunta
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Innovative Lernräume (Teil 1): An einem Mönchengladbacher Gymnasium zeigt sich, dass es keinen schicken Neubau braucht, um zeitgemäßes Lehren und Lernen umzusetzen.

Wer das Gymnasium an der Gartenstraße in Mönchengladbach besucht, den beschleicht zunächst nicht unbedingt der Eindruck, an einem innovativen Bildungsort gelandet zu sein. Der altehrwürdige Bau im Stadtteil Rheydt, in dem das „GymGa“ seit 1950 sitzt, stammt aus der Zeit der Jahrhundertwende – eine typische „Flurschule“ mit langen, dunklen, mit Linoleumboden ausgelegten Korridoren, von denen links und rechts die immergleichen Klassenräume wie Schuhkartons abgehen. Hier könnte jeden Moment auch Theo Lingen als Oberstudiendirektor Dr. Taft durch die Tür spazieren, meint man. Oder Lehrer Lämpel mit seiner Meerschaumpfeife am Pult stehen. Doch der Schein trügt.

Denn auch in diesem Ambiente kann zeitgemäßes Lehren und Lernen stattfinden, das wird schnell klar, wenn man mit Schulleiter Luigi Giunta ins Gespräch kommt. Der strotzt nur so vor Innovationswillen. Zwar sei das GymGa in Sachen Unterrichtsgestaltung immer schon ein wenig Vorreiterschule in der Stadt gewesen, weiß Giunta. Als er vor gut drei Jahren das Steuer übernahm – die flächendeckenden Schulschließungen während der ersten Corona-Welle waren gerade überstanden –, brachte der neue Leiter dennoch schnell einen Veränderungsprozess ins Rollen. Daran beteiligte er nicht nur das 70-köpfige Kollegium, sondern auch Schüler- und Elternschaft. „Die Überlegung war damals: Wenn wir weiter innovativ bleiben wollen, dann müssen wir ganzheitlich rangehen, also die Strukturen reformieren“, erzählt Giunta. Und dazu gehörte für den 47-Jährigen auch eine andere Lernraumgestaltung: weg vom Unterrichten in geschlossenen Räumen, hin zu offeneren, flexibleren Lehr-Lern-Settings.


Auf dem Schulhof entsteht das „grüne Klassenzimmer“

Und an diesem Ziel arbeitet die Schule seitdem. Inspiration liefert dem smarten Schulleiter und seinem Team dabei auch ein Vorhaben der Deutsche Telekom Stiftung, an dem das GymGa teilnimmt: Im Projekt Deeper Learning geht es darum, einen neuen pädagogischen Ansatz, der ursprünglich aus den USA stammt, in der Schulpraxis zu erproben. Deeper-Learning-Unterrichtseinheiten sind stets in drei Phasen gegliedert: In der ersten Phase wird den Schülerinnen und Schülern das notwendige Fachwissen vermittelt. Dieses Fundament nutzen sie anschließend, um in Phase 2 tiefer in das Thema einzusteigen und selbstorganisiert in Gruppen eine sogenannte authentische Lernleistung zu entwickeln. Das kann zum Beispiel ein Poster sein oder ein Erklärvideo, ein Blog-Beitrag für die Schul-Website oder auch ein Theaterstück. In Phase 3 schließlich präsentieren die Jugendlichen ihre authentische Lernleistung vor der Klasse, der Schulgemeinde oder auch der Öffentlichkeit. Deeper Learning – so die Idee – soll die Schülerinnen und Schüler „ins Tun bringen“ und dadurch nicht nur ihren Wissenszuwachs fördern, sondern auch wichtige Zukunftskompetenzen wie Kreativität, Kollaboration und Kommunikation.

