Der Trendmonitor KI in der Bildung zeigt 2026 zum zweiten Mal, wie es um Künstliche Intelligenz in unseren Schulen steht. Zwei Wissenschaftler*innen und ein Lehrer blicken im Interview auf die derzeit größten Herausforderungen beim Thema, die Rolle von KI für die Lern- und Prüfungskultur sowie Chinas Weg und was daran für uns interessant sein könnte.
Im Gespräch:
- Prof. Dr. Uta Hauck-Thum:
Professorin für Grundschulpädagogik und -didaktik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Einer ihrer Schwerpunkte ist die Forschung und Lehre zur Kultur der Digitalität. - Prof. Dr. Niels Pinkwart:
Vizepräsident für Lehre und Studium der HU Berlin, Professor für Didaktik der Informatik / Informatik und Gesellschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin und wissenschaftlicher Direktor des Educational Technology Lab am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) Berlin. - Julian Fischer:
Lehrkraft für Mathematik und Physik an der Bertha-von-Suttner-Schule, Hessen, und dort auch verantwortlich für die Organisations- und Technologieentwicklung. Die Integrierte Gesamtschule ist 2026 mit dem KI-Schulpreis ausgezeichnet worden.
Herr Pinkwart, 2025 haben Sie gesagt, Deutschland stehe „an der Schwelle“ vom experimentellen zum strukturellen Einsatz von KI in Schulen. Ist die Schwelle nun überschritten?
Pinkwart: Wir sind, sagen wir, auf der Schwelle einen Schritt weitergekommen. Wir sind noch nicht in einer breiten strukturellen Nutzung, können aber sehen, dass KI bei den Lehrkräften angekommen ist: Viele nutzen sie täglich, sehr viele zumindest gelegentlich. Es zeigt sich aber auch, und das ist vielleicht ein Punkt, warum KI noch nicht in der Breite wirksam ist, dass sich eine Mehrheit noch unsicher fühlt, wie sie rechtlich sicher eingesetzt werden kann. Sehr viele Beispiele – so auch die Preisträger des KI-Schulpreis – zeigen aber, dass eine strukturierte, integrierte Nutzung von KI an einer gesamten Schule möglich ist.
Frau Hauck-Thum, wenn KI nicht nur einzelne Unterrichtsmethoden verändert, sondern Lernkultur insgesamt: Woran lässt sich diese Veränderung in einer Schule erkennen?
Hauck-Thum: KI kann ein Impulsgeber sein, aber der eigentliche Wandel ist strukturell: Eine veränderte Lernkultur erkennt man an der Art, wie gelernt, wie gedacht, wie zusammengearbeitet wird. Dass Schülerinnen und Schüler stärker Verantwortung für ihr Lernen übernehmen und selbstständiger arbeiten, ihre Lernwege reflektieren, KI als Möglichkeit zum Denken, Strukturieren, zur Ideenentwicklung nutzen oder auch für Feedback. Viele Lehrkräfte nutzen Künstliche Intelligenz bislang, um sich ihr Arbeiten in bestehenden Strukturen zu erleichtern – nicht, um es grundständig zu verändern. In der Breite sehe ich da noch nicht den Fortschritt.
Herr Fischer, an Ihrer Schule spielt KI eine große Rolle bei der Schulentwicklung. Wie wurde KI vom Thema einzelner Interessierter zum Weg der ganzen Schule?
Fischer: Wir haben früh mit der gesamten Schule besprochen: Das ist mehr als nur ein neues Tool, es geht um eine lernkulturelle Veränderung. Unsere Schule ist sehr offen für Neues. Trotzdem war es wichtig zu vermitteln: KI kommt nicht on top, sondern transformiert Vorhandenes, ersetzt etwas oder löst sogar vorhandene Probleme. Ganz wichtig war es auch, alle in der Schule zusammen zu holen, die bereit waren, sich damit zu befassen. Das waren zehn, zwanzig Personen. Und dann sind wir drangeblieben: pädagogische Tage, viele kleine Fortbildungen, viel darüber sprechen. Die Arbeit im KI-Innovationslabor der Robert Bosch Stiftung hat uns geholfen dranzubleiben. Um bei Skepsis und Sorgen aufzuklären, waren Handreichungen gut, etwa unseres Kultusministeriums, von der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission oder der Telekom- Stiftung. Informationen, die ein bisschen Halt geben, in so einem ungewissen Themenfeld.
