Wir wollen von erfolgreichen Bildungssystemen lernen. Deshalb haben wir mit Partner*innen aus unserem Projekt Mathe sicher können PLUS die Niederlande besucht. Im Fokus stand die Frage, wie datengestützte Schul- und Unterrichtsentwicklung konkret gelingt. Die Reise zeigt: Ein selbstverständlicher, gemeinsamer Umgang mit Daten kann ein entscheidender Hebel für bessere Lernprozesse und mehr Bildungsgerechtigkeit sein.
Datengestützte Schul- und Unterrichtsentwicklung steht in Deutschland ganz oben auf der bildungspolitischen Agenda. Die Ständige Wissenschaftliche Kommission (SWK) der Bildungsministerkonferenz hat kürzlich eine umfassende Synthese dazu publiziert. Darin weist sie auf die Bedeutung einer lernprozessbezogenen Diagnostik hin, mit der der Lernstand von Schüler*innen systematisch erfasst, deren Lernprozesse kontinuierlich beobachtet und der Unterricht verbessert werden kann. Genau darum geht es in unserem Projekt Mathe sicher können PLUS (MSK Plus). Am Beispiel von Mathematikunterricht wird hier die Diagnostik digital durchgeführt und die Ergebnisse werden in Form spezifischer Dashboards digital zur Verfügung gestellt. Diese Informationen sind über die Ebene der einzelnen Lerngruppe hinaus Grundlage für den Dialog im Fachteam, mit der Schulleitung und auch mit der Schulaufsicht.
Wenn man international nach einer etablierten Kultur der systemweiten Nutzung von Daten sucht, wird man unter anderem in den Niederlanden fündig. Hier hat die datengestützte Schul- und Unterrichtsentwicklung – das datengestützte Feedback – eine lange Tradition. Die Zusammenarbeit von Nationaler Bildungsinspektion (Inspectie van het Onderwijs) und dem Cito (Centraal Institut voor Toetsontwikkeling) als nationalem Testzentrum besteht seit den 1970er Jahren. Die Rollen, die in Deutschland die staatliche Schulaufsicht der Länder ausfüllt, sind verschiedenen Institutionen zugeteilt: Die Gründung von Schulen ist nach dem niederländischen Schulgesetz nicht reglementiert, sie werden proportional zur Schüler*innenzahl vom Staat finanziert und stehen unter Aufsicht der Nationalen Bildungsinspektion. Die so genannten Schulstiftungen sind als Schulträger vollumfänglich verantwortlich für die inneren und äußeren Schulangelegenheiten. Es gibt Schulstiftungen, die regional eine kleine Zahl von Schulen betreiben; große Schulstiftungen vereinen überregional bis zu 50 Schulen unter ihrem Dach.
Um der niederländischen Kultur datengestützten Feedbacks auf den Grund zu gehen, hat die Deutsche Telekom Stiftung im April 2026 eine Bildungsreise in das Nachbarland organisiert. Delegationen der an MSK PLUS beteiligten Länder (Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz), Vertreter*innen der wissenschaftlichen Partner (Technische Universität Dortmund und Deutsches Institut für Pädagogische Forschung, DIPF) und Mitarbeitende der Stiftung besuchten Utrecht, Arnheim, Groenlo, Hengelo und Enschede. Stationen waren neben der Nationalen Bildungsinspektion und dem Cito Lab, die Scholengemeenschap Marianum, die Stichting Carmelcollege und die Universität Twente.
Was die 20 Teilnehmenden jenseits der organisatorischen Unterschiede zwischen den Bildungssystemen nachhaltig beeindruckte, war der selbstverständliche gemeinsame Umgang mit Daten – die in MSK PLUS und auch in der SWK-Empfehlung angestrebte Kultur des gemeinsamen Hinsehens ist in den Niederlanden Realität.
Die Nationale Bildungsinspektion hat Zugriff auf einen umfassenden Fundus an Daten über jede einzelne Schule in den Niederlanden, dazu gehören etwa Lernstände in Mathematik genauso wie Erhebungen zum Well-being der Schüler*innen. Diese Daten stehen auf der Grundlage klarer Zugriffsrechte auch den anderen Bildungsakteuren zur Verfügung. Von der Inspektion besucht werden die Schulen, die auf der Grundlage dieser Daten als Risikoschulen eingestuft werden, sowie eine Auswahl aller Schulen, um regelmäßig einen Einblick in die gesamte Landschaft zu bekommen. Zusätzlich finden jährlich Gespräche mit allen Schulstiftungen statt, bei denen es darum geht, wie gut diese ihre Schulen kennen, wie sie die verfügbaren Daten nutzen und welche Maßnahmen sie daraus ableiten. Dieser klare Fokus auf das Handeln der Schulträger wurde 2017 eingeführt und stärkt die Maßnahmen-bezogene Datennutzung vor Ort. Die Schulbesuche werden durch Data Analysts vorbereitet, die Daten und zusätzlich eingereichte Dokumente auswerten, um aus den Daten Themen und Fragen für die Inspektoren zu generieren.
