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12.01.2017
Raus aus dem Teufelskreis

Digitale Medien sind heute allgegenwärtig. Schon Kinder kommen früh mit ihnen in Kontakt. Trotzdem können Lehramtsstudierende mancherorts noch immer ohne jeden Kontakt zu diesem Thema durchs Studium kommen – für die Hamburger Mediendidaktikerin Kerstin Mayrberger ein untragbarer Zustand. Sie fordert seit Jahren zusammen mit Kolleginnen und Kollegen, medienpädagogische Themen prüfungsrelevant in die Lehrerausbildung zu integrieren. Das könnte auch die Kluft schließen, die sich laut aktuellem Länderindikator zwischen den Bundesländern auftut: Die Selbsteinschätzung von Lehrkräften hinsichtlich ihrer digitalen Kompetenzen variiert hier von Land zu Land sehr stark.

 

Frau Professor Mayrberger, die Schulen in Deutschland haben sich auf den Weg in die digitale Zukunft gemacht. Im internationalen Vergleich stehen sie in diesem Bereich allerdings nur mittelmäßig ab. Wie steht es aus Ihrer Sicht um das Thema Digitale Medien an den Schulen?

Im Jahr 2009 gab es mit der Initiative „Keine Bildung ohne Medien“ eine Art erneute Aufbruchstimmung. Damals war klar geworden, dass es beim Thema Digitale Medien im Unterricht nicht mehr um das „ob“, sondern allein noch um das „wie“ geht. Akteure aus den verschiedenen medienpädagogischen Berufsfeldern – von der frühkindlichen Erziehung über die Erwachsenen­bildung bis hin zu den Hochschulen, Forschung und Lehrerbildung – hatten sich seinerzeit zusammengetan. Sie hatten unter anderem eine Grundbildung Medien für die jeweiligen Bereiche beschrieben und eingefordert, die weit über eine klassische Medienkompetenz hinausgeht. Ein großer Kritikpunkt war damals, dass es in Lehramts-Studiengängen kaum Wahlpflichtfächer gibt, etwa „Schulische Medienpädagogik“. Das Thema Digitale Medien steht momentan zwar wieder verstärkt auf der Agenda, aber eine institutionelle Verankerung oder verbindliche Vorgaben für die Schulen oder die Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern gibt es nach wie vor nicht – man kann immer noch ohne jeglichen Kontakt zu diesem Thema durch das Studium kommen.

Worin besteht denn aus Ihrer Sicht die wesentliche Herausforderung in der Lehrerbildung?

Es gibt einen Teufelskreis aus schlechten Erfahrungen und allgemeiner Skepsis. Wer in Schule und Universität nicht produktiv und didaktisch sinnvoll mit den digitalen Medien in Berührung kommt, ist auch sehr schwer zu überzeugen, dass dies auch einen positiven Wert haben kann. Klar muss aber sein: Das Gerät allein genügt nicht, man muss auch in die Lage versetzt werden, es sinnvoll zu nutzen und entsprechende Erfahrungen zu sammeln, sonst bleibt man auf Distanz. Diesen Teufelskreis sollten wir im Studium durchbrechen. Nur so können wir zu einem souveränen Umgang mit den digitalen Medien im Unterricht und letztlich auch in der alltäglichen Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler kommen.

Wie steht es Ihrer Wahrnehmung nach denn aktuell um die Medienkompetenz von Lehrerinnen und Lehrern?

Das ist noch sehr durchwachsen und hängt stark von der individuellen Affinität ab. Häufig besteht eine widersprüchliche Grundhaltung: intensive persönliche Nutzung digitaler Medien auf der einen, aber Zweifel in ihrem Einsatz im Unterricht auf der anderen Seite. Lehrerinnen und Lehrer müssen selbst über Medien­kompetenz verfügen, aber solange sie diese im Studium nicht in allen Facetten erwerben und Erfahrungen sammeln können, wird sich ihre Skepsis kaum ändern. Ein weiterer wichtiger Grund für eine ablehnende Haltung ist ganz sicher auch der unvermeidbare Kontrollverlust, der mit der Nutzung digitaler Medien einhergeht.