„Viele Lehrkräfte nutzen KI bislang, um sich ihr Arbeiten in bestehenden Strukturen zu erleichtern – nicht, um es grundständig zu verändern. In der Breite sehe ich da noch nicht den Fortschritt.“
Prof. Dr. Uta Hauck-Thum
Welche KI-Kompetenzen brauchen Lehrkräfte heute?
Pinkwart: Aktuelle Kompetenzmodelle verbinden die klassischen Kompetenzen einer Lehrkraft, sei es fachdidaktisch, fachwissenschaftlich, erziehungswissenschaftlich, mit der technologischen Komponente. Das Modell von Alles, Falck, Flick und Schulz etwa thematisiert die verschiedenen Dimensionen: verstehen, anwenden, reflektieren, mitgestalten. Es ist ein Modell für Lehrende und Lernende, relativ nah an etablierten Modellen der Informatikdidaktik, was auch gar nicht so überraschend ist. Das AI-Literacy-Modell AILit umfasst neben Wissen, Fertigkeiten und Fähigkeiten auch Haltungen zu KI. Ihnen allen gemein ist: Es geht nicht nur um die rechtlichen Grundlagen oder technisches Wissen, sondern um einen integrativen Blick auf KI in schulischen Zusammenhängen; darum, Lehr-/Lernkulturen verändern zu können, statt reiner Tool-Anwendung und Arbeitserleichterung.
Und wie kommen die Kompetenzen „aus dem Modell in die Lehrkraft hinein“?
Hauck-Thum: Sie müssen systematisch aufgebaut werden, bereits in der Lehrkräfteausbildung, wo wir noch ein Defizit haben, und dann über eine kontinuierliche Fort- und Weiterbildung und schulinterne Entwicklungsprogramme. Hochschulen und Landesinstitute müssen da viel stärker zusammenarbeiten. Vor allem brauchen Lehrkräfte aber auch pädagogische Erfahrungsräume, in denen sie diese neuen Kompetenzen gemeinsam erproben, reflektieren, diskutieren können. Auch die Schüler sollten einbezogen werden. Schulen müssen zu Orten professionellen Lernens werden, an denen auch Unsicherheiten besprochen werden dürfen. Jede Schule muss ihren Weg finden, diese Räume und diesen veränderten kulturellen Rahmen zu schaffen. Das ist komplex, klar, aber eine komplexe Frage hat nie eine einfache Antwort und darauf müssen wir uns einlassen.
Als Integrierte Gesamtschule, Herr Fischer, haben Sie eine sehr heterogene Schülerschaft. Welche Rolle spielt KI bei der Bildungsgerechtigkeit?
Fischer: Bildungsgerechtigkeit ist für uns ein großes Thema, absolut. Und Individualisierung durch KI natürlich eine große Hoffnung. Da waren wir anfangs ernüchtert. Bis heute haben sich die Anwendungen, etwa im MINT-Unterricht, aber zum Glück sehr weiterentwickelt. Wir haben aber auch sehr schnell gemerkt, wie leicht KI Bildungsungerechtigkeit verstärken kann; zum einen, wenn durch finanzielle Unterschiede zu Hause kein Abo-Modell zur Verfügung steht, zum anderen, wenn Eltern einen guten Umgang mit KI zu Hause vorleben können – oder eben nicht. Deshalb ist es uns wichtig, explizit KI-Kompetenzen bei unseren Schülerinnen und Schüler zu fördern, konkret auch im Kontext Lernbegleitung durch ein Intelligentes Tutorielles System. Und allen eine wirklich gute KI zur Verfügung zu stellen. Damit niemand nur US-Modelle nimmt, die vielleicht zwischendrin noch ein paar Produktangebote platzieren.
Im aktuellen Trendmonitor zählt die Unabhängigkeit etwa von US-amerikanischen Anbietern zu den größten Herausforderungen. Aber wie realistisch sind in naher Zukunft konkurrenzfähige europäische KI-Lösungen?
