Schnelle Antworten und einfache Lösungen dank ChatGPT? Nicht am Carl-Fuhlrott-Gymnasium in Wuppertal: Schulleiter Reinold Mertens (Foto oben) und sein Team nutzen Künstliche Intelligenz so, dass sie Schüler*innen sinnvoll herausfordert. Der Einsatz der Technologie fußt dabei auf einem im wahrsten Sinne des Wortes ausgezeichneten Konzept.
„Liebe Schüler, ich bin der Advocatus Diaboli. Ich vertrete immer die euch gegengesetzte Position. Viel Spaß und Glück dabei, mich zu widerlegen.“ In den Klassenräumen des Carl-Fuhlrott-Gymnasiums bekommen es Schüler*innen mit einem teuflisch guten Kontrahenten zu tun. Der Gegenspieler, der den Jugendlichen von ihren Tablets entgegenblickt, nimmt jedes ihrer Argumente auseinander. Statt einfache Antworten zu liefern, stellt er Rückfragen: Welche Annahme steckt dahinter? Kannst du den Gedanken weiterführen? Seine Aufgabe ist es, die Argumentationsfähigkeit zu schulen.
Der Advocatus Diaboli ist einer von mehreren KI-Agenten, die die Wuppertaler Schule regelmäßig im Unterricht nutzt. Künstliche Intelligenz gehört hier längst zum Schulalltag. „Nicht als Souffleur, der die Lösung für die nächste Prüfung vorsagt. Sondern als intellektueller Sparringspartner und Lerncoach“, betont KI-Koordinator Felix Urban.
Der KI-Einsatz ist hier schon Alltag. Das Motto von KI-Koordinator Felix Urban und der Schule: Messen, evaluieren und gezielt anpassen.
Wenn Schüler*innen nur ChatGPT fragen, erhalten sie zwar schnelle Antworten. Aber sie lernen nicht unbedingt dazu. Stattdessen können sie sogar träge und desinteressiert werden. Zu diesem Schluss kommt ein Bericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). „Um echtes Lernen zu ermöglichen, brauchen wir daher Tools, die unsere Schüler herausfordern anstatt ihnen das Denken abzunehmen“, sagt Felix Urban.
KI-Führerschein und Medienscouts
Damit das gelingt, hat die Schule eine ganzheitliche Strategie entwickelt. Dafür hat sie den KI-Schulpreis 2025 erhalten, den die Telekom-Stiftung gemeinsam mit dem Verein Deutschland – Land der Ideen und der Dieter Schwarz Stiftung ausschreibt. „Die Basis bildet unser PRISMA-Modell“, erläutert Schulleiter Reinold Mertens. „P steht für Potenziale, R für Risiken, I für Implementation, S für Skills, M für Mehrwert und A für Analyse. Alles was wir mit KI tun, stellen wir damit auf den Prüfstand.“ Das Ziel: Den KI-Einsatz messen, evaluieren und gezielt anpassen – oder wieder aufgeben, wenn der Mehrwert fehlt.
„Es gibt keine Zukunft ohne KI.“
Reinold Mertens, Schulleiter
Dass Künstliche Intelligenz in der Schule stattfinden muss, steht für Reinold Mertens außer Frage: „Es gibt keine Zukunft ohne KI. Auf diese Realität müssen wir unsere Schülerinnen und Schüler vorbereiten und ihnen beibringen, die Technologie als Werkzeug zu nutzen. Unsere übergeordneten Bildungsziele ändern sich dadurch nicht.“ Gemeint sind Kompetenzen wie Gestaltungswille, Urteilskraft und Mündigkeit. Auch Verantwortungsbewusstsein gehört dazu.
Deshalb reflektieren die Schüler*innen am Carl-Fuhlrott-Gymnasiums regelmäßig, wie sie KI verwenden. Schon ab der Jahrgangsstufe 8 absolvieren sie einen KI-Führerschein. Er vermittelt Grundlagen über Chancen und Risiken der Technologie sowie Fähigkeiten wie das Prompten. Als Medienscouts geben ältere Schüler*innen ihr Wissen über KI zudem an jüngere weiter.
Neugierig in die Zukunft
Wissen weitergeben ist auch der Job des Digitalisierungsteams rund um Felix Urban und seine Mitstreiter*innen Alexander Zuber und Stephanie Pichota. Sie testen und entwickeln KI-Tools für den Unterricht, kümmern sich um Fragen des Datenschutzes, bieten Fortbildungsformate wie das digitale Kaffeetrinken an. „Wir treiben das Thema für unsere Schule voran – und treffen im Kollegium zum Glück auf viel didaktische Neugier.“
Neben eigenen KI-Agenten haben die Digitalprofis unter anderem Werkzeuge wie Feedbacksysteme implementiert. „Sie geben Schülerinnen und Schülern individuell Rückmeldung – auf Basis eines Erwartungshorizonts, den die Lehrkraft gepromptet hat“, erklärt Stephanie Pichota. Die Software „Klassenradar“ wiederum hilft dabei, Lernziele festzulegen. „Felix kann keine Kommasetzung? Dann arbeitet die KI mit dem Schüler gezielt daran“, sagt die Lehrerin. In der AG „Gründen mit KI“ entwickeln Schüler dagegen eigene Produkte. „KI kann nämlich zur Demokratisierung von Kompetenz führen“, berichtet Felix Urban. „Um eine Software zu entwickeln, braucht es kein Informatikwissen mehr.“
Viele Anwendungsbeispiele, die eines zeigen: Sinnvoll eingesetzt, hebt KI Schule auf ein neues Level. Für Schüler*innen genauso wie für Lehrkräfte. In Zukunft geht das Carl-Fuhlrott-Gymnasium seinen Weg daher überzeugt weiter. „Wir nutzen den Schwung des KI-Preises, um uns weiterzuentwickeln“, sagt Felix Urban. Was funktioniert, was nicht? Das findet das Team im Austausch mit Kolleg*innen, Eltern und anderen Schulen heraus. Auch skeptische Stimmen sind dabei ausdrücklich erwünscht. Wie der Advocatus Diaboli zeigt: Kritische Nachfragen helfen, besser zu werden.
Diese Story ist Teil unseres aktuellen Jahresberichts mit dem Schwerpunktthema Künstliche Intelligenz.