Doch das funktioniert nicht in beengten Klassenräumen. „Phase 1 ist dort sicher noch machbar“, sagt Luigi Giunta. „Aber sobald es ans Zusammenarbeiten und ans Kreativsein geht, braucht man andere Settings, die das auch unterstützen.“ Auch deshalb brechen sie am GymGa ihre althergebrachten räumlichen Strukturen jetzt auf und verlagern das Lernen mehr und mehr aus den gewöhnlichen Klassenräumen hinaus. Zu beobachten ist das bereits auf den Fluren, wo plötzlich auf jeder Etage grün-weiße „Cubes“ stehen – das sind schallisolierte Tisch- und Sitzgruppen, an die sich die Schülerinnen und Schüler zum gemeinsamen Arbeiten zurückziehen können. Auf dem großen Schulhof wurden zudem Gruppenarbeitsbereiche für die warme Jahreszeit geschaffen, Giunta nennt das „unser grünes Klassenzimmer“. Dazu passt, dass das Lehren und Lernen und die kreative Zusammenarbeit am GymGa zunehmend digital gedacht werden: Im kommenden Schuljahr will die Schule modellhaft erstmals eine komplette Jahrgangsstufe eins zu eins mit Tablet-Rechnern ausstatten.

Als nächstes steht die Einrichtung eines Media- und Maker-Labs an, das nach Fertigstellung unter anderem modernes Audio- und Video-Equipment, Greenscreen, 3-D-Drucker und CNC-Fräse beherbergen soll. Das 120 Quadratmeter große bisherige Lehrkräftezimmer soll darüber hinaus noch in diesem Schuljahr zu einem Selbstlernzentrum für die Schülerinnen und Schüler umgebaut werden – mit kombinierbaren Sitz- und Arbeitsmöbeln und großen Projektionstafeln. Die Lehrkräfte ziehen dafür in die frühere Schulleiter- und Hausmeister-Wohnung um, die derzeit noch als Bibliothek genutzt wird. „Dadurch, dass der Bereich aus mehreren separaten Räumen besteht, können wir ihn in Zonen einteilen. Das ist in unserem großen Lehrerzimmer bisher nicht möglich“, erklärt Giunta. So wird es künftig neben einer Zone für die Stillarbeit, einem Entspannungs- und einem Essbereich auch einen Ort für Lehrkräfte-Teamarbeit geben. Für Giunta ein wichtiges Thema – nicht zuletzt, weil Deeper Learning nicht nur von den Schülern, sondern auch von ihren Lehrkräften Kooperation und Ko-Konstruktion einfordert. „Da die Unterrichtseinheiten immer interdisziplinärer sein sollen, müssen sie auch gemeinsam designt werden“, so der Schulleiter.


Sogar die Schulministerin war schon da

Den städtischen Schulträger konnte Luigi Giunta bereits von seinen Plänen überzeugen, was durchaus Erklär- und Überzeugungsarbeit gekostet habe. (Lesen Sie hier ein Interview über das komplizierte Verhältnis von Schulleitungen, Schulträgern und Schulaufsichten in Deutschland.) Sogar NRW-Schulministerin Dorothee Feller war kürzlich in Rheydt, um sich über den Entwicklungsprozess zu informieren. Der Umbau soll noch in diesem Jahr weitergehen. So trägt das GymGa langsam, aber stetig den veränderten Anforderungen an zeitgemäßes Lehren und Lernen Rechnung. Und beweist, dass man dafür nicht zwingend in einem Neubau mit modernster pädagogischer Architektur sitzen muss. „Anfangs dachten auch bei uns viele: Wir bestellen einfach neue Möbel, und das war‘s. Aber darum geht es gar nicht. Es geht vielmehr um eine Haltungsänderung, eine neue Denkweise“, so Giunta. Sicher ist: Der Schulleiter und sein engagiertes Kollegium am GymGa haben diese neue Denkweise längst verinnerlicht.


In dieser Reihe berichten wir über Menschen, die Lernen und Lehren neu gedacht haben und kreative Raumkonzepte entwickeln, um Kinder und Jugendliche in und auch außerhalb von Schule für MINT-Themen begeistern. Teil 2 gibt es unter „Weitere Informationen“.