Pinkwart: Hier müssen wir unterscheiden zwischen den grundlegenden Sprachmodellen und konkreten Systemen für den Bildungsbereich. Bei den 258 Bildungsanwendungen, die wir in der Marktrecherche für den Trendmonitor ermittelt haben, dominiert der US-Markt. Aber Deutschland, Österreich und die Schweiz stellen zusammen circa ein Drittel der Anwendungen; allein 77 kommen aus Deutschland. Wir sehen also eine signifikante Konsolidierung. Und einen klaren Trend weg von der Nutzung allgemeiner Sprachmodelle hin zu schulspezifischen Tools, die datenschutzkonform sind und oft mit Landeslizenzen. Auch Schulbuchverlage haben mehr und mehr KI in ihren Produktreihen. Da sehe ich Bewegung. Anders sieht das bei den dahinterliegenden Sprachmodellen aus. Hier braucht es dringend finanzielle Schritte, idealerweise auf europäischer und nationaler Ebene, denn die Tools aus Deutschland und Europa sind abgeschlagen hinter den US-amerikanischen und chinesischen. Da muss für die technologische Souveränität mehr passieren, vielleicht auch durch die Förderung von Open-Source- Modellen.
„Bei den Sprachmodellen braucht es dringend finanzielle Schritte, idealerweise auf europäischer und nationaler Ebene.“
Prof. Dr. Niels Pinkwart
Eine weitere große Herausforderung ist, dass durch KI-Nutzung Kompetenzen verlernt oder gar nicht erst erworben werden, Deskilling und Skill-Skipping genannt. Worauf müssen wir beim KI-Einsatz in der Schule achten, damit das nicht passiert?
Hauck-Thum: Wichtig ist: Gerade für Kinder aus bildungsfernen Familien ist Schule der einzige Ort, wo sie einen sinnvollen Umgang mit KI lernen können. Deshalb müssen Schulen Räume für den Umgang mit KI eröffnen. Und gleichzeitig gilt es zu verhindern, dass Kinder verlernen zu schreiben, zu argumentieren, problemlösend zu denken. Das ist eine komplexe Aufgabe, der wir nicht defizitorientiert begegnen sollten. Wir sollten eher überlegen, welche neuen Kompetenzen durch das Arbeiten mit KI bedeutsam werden. Reflexive, metakognitive Kompetenzen etwa gewinnen enorm an Bedeutung: KI-Ergebnisse kritisch einordnen, ein eigenes Urteil bilden, den eigenen Lernprozess planen. Wissen, wann ich KI sinnvoll einsetze oder selbst weiterdenke. Grundlegende Kulturtechniken – Lesen, Schreiben, kritisches Denken – werden deshalb nicht weniger wichtig. Ganz im Gegenteil. Und auch das fachliche Verständnis bleibt zentral, um KI überhaupt sinnvoll nutzen zu können.
Der Bildungsbereich braucht Evidenz. Aber Evidenz braucht oft Zeit, während KI sich sehr schnell entwickelt. Wie kann Forschung trotzdem verlässliche Orientierung geben?
Pinkwart: Die Entwicklung ist dynamisch. Das heißt aber nicht, dass wir gar keine belastbare Forschung zum Thema Künstliche Intelligenz im Bildungsbereich machen können. Grundlegende Fragen wie die zu Lerneffizienz oder Entlastungsgraden mögen sich mit Systemweiterentwicklungen ändern, sind aber in der Forschung wichtig, wenn wir die Systeme gezielt pädagogisch-didaktisch weiterentwickeln wollen. Hier sind aus meiner Sicht längerfristig angelegte Projekte sinnvoll, die Trends analysieren und seriös beforschen können, etwa in Reallaborszenarien, aber auch als Grundlagenforschung zu den Grundprinzipien, die Systeme für eine sinnvolle KI-geschützte Unterrichtsgestaltung erfüllen müssen. Das geht nicht einfach mit Tool-Weiterentwicklung.
Es ist Ihnen, Frau Hauck-Thum, ein besonderes Anliegen, die Prüfungskultur an Schulen zu verändern. Was bedeutet das konkret und welche Rolle kommt Künstlicher Intelligenz hierbei zu?
