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Das Bild zeigt den Schüler Xant Veugen bei der Arbeit an einem Lego-Roboter.

Lerne lieber ungewöhnlich

Seit Jahrzehnten herrscht im Unterricht das gleiche Bild: Der Lehrer spricht, die Schüler hören zu. Muss das sein? Nein, sagen immer mehr Schulen und beschreiten neue Wege – mit viel Kreativität und einer guten Portion Pioniergeist.

Als der 14jährige Xant Veugen an diesem Morgen gegen 9 Uhr in die Schule kommt, läuft er durch die große lichtdurchflutete Eingangshalle, vorbei an einer drei Meter hohen Kletterwand, an der ein Junge und ein Mädchen gerade an langen Seilen hängend durch die Luft segeln. Spektakulär – doch Xant hat es eilig. Sein Ziel ist die Werkstatt. Dort warten schon seine Mitschüler, mit denen er an ihrem gemeinsamen Projekt weiterarbeiten will. Zielgerichtet steuert er auf eine Kiste mit Lego-Steinen zu und wühlt sich durch die bunten Klötzchen. Welches Teil braucht das Team, was kann zurück in die Kiste? Was für Unbeteiligte zunächst aussieht wie eine Spielerei, ist tatsächlich ein anspruchsvolles Vorhaben, das den Achtklässler und seine Mitschüler in den kommenden vier Monaten beschäftigen wird. Die Jugendlichen beteiligen sich an einem internationalen Wettbewerb des dänischen Spielzeugherstellers, für den sie einen Roboter bauen und programmieren müssen.

Dass Xants Alltag so ausgefallene Projekte beinhaltet, liegt daran, dass sein Gymnasium im niederländischen Roermond, gleich hinter der deutschen Grenze, eine eher ungewöhnliche Bildungseinrichtung ist. Sie heißt Wings Agora. Dort gibt es weder Stunden oder Lehrpläne noch Klassenräume. Die Schüler treffen sich in großen, gemütlich eingerichteten Räumen, wo sie je nach Lust und Laune mit ihren Laptops oder ihren Büchern an Tischen oder auf Sofas sitzen. Lehrer heißen hier Coaches, sie stehen jederzeit als Ansprechpartner und Ratgeber bereit. Jeder darf, aber niemand muss zu ihnen kommen. Und statt ihre Köpfe täglich in 45-Minuten-Einheiten in Schulbüchern zu vergraben und Arbeitsblätter auszufüllen, suchen sich die Schüler eigene, ihren individuellen Interessen entsprechende Projekte, sogenannte Challenges, die sie je nach Aufwand und Schwierigkeitsgrad für Tage, Wochen oder Monate bearbeiten. So wie Xant seinen Lego-Roboter.

Das Bild zeigt die innovative Lernarchitektur der Wings Agora Schule in Roermond.
Innovative Schularchitektur unterstützt an der Wings Agora in Roermond die Lernprozesse der Schüler.

„Unsere Schule ist eine Mischung aus Harvard und Disneyland“, sagt Rob Houben, einer der Köpfe hinter dem Konzept. „Wir vermitteln anspruchsvolles Wissen – aber auf eine spielerische Art.“ Der Name Wings ist sehr bewusst gewählt: Die Schule will den Jugendlichen Flügel verleihen – und Mut zum eigenen Denken. Um das zu erreichen, entscheiden die Schüler nicht nur selbst über ihre Lerninhalte, sondern greifen bei der Umsetzung ihrer Projekte auch auf externe Experten zurück. Das kann die Wissenschaftlerin einer Hochschule sein, der Mitarbeiter eines Unternehmens – oder einfach ein YouTube Video im Internet.

Die Jugendlichen, so die Idee, sollen über den Tellerrand der Schule schauen und sich Unterstützung bei den Leuten holen, die sich auf ihrem Gebiet wirklich auskennen. Das alles tun sie weitgehend eigenständig, im Laufe der Projekte gibt es aber immer wieder kurze Besprechungen mit den Coaches: Gibt es Probleme? Müssen die Ziele neu festgelegt werden? Brauchen die Schüler Hilfe beim Finden des richtigen Kontakts oder der passenden Quelle? Gegen Ende der Schullaufbahn bietet die Schule allen Interessierten zusätzlich Unterricht in Kleingruppen an, etwaige Wissenslücken werden gezielt geschlossen, um die Schüler so auf die nationalen Abschlussprüfungen vorzubereiten.

