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Die Tanzpartner Johannes Schäfer und Maïra Djouban sitzen auf einem Podest.

Training fürs Leben

Sport macht Spaß und hält fit. Doch junge Menschen können dabei 
auch viel über und für sich lernen. Immer mehr Sportvereine wollen dieses Bildungspotenzial heben.

„… fünf und sechs und sieben und acht.“ Ingo Körber steht in der Turnhalle des Christoph-Jacob-Treu-Gymnasiums im fränkischen Städtchen Lauf an der Pegnitz und gibt den Takt vor. Ihm gegenüber wirbeln im Samba-Rhythmus acht Tanzpaare durch die Halle und bilden mit perfekt synchronen Bewegungen geometrische Figuren auf der Fläche, erst ein Quadrat, dann eine Raute, jetzt ein Dreieck. Sechs Minuten – so lange dauert die gesamte Choreografie. Es braucht nicht viel Vorstellungskraft, um zu erahnen, wie anstrengend das sein muss. Immer wieder flitzen Maïra Djouban, Johannes Schäfer und ihre Teamkameraden in den kurzen Pausen an die Seitenlinie und nehmen einen Schluck aus der Wasserflasche. „Es ist total hart, vor allem in den hohen Schuhen“, sagt Maïra, 17, und schaut leicht gequält hinab auf ihre Füße. „Man wird auf jeden Fall richtig fit“, ergänzt Johannes, ein Jahr jünger.

Lateinamerikanischer Formationstanz wird hier am Gymnasium seit mehr als zehn Jahren angeboten, aber nicht im regulären Sportunterricht, sondern als Wahlfach ab der siebten Klasse. Dafür kooperiert die Schule mit dem TSC Rot-Gold-Casino im benachbarten Nürnberg, einem der renommiertesten Tanzvereine Bayerns. Eingefädelt hat die Zusammenarbeit Lehrer Ingo Körber, der an der Schule Mathematik, Wirtschaft und Informatik unterrichtet. Körber selbst tanzt, seit er 15 ist. Bei Rot-Gold-Casino engagiert er sich als Leistungssportwart. Formation sei für junge Menschen der ideale Sport, sagt er, nicht nur, weil es fit mache. Positive Effekte gebe es auch über das Körperliche hinaus. „Die Konzentrationsfähigkeit verbessert sich enorm, weil man bei der Choreo auf so viele Dinge gleichzeitig achten muss“, erklärt er. Außerdem würden die Jugendlichen selbstbewusster, gingen buchstäblich mit mehr Haltung durchs Leben. Nicht zuletzt vermittele das Tanzen in der Gruppe ihnen wichtige Werte wie Teamgeist, respektvollen Umgang miteinander und Disziplin. „Davon haben sie auch später im Berufsleben noch etwas“, sagt Körber.
 


Sport schafft Lerngelegenheiten
Was der Tanztrainer an seinen Schülern beobachtet, wird durch die Wissenschaft gestützt. „Sport kann viele positive Auswirkungen auf die Persönlichkeit von Kindern und Jugendlichen haben“, sagt der Sportpädagoge Professor Nils Neuber, der an der Universität Münster zu Bildungsprozessen im Sport forscht. Dabei interessiert sich Neuber nicht nur für den Schul-, sondern auch für den Vereinssport. Insbesondere der Wettkampfsport auf Vereinsebene biete Lerngelegenheiten, sagt er. „Das sind ja immer authentische Situationen: Man kann ein Erfolgserlebnis haben oder eben auch scheitern. Als junger Mensch nimmt man hier eine ganze Menge mit.“ 

Neubers Forschung hat allerdings ergeben, dass die meisten dieser Lernprozesse informell ablaufen, also quasi ungeplant. „Wenn ein Volleyballspieler an einem schlechten Tag jede Ballannahme vermasselt, dann helfen ihm seine Teamkameraden – das geschieht ganz von selbst, denn sie wollen ja gewinnen“, erklärt er. Reflektiere man das Geschehen später, könne man aber durchaus sagen, die Spieler hätten ihre soziale Kompetenz gestärkt.

Darüber hinaus gibt es laut Neuber gerade im Kinder- und Jugendsport aber auch die Möglichkeit, Bildungsprozesse bewusst zu inszenieren. Das bestätigt Dr. Karen Petry, die sich an der Deutschen Sporthochschule in Köln unter anderem mit Freizeitsport beschäftigt. Gefordert seien dabei vor allem die Übungsleiter, so Petry. „Allerdings ist deren primäres Ziel im Trainingsbetrieb natürlich die Vermittlung von sportpraktischen Fertigkeiten.“ Solle der Vereinssport darüber hinaus eine erzieherische Aufgabe im Sinne einer Wertevermittlung übernehmen, so benötigten die Trainer entsprechende pädagogische Kompetenzen, findet Petry. Einige Landessportbünde haben das schon erkannt. Nordrhein-Westfalen etwa schaltete vor ein paar Jahren die groß angelegte Kampagne „Beim Sport gelernt“. