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Thomas Reppert und Mario Vindice

Wo stehen wir im digitalen Wandel?

Die Digitalisierung verändert nicht nur Arbeitsprozesse, sondern auch Berufsbilder. Drei Ausbilder und ihre Auszubildenden berichten: Was prägt die Ausbildung heute? Wie verändert sie sich?

Thomas Reppert setzt auf eine Ausbildung auf Augenhöhe bei Haribo und hat Nachwuchs-Fachinformatiker Mario Vindice von Beginn der Ausbildung in die Projekte eingebunden.


Thomas Reppert, 31 Jahre, seit rund zwei Jahren Ausbilder:
Nur zwölf Jahre nach dem Start meiner eigenen Ausbildung zum Fachinformatiker hat sich in der IT immens viel getan, von der Ausstattung bis zum Ausbildungskonzept. Damals bestanden Trainingsumgebungen meist aus Altgeräten, auf denen gelernt wurde. Unsere Auszubildenden arbeiten heute vermehrt mit Live-Systemen, die Technik ist auf dem allerneusten Stand. Umso mehr erstaunt, dass in der außerbetrieblichen Ausbildung noch immer die gleichen Themen behandelt werden wie zu meiner Zeit – auf Basis eines Ausbildungsrahmenplans aus dem Jahr 1997. Tatsächlich wechseln in unserem Beruf die Trends stets und ständig, das Tempo neuer Entwicklungen ist rasant. Vor allem Cloud-Services sind derzeit ein einflussnehmender Trend, vor dem sich Unternehmen kaum verschließen können. Bei Haribo spiegelt sich die zunehmende Digitalisierung insbesondere in der Automation wider. Zum Beispiel kommen immer mehr Roboterund Greifsysteme zum Einsatz. Das heißt unter anderem, dass zunehmend automatisierte Arbeitsprozesse den Bedarf an IT steigern. Mit einer Ausbildung im eigenen Hause möchten wir diesen auch in Zukunft decken können. Als Ausbilder ist mir wichtig, dass unsere beiden Auszubildenden sowohl eigenständig kleine Projekte betreuen als auch übergreifende Prozesse begleiten. Dabei erfahren sie gleichzeitig, wie wichtig es in unserem Job ist, ständig dazuzulernen. Wer nicht am Ball bleibt, der wird ganz schnell abgehängt. Für mich ist es selbstverständlich, mich auch außerhalb der Arbeitszeit weiterzubilden, ob über Newsletter, Bücher oder in Fortbildungen.“


Mario Vindice, 19 Jahre, erstes Ausbildungsjahr:
Wohin die Reise später gehen soll, hat sich bei mir während der Höheren Handelsschule abgezeichnet. Durch die Wahl einer Klasse, die ausschließlich papierlos, also mit dem Tablet arbeitet, habe ich mich auf den Schwerpunkt Informationstechnik festgelegt. Nach verschiedenen Praktika ist mir klar geworden: Nicht ein kaufmännischer Beruf ist das Richtige für mich, sondern eine Ausbildung in der IT. Mir macht es einfach Spaß, mich mit technischen Fragestellungen und Problemen auseinanderzusetzen und mir immer wieder neue Geräte und Programme zu erschließen. Typische Programmiertätigkeiten gehören in der Ausbildung zum Fachinformatiker der Fachrichtung Systemintegration ebenso dazu wie Server aufzubauen. Darüber hinaus unterstütze ich meine Kollegen im Helpdesk, der ersten Anlaufstelle für Mitarbeiter, wenn es um abgestürzte Mailprogramme oder andere technische Schwierigkeiten geht. Positiv überrascht hat mich, dass ich von Beginn an möglichst selbstständig arbeiten durfte. Mir gefällt aber auch, in große Projekte eingebunden zu sein, zum Beispiel in die Umstellung des Rechenzentrums. In unserem Beruf gestalten wir die Digitalisierung mit. Ständig lernbereit zu sein, auch in Zukunft, schreckt mich nicht ab, es spornt mich an.“
 

 

Detlef Krischek und Dana Rosigkeit

Detlef Krischek und Dana Rosigkeit arbeiten zusammen als Zahntechniker in einem Labor, dass immer digitaler wird.


Detlef Krischek, 59 Jahre, seit 26 Jahren Ausbilder:
„Seit meiner Meisterprüfung 1992 bilde ich Zahntechniker aus, zunächst als Angestellter, seit 2004 im eigenen Labor. Spürbar gewandelt hat sich seitdem weniger das Was als das Wie. Meine eigene Ausbildung Mitte der 1970er war noch von einer strengen Hierarchie geprägt: an der Spitze Meister und Techniker, die aber längst nicht alles Wissen teilten. Heute würde das nicht mehr funktionieren. Denn wenn ich einem Auszubildenden kaum etwas beibringe – wie könnte er mir dann helfen? Allein mit Blick auf die seit Jahren sinkende Zahl der Bewerber und Ausbildungsverhältnisse wäre das kontraproduktiv. Dazu kommt die fortschreitende Digitalisierung. Damit wir auch morgen noch wettbewerbsfähig sind, müssen wir nicht nur in Geräte und Software investieren, sondern auch in Aus- und Weiterbildung. Vor vier Jahren haben wir unseren ersten Scanner gekauft, die elektronische Alternative zum händischen Fertigen von Gebissmodellen. Inzwischen stellen wir rund die Hälfte aller Kronen digital her, also mithilfe sogenannter CAD-Programme. Die Daten übermitteln wir an einen Dienstleister, der eine Fräsmaschine damit füttert und uns mit dem fertigen Produkt beliefert. Andere technologische Entwicklungen wie der 3-D-Druck stehen noch am Anfang. Fest steht für mich aber auch: Nur wer sein Handwerk beherrscht, also das komplette analoge Rüstzeug erworben hat, wird in der Lage sein, die Technik richtig zu nutzen. Das ist mir bei der Ausbildung ganz wichtig.“
 

