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01.04.2015
"Mehr Motivation!"

Sie haben PISA in den vergangenen 15 Jahren mitgestaltet wie wenige andere: In Interviews mit dem Magazin m.b. der Deutsche Telekom Stiftung sprachen Professor Eckhard Klieme, Professor Manfred Prenzel und Dr. Andreas Schleicher darüber, was sich in jener Zeit verändert hat, wo sie noch Handlungsbedarf sehen und wie sie PISA-Kritikern gegenüberstehen.

Die erste PISA-Studie liegt nun 15 Jahre zurück Wie haben Sie die ersten Reaktionen in Erinnerung?

Prenzel: Politik und Öffentlichkeit waren richtig schockiert von den Ergebnissen: Deutschland lag ja nicht nur in allen Bereichen unter dem Durchschnitt der OECD-Staaten, sondern hier war zudem der Zusammenhang mit der sozialen Herkunft besonders stark ausgeprägt.

Klieme: Vor allem durch diesen Hinweis auf soziale Disparitäten im Bildungswesen und auf die Situation von Jugendlichen aus zugewanderten Familien hat PISA ein Echo gefunden, wie es die Bildungsforschung seit Jahrzehnten nicht erlebt hatte. Angesichts der Dringlichkeit der politischen und pädagogischen Aufgaben, die PISA deutlich aufzeigte, nahmen auch Kritiker der empirischen Bildungsforschung die Studie als Instrument der Aufklärung ernst.  

War der Schock heilsam? Was hat PISA aus Ihrer Sicht bewirkt?

Schleicher: Im europäischen Vergleich steht Deutschland heute sehr viel besser da. Insbesondere ist es gelungen, die großen sozialen Disparitäten zu reduzieren.

Prenzel: Eine der wichtigsten Konsequenzen bestand darin, die Qualität von Unterricht und Schule von den Lernergebnissen her zu betrachten und entsprechend Initiativen zur Sicherung und Weiterentwicklung der Unterrichtsqualität zu starten. Dazu zählten auch Programme zur Professionalisierung der Lehrkräfte. Die Niveauprobleme und die großen Unterschiede zwischen den Bundesländern  veranlassten dazu, länderübergreifende Bildungsstandards für die wichtigsten Bereiche auszuarbeiten. Außerdem wurden die Lehrkräfte mit Verfahren vertraut gemacht, wie sie ihren Lehrerfolg überprüfen und im Kollegenkreis verbessern konnten.

Klieme: Aufgrund seiner exzellenten methodischen und theoretischen Grundlage – von den verwendeten Befragungs- und Testinstrumenten über die Stichprobenziehung bis zur Tiefe der Auswertungen – hat PISA zudem neue Maßstäbe für die Bildungsforschung gesetzt.

Dennoch halten nicht alle Pädagogen Leistungs- und Vergleichstests für sinnvoll. Einige brachten ihre scharfe Kritik an PISA erst 2014 in einem offenen Brief an Sie, Herr Dr. Schleicher, zum Ausdruck.

Schleicher: Internationale Vergleiche sind komplex und nicht perfekt, aber die meisten heute noch verwandten Kritikpunkte sind bei den neuen PISA-Studien längst berücksichtigt. Wenn uns die Wirtschaftskrise eines gelehrt hat, dann dass wir gesellschaftlichen Fortschritt nicht mit Konjunkturpaketen kaufen können. Stattdessen müssen wir deutlich mehr Menschen Zugang zu besserer Bildung verschaffen. Wir können nur das verbessern, was wir bewerten können. Und in einer globalen Realität ist der Maßstab für Erfolg letztlich nicht, nur besser als in der Vergangenheit zu sein. Man muss sich an den erfolgreichsten Bildungssystemen der Welt messen. Deshalb sind Referenzsysteme wie PISA unabdingbar.

Klieme: Unser Schulsystem, die betroffenen Eltern und Jugendlichen, auch die Gesellschaft als Träger dieses Systems haben ein Anrecht auf Transparenz über Wirkungen und Nebenwirkungen, Stärken und Schwächen des Systems. Und sie haben das Recht, dass immer wieder aufs Neue nach Hinweisen gesucht wird, wie man Schulbildung verbessern kann. PISA ist also ein unverzichtbares Instrument der Aufklärung. Und das leistet es auf der Basis von Stichprobenstudien, die entgegen mancher Kritik nicht übermäßig in den Schulalltag eingreifen: An PISA nehmen gerade mal zwei von 1.000 Jugendlichen für einen Vormittag teil!

Was bleibt mit Blick auf die nächsten 15 Jahre PISA zu tun, was können wir von anderen Ländern lernen?

Prenzel: Wir müssen einerseits die Spitzengruppe der besten Schüler weiter stärken und andererseits noch mehr Anstrengungen unternehmen, damit der Anteil Leistungsschwacher sinkt. Wichtig scheint es mir zu sein, nun nicht mehr nur auf die Leistung zu sehen, sondern die Lernmotivation und das Interesse gerade an der Mathematik und an den Naturwissenschaften besser zu fördern.

Schleicher: Traditionell sind Lehrer und Schulen in Deutschland die letzte ausführende Instanz eines komplexen Verwaltungsapparates. Die erfolgreichsten Schulsysteme hingegen messen sich daran, was die Schule als selbstständige Einheit leisten kann, die Verantwortung für ihre Ergebnisse übernimmt anstatt diese auf andere Schulformen oder weniger anspruchsvolle Bildungswege abzuwälzen. Ihren Lehrern gelingt es, das Potenzial aller Schüler zu heben und die außergewöhnlichen Fähigkeiten gewöhnlicher Schüler zu entdecken und zu fördern – durch Lehr- und Lernformen, die wirklich auf den einzelnen Schüler zugeschnitten sind.

Einen ausführlichen Hintergrundartikel zum PISA-Test und seinen Folgen für das deutsche Bildungssystem lesen Sie in der aktuellen Ausgabe unseres MINT-Bildungsmagazins m.b.


Prof. Dr. Manfred Prenzel war von Anfang an Mitglied des nationalen PISA-Konsortiums und nationaler Projektmanager der Schulvergleiche für PISA 2003, 2006 und 2012. Er ist auch Mitglied des Kuratoriums der Deutsche Telekom Stiftung. (Foto: facesbyfrank)


Prof. Dr. Eckhard Klieme ist Direktor des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPS). Er wirkt seit dem ersten Projektzyklus in verschiedenen Rollen auf nationaler und internationaler Ebene an PISA mit. (Foto: Fotorismus für DIPF)


Dr. Andreas Schleicher ist der internationale PISA-Koordinator der OECD. (Foto: OECD/Marco Illuminati)

Titelfoto: Robert Kneschke/Shutterstock.com
 

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