Hauck-Thum: Unsere bisherige Prüfungskultur kommt aus einer Zeit, in der Wissen vor allem reproduziert wurde. Aber die Bedingungen von Wissen haben sich eben grundlegend verändert: Informationen sind verfügbar, vor allem jetzt durch KI und da reicht es eben nicht aus, Prüfungen digital zu optimieren. Vielmehr müssen wir viel stärker sichtbar machen, wie Kinder und Jugendliche denken, Probleme bearbeiten, Entscheidungen treffen. Also weg vom Ergebnis, hin zum Lernprozess.
Reflexion, kreatives Problemlösen, Kollaboration – diese Kompetenzen gewinnen doch unheimlich an Bedeutung, und das müssen wir in Prüfungen abbilden. KI ist da auch wie eine Art Katalysator, worüber ich ganz froh bin: Sie macht sichtbar, dass bisherige traditionelle Formate an Grenzen stoßen. Wenn ein System Zusammenfassungen schreibt, Begriffe klärt, Lösungen generiert, dann müssen wir uns fragen, was wir eigentlich prüfen wollen.
Wo erleben Sie im Schulalltag den größten pädagogischen Mehrwert von KI?
Fischer: KI bringt uns Fokus auf die Beziehungen: schnell in der Lernbegleitung zu sein – statt erst das richtige Arbeitsblatt zu finden oder zu klären, wo jemand beim Lernen steht. Wenn ich das in dem Tool des Schülers oder meinem Dashboard sehe, kann ich sofort und individuell an die Essenz ran. Oder Materialerstellung: Ich glaube, da können wir mit KI-Assistenten in Kombination mit einer Materialdatenbank aus der jeweiligen Schule oder mit unserem Lernnetz, seinen Diagnosetests und passenden Aufgabenformaten noch viel mehr erreichen. Oder bei der Organisation: Wenn etwa jede Lehrkraft per KI-Assistent sofort die nötige Info aus dem Wissensspeicher unserer Schule erhält. Sowas bringt Ruhe und Aufmerksamkeit für das, wofür wir Lehrkraft geworden sind.
„KI bringt uns Fokus auf die Beziehungen: schnell in der Lernbegleitung zu sein – statt erst das richtige Arbeitsblatt zu finden oder zu klären, wo jemand beim Lernen steht.“
Julian Fischer
Der Trendmonitor 2026 wirft einen genaueren Blick auf den schulischen KI-Einsatz in China. Fernab einfacher Übertragungslogiken: Was könnte sich für uns vom Vorgehen Chinas ableiten lassen?
Pinkwart: Trotz unterschiedlicher Bildungssysteme gibt es überraschend viele Gemeinsamkeiten: Lehrkräfte nutzen KI zur Entlastung bei der Unterrichtsvorbereitung, die Angst vor Deskilling spielt eine große Rolle oder auch die Suche nach sicheren Räumen: Wir schaffen sie bei uns über datenschutzkonforme Landestools, China über staatlich geprüfte Listen mit erlaubten Anwendungen. Lernen können wir von China, wie stark das Land KI als systemische Infrastruktur begreift und eine landesweite Strategie hat, die auch sehr standardisiert umgesetzt wird. Es gibt in China mehr Verbindlichkeit statt loser Empfehlungen und auch einen sehr starken Fokus auf KI-Einsatz für Bildungsgerechtigkeit.
Hauck-Thum: Auch mein Eindruck in China war: Die Unterschiede sind gar nicht so groß. Die Ziele, die wir mit KI verfolgen, sind ganz ähnlich. Wir nutzen auch ähnliche Begrifflichkeiten – Future Skills, Beteiligung und Mental Health sind hier wie dort wichtige Themen. Was mich sehr zum Nachdenken gebracht hat, ist, wie stark in China die kulturelle Vorstellung von Schule Unterricht bestimmt, auch im Kontext technologischer Weiterentwicklungen. Und wie schwer es ist, den jeweiligen lernkulturellen Rahmen zu überwinden. Auch wir in Deutschland wollen Kinder in ihrer Lernentwicklung unterstützen, aber so richtig gelingt es uns nicht, weil wir an die Prüfungskultur nicht rangehen. Wir erfinden ein tolles Tool, aber am Ende werden doch wieder am gleichen Tag die gleichen Prüfungen geschrieben. Was den Einsatz von Technologie angeht, ist China durch die flächendeckenden Strategien natürlich deutlich schneller. Die Veränderung der Lernkultur stößt in beiden Ländern jedoch an ihre jeweiligen Grenzen.