Das Lernen in Projekten, wie es in Roermond praktiziert wird, gilt auch unter Experten hierzulande als der richtige und zeitgemäßere Weg. Namen gibt es dafür viele, manche sprechen von Agilem Lernen, andere von Deeper Learning. Ein Gedanke aber eint alle Ansätze: Das traditionelle Unterrichtsmodell, wie wir es seit Jahrzehnten kennen und praktizieren, wird auf den Kopf gestellt. „Schulische Abläufe und Strukturen, die zu Humboldts Zeiten noch in novativ waren, passen heute einfach nicht mehr“, sagt etwa die freie Bildungswissenschaftlerin Katharina Hamisch, die unter anderem an der Universität Paderborn gelehrt hat und sich seit vielen Jahren mit Neuerungen und Transformationen im Bildungsbereich beschäftigt. „Reine Fakten können wir doch inzwischen jederzeit und von überall im Internet abrufen. Deshalb bräuchte es in der Schule heute die Vermittlung ganz anderer Kompetenzen.“

»Schulische Abläufe wie zu Humboldts Zeiten passen heute einfach nicht mehr.«

So sei es wichtiger, dass Schüler lernten, gute Fragen zu stellen, zu recherchieren, fachlich verlässliche Quellen von nicht verlässlichen zu unterscheiden und das neue Wissen dann in verschiedene Kontexte zu integrieren. Dabei, ist sich die Bildungsexpertin sicher, helfe das Lernen in Projekten. „Es bringt nicht nur die individuellen Stärken der einzelnen Schüler hervor, sondern fördert Kreativität, Teamfähigkeit, komplexes Denken aus unterschiedlichen Blickwinkeln und kritisches Hinterfragen. Wichtige Fähigkeiten, um den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts begegnen zu können.“ Katharina Hamisch steht mit ihrer Forderung einer neuen Art von Unterricht nicht alleine da. Und doch ist die Zahl der Bildungseinrichtungen, die es wagen, ausgetretene Pfade zu verlassen, bislang überschaubar. Zwar wird die Arbeit dieser Leuchtturmschulen vielerorts aufmerksam verfolgt, Nachahmer finden sich aber nur wenige.

Fast 500 Kilometer von Roermond entfernt, in Hamburg, arbeitet Waldemar Schmidt. Auch hier, an der Beruflichen Schule ITECH Elbinsel Wilhelmsburg, wird Unterricht neu gedacht. Schmidt ist studierter Medientechniker und Mathematiker. Nach einer beruflichen Station als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer Hochschule entschied er sich für den Wechsel ins Lehramt. Seit zwei Jahren unterrichtet er an der ITECH das Fach Anwendungsentwicklung. Dass der 33Jährige, wie er es selbst aus seiner Schulzeit kennt, dabei am Pult steht und den Schülern Stoff vor trägt, kommt so gut wie nie vor.

Das Bild zeigt den Lehrer Waldemar Schmidt im Klassenzimmer.
Lehrer Waldemar Schmidt nutzt in seinem Unterricht an der ITECH in Hamburg die Deeper-Learning-Methode.

Schmidt und seine Kollegen setzen stattdessen auf das Konzept des Deeper Learning und die Lernkultur SkiL@ITECH – zwei Ansätze, die denen in Roermond sehr ähnlich sind. Die Idee: Schüler sind nicht länger passive Wissensempfänger, sondern gestalten ihr Lernen aktiv – dabei nutzen sie verstärkt digitale Möglichkeiten. „Den Lernprozess in die Hände der Schüler übergeben“, nennt Schmidt das. Die Motivation, sich tiefer in ein Thema einzuarbeiten, soll im Idealfall ganz aus ihnen selbst kommen, jeder soll seinen eigenen Weg finden. Auch in Hamburg sind die Lehrer deshalb weniger Wissensvermittler als vielmehr Coaches, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Auch hier stehen deshalb Projekte im Mittelpunkt des schulischen Alltags. Die Schüler wählen ihren eigenen Schwerpunkt und arbeiten weitgehend autonom.

Dass das auch eine Herausforderung sein kann, erzählt die angehende Fachinformatikerin für Systemintegration Chiara Bradler: „Alleine die Entscheidung zu treffen, was einen wirklich interessiert, woran man in den kommenden Monaten arbeiten möchte, erfordert eine tiefergehende Auseinandersetzung mit sich selbst, kostet Zeit und Kraft.“ Hinzu komme die Herausforderung, sich seine Zeit einzuteilen. „Niemand diktiert dir, wann du was zu machen hast, wir sind vollkommen frei – auch in der Ausgestaltung. Am Ende muss nur das Ergebnis stimmen“, so die 23-Jährige. Zu lernen, mit dieser neuen Freiheit umzugehen, ist der erste Schritt, den alle neuen Schüler machen. Kein einfacher, aber Waldemar Schmidt ist überzeugt, dass es sich lohnt. Ginge es nach Schmidt, würden mehr Schulen in Deutschland Deeper Learning anwenden.

Auch Katharina Hamisch würde sich das wünschen. Doch sie weiß, dass es bis dahin noch ein weiter Weg ist: „Die Transformation in eine zeitgemäße Schule hängt von vielen Akteuren ab. Zur Umsetzung braucht es nicht nur engagierte Lehrer und Schulleitungen, auch Schulverwaltung und Bildungspolitik müssen mitziehen und den Wandel auf in haltlicher und struktureller Ebene unterstützen.“ Ein erster Schritt könnte sein, den Schulen per Gesetz mehr Gestaltungsfreiraum zu gewähren. Vielleicht würde es dann bald mehr Schulen mit Pioniergeist geben, wie er in Roermond und Hamburg bereits zu spüren ist.


Der Artikel ist in Ausgabe Nr. 12 unseres Bildungsmagazins „sonar“ zum Thema „Pioniergeist“ erschienen.

 

Text: Marie-Charlotte Maas
Fotos: Jens Sundheim, Hendrik Lüders