Lehrerin Ann-Kathrin Kallies lehnt an einer Tür, schaut in die Kamera und hält einen Tablet-PC in der Hand.
©
Sascha Kreklau

„Verbot ist keine Option“

Text: Daniela Albat

Lesezeit: 6 Minuten

Zwei Perspektiven, eine Frage: Wie können Schulen Künstliche Intelligenz rechtssicher und sinnstiftend nutzen? Lehrerin Ann-Kathrin Kallies (Foto oben) und Tanja Reinlein vom Schulministerium Nordrhein-Westfalen berichten über Erfahrungen aus Praxis und Bildungspolitik.

Der Trendmonitor Spezial Regelwerke der Telekom-Stiftung zeigt: Nur eine von drei Lehrkräften fühlt sich gut darüber informiert, wie sie KI nutzen darf. Überrascht Sie das?

Tanja Reinlein: Nicht wirklich. Ich glaube, dass im Moment fast niemand sagen würde, ich fühle mich gut informiert oder vorbereitet. Einfach, weil diese Technologie so ein unfassbares Potential hat, im wahrsten Sinne des Wortes. Wir sind alle noch Suchende und hinzu kommt, dass sich die Technologie rasant weiterentwickelt. Das bedeutet aber nicht, dass die Schulen in Bezug auf KI untätig sind. Im Gegenteil: Schulleitungen machen KI zum Thema ihrer Schul- und Unterrichtsentwicklung und viele Lehrkräfte haben Lust, KI auszuprobieren – und entwickeln tolle Unterrichtskonzepte.

Dr. Tanja Reinlein, Abteilungsleiterin für Berufliche Bildung, Lehren und Lernen in der digitalen Welt, Prävention und Integration, Internationales und Startchancen im Schulministerium NRW.
©
Sascha Kreklau

Dr. Tanja Reinlein leitet die Abteilung für Berufliche Bildung, Lehren und Lernen in der digitalen Welt, Prävention und Integration, Internationales und Startchancen im Schulministerium NRW.

Wie ist die Situation an Ihrer Schule, Frau Kallies?

Ann-Kathrin Kallies: Die Mehrheit der Kollegen weiß Bescheid, was datenschutzrechtlich geht und welche Tools sie nutzen können. Denn wir sind das Thema frühzeitig angegangen, haben Material bereitgestellt und Fortbildungen organisiert. Wir, das ist ein 10-köpfiges digitalpädagogisches Team. Gemeinsam verwalten wir Plattformen und Endgeräte, begleiten die Unterrichtsentwicklung – und sind für alle Fragen ansprechbar. Wir wollen den Kollegen Sicherheit und zugleich Freiheit im Umgang mit KI geben.


Dafür mussten Sie selbst erst einmal zu Expertinnen und Experten werden, oder?

Ann-Kathrin Kallies: Als ChatGPT groß rauskam, war schnell klar: Diese Technologie wird uns auch in der Schule beschäftigen. KI zu verbieten, war für uns keine Option. Stattdessen haben wir uns gefragt: Wie können wir KI sinnvoll und rechtssicher einsetzen? Also haben wir uns über die Technologie informiert und nach Regelwerken gesucht. Fündig geworden sind wir am Anfang zunächst beim Schulministerium NRW. Das Land war 2023 eines der ersten, das eine Handreichung zum Einsatz von KI in der Schule veröffentlicht hat.

Tanja Reinlein: Ich weiß noch genau, wie damals bei uns so eine produktive Unruhe um sich griff. Wir wussten: Das Thema darf nicht von der falschen Seite in den Schulen ankommen. Wir als Ministerium müssen jetzt die richtigen Fragen zu Professionalität und Regulierung im Kontext von Lehren, Lernen und Prüfen stellen und einen Orientierungsrahmen geben. Ein Verbot war auch für uns von Anfang an keine Lösung.

„Wenn es schlecht läuft, schalten Schüler das Denken aus.“

Ann-Kathrin Kallies

Welche Fragen haben Sie in dem Moment beschäftigt?

Tanja Reinlein: Datenschutz und Urheberrecht waren natürlich sofort Thema. Aber auch: Welche Kompetenzen gewinnen an Bedeutung, wenn die KI Schülerinnen und Schülern vermeintlich auf Knopfdruck die perfekte Lösung liefert? Welche Auswirkungen hat KI auf das Lernen und auf die Art, wie wir Unterricht vorbereiten und gestalten? Was bedeutet das für Prüfungsformate und wie müssen wir diese anpassen? 
 

Wie hat KI den Unterricht bei Ihnen verändert, Frau Kallies?

