Jump to main content

Chancengeber

Text: Daniela Albat | Lesezeit: 4 Minuten
Studierende unterrichtet Jugendliche
©

Wie außerschulische Initiativen helfen, Jugendliche zum Schulabschluss zu bringen.

Jedes Jahr verlassen rund 50.000 Jugendliche die Schule ohne Abschluss – das sind sechs Prozent aller Schulabgänger. Keine Besserung in Sicht. Doch außerschulische Initiativen steuern dagegen. Sie springen ein, wo Schulen, Verwaltung und Politik an ihre Grenzen stoßen. Fünf Erfolgsmodelle:
 

Coaching auf Augenhöhe

Bei „JEA!“ (Foto ob.) ist der Name Programm: Die Abkürzung steht für „Jedem einen Abschluss“ – und genau das ist das Ziel des Projekts vom Verein SchlauFox. Das Prinzip: Jeweils vier Studieren-de unterschiedlicher Fachrichtungen, darunter auch angehende Lehrkräfte, betreuen ehrenamtlich zusammen 15 Schüler, deren Abschluss gefährdet ist. Einsatzort sind Hamburger Brennpunktschulen. Der Start Ende der siebten Klasse ist bewusst gewählt: „Da kommt die Pubertät, da rutschen viele weiter ab“, sagt Programmleiterin Janna Hilger. „Im ersten Jahr leisten unsere Coaches deshalb viel Beziehungsarbeit und kümmern sich um Themen, die vom Lernen abhalten: etwa Liebeskummer oder Stress mit den Eltern. Danach geht es schulisch schneller voran.“ 90 Prozent der Teilnehmer schaffen dank der zweijährigen Förderung den Abschluss. Auch die Studieren-den profitieren: Sie haben das JEA!-Zertifikat in der Tasche und sind besser gewappnet für den Beruf, sagt Hilger. „Unsere Coaches entwickeln Führungsqualitäten, die in vielen Jobs wichtig sind. Die Lehrämtler unter ihnen erproben sich in guter Unterrichtsgestaltung und lernen, auch schwierige Schüler mitzunehmen. Das kommt im Studium zu kurz.“
 

Lern- und Lebenshilfe

Sie kommen aus instabilen Familien, nehmen Drogen, wurden gemobbt: „Das andere Schulzimmer“ in Mannheim nimmt junge Menschen auf, die es schwer haben. Und für die Schule seit Langem eine Nebenrolle spielt. Der Bedarf ist groß: „Wir können uns vor Anfragen kaum retten“, sagt Geschäftsführerin Ute Schnebel. Aktuell betreut das Team 30 Personen, auf der Warteliste stehen noch mal so viele. Dabei sind eigentlich nur 20 Schulplätze vorgesehen. Lehr-kräfte im Ruhestand, Lehramtsstudierende und weitere Ehrenamtliche versorgen die Teilnehmer individuell. Jeder hat seinen eigenen Stundenplan. Dass die Schüler ihren Abschluss schaffen, ist ein wichtiges Ziel, aber nicht das einzige. „Das andere Schulzimmer“ bietet auch Hilfe bei Behördengängen oder familiären Problemen an und schafft Raum für Erlebnisse jenseits des Unterrichts – sei es in der Koch-AG oder beim Ausflug ins Theater. „So fördern wir die persönliche Weiterentwicklung. Die ist für den Erfolg nach der Schule enorm wichtig“, weiß Ute Schnebel.
 

Ganz schön praktisch!

Ein Tag im Projekt „STABIL“ beginnt mit dem gemeinsamen Frühstück. Danach wird angepackt: Die Jugendlichen, die das Jugendwerk Rolandmühle in Burg bei Magdeburg betreut, arbeiten unter anderem in Küchen oder in Werkstätten. „STABIL“ orientiert sich am Produktionsschulmodell, praktisches Lernen steht im Fokus. „Wir stellen mit den Teilnehmern Produkte her und verkaufen sie“, sagt Geschäftsführerin Stefanie Arndt. „In der Holzwerkstatt sind das zum Beispiel Gartenmöbel für private Abnehmer.“ Die Jugendlichen sollen so Selbstwirksamkeit erfahren, Sinn in ihrer Tätigkeit finden. Auch individuellen Unterricht gibt es, stets mit Praxisbezug. Wie etwa rechnet man ein Rezept auf die dreifache Menge um?  12 bis 18 Monate dauert das vom Europäischen Sozialfonds plus sowie vom Jobcenter finanzierte Projekt. Danach sollen die Teilnehmer zurück in die Schule finden, eine Ausbildung oder eine berufsvorbereitende Maßnahme beginnen. Auf dieses Ziel arbeiten Pädagogen und Praxisteam hin, Hand in Hand mit den Jugendlichen.