Welchen Kontrollverlust meinen Sie genau?

Digitale Medien laden geradezu ein, den Schülerinnen und Schülern immer mehr Verantwortung zu übergeben und als Lehrkraft stärker zum Begleiter zu werden. Der Einsatz digitaler Medien erfordert von den Lehrenden also nicht nur die Methodenkompetenz für den Fachunterricht, sondern auch der Kompetenz im Umgang mit Veränderungen in der Kommuni­ka­tions- und Unterrichts­struktur. Während im traditionellen Unterricht die Lehrperson vorgibt, wann wer was macht, wird nun vermehrt im Team oder allein mit Apps gearbeitet, etwa im Sprachunterricht. Jeder kann in seinem eigenen Tempo, zu seinen Zeiten in seiner Gruppe oder allein arbeiten. Ort und Zeitpunkt des Lernens lösen sich bisweilen aus den vorgegeben Strukturen und reichen bis in den privaten Bereich hinein. Dies alles ist mit Kontrollverlust verbunden. Aber es beinhaltet die Chance, Kindern und Jugendlichen das selbstständige Arbeiten beizubringen und Verantwortung zu übernehmen. Je enger der Schul­unter­richt gestaltet ist, desto weniger ist man auch später in Studium und Beruf – etwa als Lehrkraft – fähig, selbständig und problemorientiert zu arbeiten. Das ist ein Kreislauf, den es positiv zu gestalten gilt.

Was genau müsste das Studium denn leisten, damit künftige Lehrerinnen und Lehrer ihren Schülern einen verantwortungsvollen, zielführenden Umgang mit digitalen Medien vermitteln können?

Wir müssen im Studium die medienpädagogische Kompetenz weiter entwickeln, also die Studierenden systematisch sensibili­sieren, sich erzieherisch und didaktisch mit dem Lernen mit und über Medien im Unterricht auseinanderzusetzen. Dazu gehören medienspezifische Fragen über die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler und ihre Sozialisation, die Bedeutung von Medien in der Erziehung, aber auch der Didaktik sowie die Rolle der Medien für die Organisation – immer auch mit deutlichem Bezug zum Fachlichen. Diese Bereiche werden klassisch in der Lehrerbildung behandelt, sie sind das Mindestmaß, und natürlich sollte hier eine Lehrkraft selbst über die nötige Medienkompetenz verfügen. Sie sollte schon im Studium selbst Erfahrung sammeln können beim Lernen über und mit Medien, egal in welchem Fach. Momentan hängt es noch sehr von der Lehrperson in der jeweiligen Fachdidaktik ab, wie stark digitale Medien thematisiert werden. In meinen Augen gehören sie dort selbstverständlich integriert, um das Lernen mit Medien fachnah zu reflektieren. Gleichzeitig darf das Studium nicht auf das Lernen mit Medien verkürzt werden, denn im Unterrichtsalltag sind die Lehrenden mit beiden Anforderungen – lernen mit und lernen über Medien – konfrontiert. Es ist sehr wichtig, dass man sich als Lehrperson heute neben dem fachlichen Einsatz digitaler Medien auch übergreifend mit Digitalisierung in der Bildung und in der Lebenswelt auseinander­­setzt.

Welche konkreten Schritte wären nötig, damit dies künftig flächendeckend gelingen kann?

Wir brauchen verbindliche Regelungen, also Anpassungen der Lehrpläne in den Schulen und die Einführung prüfungsrelevanter Fächer in allen Phasen der Lehrerbildung. Meine Hoffnung liegt auf dem Papier, das die Kultusministerkonferenz gemeinsam mit Experten erarbeitet hat und in diesem Herbst vorlegen will, denn ohne einen solchen formalen Hebel wird sich kaum etwas ändern. Dann könnte es auch gelingen, dass digitale Medien in Schule und Hochschule in allen Fächern unaufgeregt und souverän genutzt werden.

 

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Prof. Kerstin Mayrberger hat an der Universität Hamburg eine Professur für Mediendidaktik mit dem Forschungsschwerpunkt Digitalisierung von Lehren und Lernen inne. 

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