Ann-Kathrin Kallies: Wenn es schlecht läuft, nutzen Schüler KI als Abkürzung und schalten das Denken aus. Richtig eingesetzt, erweitert KI aber Denkprozesse: Wenn die Schüler präzise prompten, die KI herausfordern. Dann kann ein Tool Tutor sein und das 1:1-Gespräch mit einer Lehrkraft ersetzen. Dieses kreative, kritische Arbeiten versuchen wir zu vermitteln und setzen KI in fast allen Fächern ein – von Mathe bis Geschichte. Ergänzend geht es im Fach Cyberethik für unseren Jahrgang 8 auch um gesellschaftlich-ethische Dimensionen.

Tanja Reinlein: Es ist wichtig, dass ein Bewusstsein für die Chancen und Risiken da ist – bei Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern. Dann kann KI neue Freiräume schaffen, das Lernen individueller machen und Schülerinnen und Schüler auf die Arbeitswelt von morgen vorbereiten. Dafür bieten wir als Land neben dem regulatorischen Rahmen auch praktische Hilfen.

Wie tun Sie das?

Tanja Reinlein: Im Forschungsprojekt KIMADU entwickeln wir gemeinsam mit der Universität Siegen und Lehrkräften an Schulen KI-Materialien für den Mathematik- und Deutschunterricht und erproben diese direkt mit Schülerinnen und Schülern. Unter anderem sind dabei didaktische Agenten entstanden, die wir zusammen mit weiteren Unterstützungsangeboten für Lehrkräfte und Eltern öffentlich zur Verfügung stellen. Mit AIS.chat, dem KI-Chabot für die Schule, gibt es zudem eine offizielle Landeslösung. Lehrkräfte und Schüler in vielen Bundesländern nutzen sie schon. 

Ann-Kathrin Kallies: Auch wir nutzen neben verschiedenen anderen KI-Tools seit kurzem AIS.chat. Der Vorteil: Bei AIS.chat müssen wir uns über rechtliche Fragen keine Sorgen machen und wir müssen es nicht aus dem Schulbudget bezahlen. In der Praxis hat sich aber bei uns in Niedersachsen gezeigt, dass das Kontingent an Prompts, das uns zur Verfügung steht, schnell aufgebraucht ist. Ich wünsche mir, dass die Regierung von unseren Erfahrungen lernt und nochmal aufstockt.

Lehrerin Ann-Kathrin Kallies geht in der Schule den Flur entlang und guckt in die Kamera.
©
Sascha Kreklau

Ann-Kathrin Kallies
ist Lehrerin und Koordinatorin für Digitalisierung an der Ernst-Reuter-Schule in Pattensen, die für ihr Schulfach „Cyberethik“ den KI-Schulpreis erhielt.

Apropos lernen: Was muss passieren, damit sich noch mehr Lehrkräfte sicher, auch rechtssicher, im Umgang mit KI fühlen??

Ann-Kathrin Kallies: Erstens, die Regelwerke weiter vereinfachen und möglichst bundesweit vereinheitlichen. Zweitens, mehr Freiräume für Fortbildungen und vielleicht auch extra Stellen und Stunden für dieses Thema schaffen. Und drittens, brauchen wir flächendeckende Kompetenzmodelle. Damit wir nicht mehr über einzelne Tools sprechen, sondern über die Lernentwicklung unserer Schüler.

Tanja Reinlein: Ich glaube, dass wir als Ministerien viel über Curricula und Prüfungsformate steuern können. Findet sich das Thema KI häufiger in den Lehrplänen wieder, werden sich Schulen intensiver damit beschäftigen – und haben einen klaren Leitfaden an der Hand. In NRW arbeiten wir für die gymnasiale Oberstufe und für das berufliche Gymnasium gerade daran: Künftig wird es als fünftes Abiturfach eine Präsentationsprüfung mit KI geben. KI-Kompetenzen werden also zum Prüfungsgegenstand. Als Ministerium unterstützen wir auch unsere Lehrkräfte bei der Nutzung von KI. Im Rahmen von Fortbildungen bieten wir dafür die Möglichkeit, und zwar sowohl im Rahmen der staatlichen Lehrkräftefortbildung als auch mit einer breit angelegten Initiative KI-Skilling.NRW. 



Dieses Interview ist Teil unseres aktuellen Jahresberichts mit dem Schwerpunktthema Künstliche Intelligenz.

Lest auch diese Artikel

Jahresbericht 2025-2026

Neugier muss ein

Schnelle Antworten und einfache Lösungen dank ChatGPT? Nicht am Carl-Fuhlrott-Gymnasium in Wuppertal!

Jetzt lesen
Reinold Mertens, Schulleiter des Carl-Fuhlrott-Gymnasiums, steht in seinem Büro vor einer Pinnwand.
©
Sascha Kreklau
Jahresbericht 2025-2026

Feedback mit System

Überzeugt, aber nicht überzeugend? Was bringen KI-Lerntools wirklich? Erfahrungen aus Forschung und MINT-Unterricht.

Jetzt lesen
Lehrkraft Sebastian Engel steht im Biologieraum vor einer Glasvitrine und schaut in die Kamera.
©
Deutsche Telekom Stiftung