Auf der Entwicklungsagenda stehen die stetige Ergänzung der Daten, zum Beispiel zum Thema Demokratieerziehung, sowie eine Analyse der Wirkung der Datenauswahl. Dabei soll auch untersucht werden, ob die Auswahl der Daten ungewollte Steuerungseffekte hat, etwa im Sinne eines „Teaching to the test“. Ein besonderes Augenmerk richtet die Bildungsinspektion aktuell auf fachbezogene Prozesse, denn auch die niederländischen Schulen haben mit sinkenden Kompetenzwerten zu kämpfen. Die fachdidaktische Perspektive soll die Brücke hin zu konkretem Unterrichtshandeln sein. Vor Ort ist jede Schulstiftung verpflichtet ein lernprozessbezogenes Diagnosesystem zu betreiben – also genau das, was wir in MSK PLUS erarbeiten. In den Niederlanden kann das System über das Cito bezogen werden, aber auch andere Anbieter sind am Markt - die Auswahl liegt bei den Schulstiftungen.
Das Cito in Arnhem ist das nationale Testzentrum der Niederlande und gleichzeitig internationaler Anbieter von datenbasierten Konzepten und Werkzeugen für Bildung. Mit dem Cito Lab International entwickelt es innovative Lösungen für Bildungsassessments. Dazu gehören zum Beispiel Werkzeuge, mit denen Lernprozesse genauer diagnostiziert werden können, KI-gestützte Verfahren zur Entwicklung von Testaufgaben sowie Anwendungen, die Lehrkräfte bei der Beurteilung von Tests unterstützen. Eine solche Anwendung entsteht unter anderem in Kooperation mit dem NOLAI (Nationaal Onderwijslab AI), dem niederländischen Bildungslab für KI.
Data is not here to blame and shame – sondern eine Einladung zum gemeinsamen Lernen.
Jacob Chammon
Beeindruckend war die Schulteamarbeit am Marianum in Groenlo. Dreh- und Angelpunkt ist dort das Mittlere Management der Schule: Neben der Schulleitung gibt es sogenannte Team Leader, die zum Beispiel jede Lehrkraft zweimal im Jahr im Unterricht besuchen und Entwicklungsgespräche führen. Hinzu kommen kollegiale Besuche und ein auf die einzelne Lehrkraft bezogenes Schüler*innen-Feedback. Die Fachteams treffen sich monatlich, um gemeinsam ihren Unterricht weiterzuentwickeln und neue Konzepte zu erproben. Auch hier hat ein Subject Lead - also eine Fachleitung - Zeit, die Arbeit zu koordinieren.
Die Schulstiftung ist verantwortlich dafür, optimale Bedingungen für gute Arbeit in ihren Schulen zu schaffen, unter anderem durch eine übergreifende Personalentwicklung, aber auch durch die Unterstützung bei der Lösung von Problemen vor Ort. Hier kommt für die Stichting Carmel College die Zusammenarbeit mit der Universität Twente ins Spiel, wo Kim Schildkamp und Cindy Poortman das Konzept der Data Teams entwickelt haben und es in die niederländische Schulpraxis bringen. Dabei handelt es sich um eine auf breite, problembezogene Datennutzung aufbauende Professionelle Lerngemeinschaft, die als Taskforce arbeitet und zunächst in einem divergenten Prozess Hypothesen formuliert, die dann einzeln getestet werden, um im Anschluss in einen konvergenten Lösungsprozess einzumünden - sie nennen es data informed learning. Aktuell arbeitet das Team an der Uni Twente an einer Erweiterung des Konzepts, das den Einbezug von Schüler*innen ermöglicht.
Fazit all dieser Eindrücke: Was wir von den Niederlanden lernen können, ist ein ganz selbstverständlicher Umgang mit Daten, wenn es um die Unterstützung von Kindern und Jugendlichen, aber auch um die der verschiedenen Entscheiderebenen in Schule geht. Unser Geschäftsführer Jacob Chammon hat das so zusammengefasst: “Data is not here to blame and shame – sondern eine Einladung zum gemeinsamen Lernen.”
Wir danken allen Gesprächspartner*innen in den Niederlanden, die sich für uns Zeit genommen und ihre Erfahrungen mit uns geteilt haben: Dutch Inspectorate of Education: Petra von Andel, Jasper von den Berg, Nelleke Deelen-Geuze, Saneke Schouwstra, Merel Spanier, Nathalie J. van der Wal, Thomas Westendorp, Wouter Wieldraaijer - CitoLab International: Aranka Bijl, Remco Feskens, Stefan Jansen, Sebastian de Klerk - Stichting Carmel College: Anne Tappel, Christel Wolterinck … - Scholengemeenschap Marianum: Tanja Gronewold, Kasper Put, Anne Tappel, … - University of Twente: Cindy L. Poortman.