Dana Rosigkeit, 19 Jahre, zweites Ausbildungsjahr:
„Eine Ausbildung zu finden, die zu mir passt, war gar nicht so einfach. Über Praktika habe ich nach meinem Realschulabschluss in verschiedene Bereiche hineingeschnuppert. So bin ich von der Altenpflege über den Garten- und Landschaftsbau zur Zahntechnik gekommen. Dass man hier so viele verschiedene Dinge lernt, mit unterschiedlichen Werkzeugen, Maschinen und Werkstoffen zu tun hat, macht für mich die Ausbildung zur Zahntechnikerin so spannend. Ich lerne praktisch jeden Tag etwas Neues beim Anfertigen oder Reparieren von Füllungen, Kronen und Schienen. Technisches Verständnis ist beim Gießen, Schleifen, Fräsen und Brennen genauso wichtig wie Fingerspitzengefühl. Außerdem braucht man ein sehr gutes Auge, um selbst minimale Farbunterschiede feststellen zu können. Mein größter Ansporn ist es, Menschen mit dem Ergebnis meiner Arbeit wieder ein schönes Lächeln zu schenken. Mir ist bewusst, dass vieles, was heute noch analog passiert, schon bald digital ablaufen wird. Angst sollte man davor aber nicht haben, finde ich – im Gegenteil. Ich stelle mir vor, dass unser Beruf dadurch noch vielfältiger und interessanter wird. Bald auch den Scanner und PC bedienen zu dürfen, darauf freue ich mich schon. Schade, dass die neue Technik in der Berufsschule gar kein Thema ist.“

 

 

Markus Breuer (links) und Florian Lucahsen von Petit & Gebr. Edelbrock

Markus Breuer (li.) und Florian Lucahsen arbeiten bei Petit & Gebr. Edelbrock in Gescher. Das Unternehmen ist eine der letzten vier Glockengießereien in Deutschland und kaum von Digitalisierung geprägt.


Markus Breuer, 51 Jahre, seit 18 Jahren Ausbilder:
„Meine eigene Ausbildung bei Petit & Gebr. Edelbrock liegt 35 Jahre zurück. Alles aus einer Hand – das ist buchstäblich noch immer unser Anspruch. Glocken gießen wir im Prinzip genauso wie vor mehr als 300 Jahren, als das Unternehmen gegründet wurde: nahezu analog, wenn man so will. Einzig unser Schmelzofen wird seit den 1990ern maschinell gesteuert. Das heißt, statt am Rädchen zu drehen, drücken wir jetzt aufs Knöpfchen. Auch im Kunstguss, der für uns wirtschaftlich immer wichtiger geworden ist, hat sich nur wenig getan. Nicht die Ausbildungsinhalte haben sich also verändert, sehr wohl aber der Umgang mit dem betrieblichen Nachwuchs. Auszubildende sind bei uns gleichwertige Teammitglieder. Wir begrüßen und fördern Eigenverantwortung – ausdrücklich. Das verlangt schließlich der Markt auch von uns. Früher war unsere Expertise heiß begehrt, der Betrieb ein Selbstläufer. Heute müssen wir laufend akquirieren – obwohl wir eine der letzten vier Glockengießereien der Republik sind. Dabei hilft uns jedoch die Digitalisierung. Neben dem Smartphone ist der PC das wichtigste Hilfsmittel für Auftragsanbahnung, -abwicklung und Selbstdarstellung: der Austausch mit Kunden und Künstlern über Mails, die Pflege unserer Website und unseres Facebook-Auftritts. Allein über die virtuellen Kanäle haben wir in den vergangenen Jahren mehr als 1.000 Kontakte geknüpft.“

Florian Lucahsen, 25 Jahre, erstes Ausbildungsjahr:
„Nach meinem Fachabitur habe ich zunächst eine Ausbildung zum Zimmermann gemacht. Als Geselle ist mir aber klar geworden: Das wars noch nicht für die nächsten 45 Jahre. An der Ausbildung zum Metall- und Glockengießer in der Fachrichtung Kunst- und Glockengusstechnik reizt mich vor allem die Vielseitigkeit. Am spannendsten finde ich, mit so vielen unterschiedlichen Materialien zu arbeiten, von Metallen über Lehm bis Wachs. Jeder Tag ist anders. Und am Abend kann man sehen und fühlen, was man geschafft oder sogar geschaffen hat. Mein wichtigstes Werkzeug sind meine Hände. Als Metall- und Glockengießer muss man aber nicht nur handwerklich geschickt sein, zum Beispiel mit Hammer und Meißel umgehen können. Wichtig sind auch räumliches Vorstellungsvermögen und ein gutes Auge für Proportionen und Ästhetik. Hätte ich eine blitzsaubere Industriehalle als Arbeitsplatz erwartet, wäre ich hier auf jeden Fall fehl am Platz. Sich schmutzig zu machen, gehört in diesem Job dazu. Harte körperliche Tätigkeiten wechseln sich ab mit konzentriertem millimetergenauen Arbeiten. Bisher meine einzige berufliche Berührung mit der digitalen Welt: Ich helfe mit bei der Pflege unseres Facebook-Auftritts.“

 

Autorin: Heike Hucht / Fotos: Sascha Kreklau, Andreas Loechte