Prominente als Vorbild

Was Uwe Ochsenknecht, Elyas M’Barek und einige andere Promis gemeinsam haben? „Sie waren auch keine Leuchten in der Schule, sind heute aber supererfolgreich in dem, was sie tun“, sagt Thomas Beck. Gemeinsam mit dem Filmproduzenten Bernd Eichinger hat der Sozialpädagoge vor 20 Jahren „Artists for Kids“ gegründet. Das gemeinnützige Projekt aus München setzt nicht nur auf die Gesichter und die finanziellen Mittel prominenter Künstler wie die der beiden Schauspieler. Es beteiligt sie aktiv. So bieten die Promis zum Beispiel Work-shops an. „Wir wollen, dass ihre kreative Power auf die Kinder überspringt und sie merken: Aus mir kann was werden, auch wenn es gerade holprig läuft.“ Das Projekt betreut Jugendliche in prekären Lebenslagen ambulant, auch ein schulisches Angebot gehört dazu: In Kleingruppen bereiten sich 15- bis 21-Jährige auf den qualifizierenden Hauptschulabschluss oder die Mittlere Reife vor. „Viele haben Potenzial, aber fallen in der Schule durchs Raster. Wir versuchen, das aufzufangen. Denn ein Abschluss ist elementar, um später ein selbstbestimmtes Leben führen zu können“, meint Beck.
 

Bully Herbig bei Artists for Kids
Stippvisite: Regisseur und Schauspieler Bully Herbig zu Besuch bei Artists for Kids


Zum Abschluss – und weiter

Wer ins „Haus der Lebenschance“ in Stuttgart kommt, hat oft mehrere Anläufe in Sachen Schulabschluss hinter sich. Den Hauptschulabschluss nachzuholen, soll hier dank kleiner Gruppen und ganzheitlicher Betreuung gelingen. „Viele sind schon länger raus aus der Schule“, sagt Bereichsleiterin Sonja Hagenmayer. „Regelmäßig pünktlich zu erscheinen, kann da schon eine Hürde sein.“ Deshalb werden die Teilnehmer behutsam an einen geregelten Tagesablauf herangeführt. Neben dem Unterricht stehen erlebnispädagogische Angebote und gemeinsame Mahlzeiten auf dem Plan. Auch nach dem Abschluss lässt das Team die Schüler nicht allein. „Wir helfen bei der beruflichen Orientierung, bereiten auf Bewerbungsgespräche vor oder bieten Tutorien an – wenn jemand einen kaufmännischen Beruf ergreifen will zum Beispiel in Mathe“, so Hagenmayer. Vielen gebe es Sicherheit, noch einige Zeit die gewohnten Räume aufzusuchen. Wie wichtig diese Anlaufstelle ist, hat auch die Kommune erkannt: Seit kurzem fördert sie das kirchliche Projekt dauerhaft mit. 


Der Artikel ist in Ausgabe Nr. 13 unseres Bildungsmagazins sonar zum Thema „Bildungssteuerung“ erschienen.

Folgen Sie uns

Deutsche Telekom Stiftung

Die Deutsche Telekom Stiftung wurde 2003 gegründet, um den Bildungs-, Forschungs- und Technologiestandort Deutschland zu stärken. Mit einem Kapital von 150 Millionen Euro gehört sie zu den großen Unternehmensstiftungen in Deutschland. Die Stiftung unterstützt gezielt MINT-Projekte, die sich an Kinder und Jugendliche im Alter von 10 bis 16 Jahren richten.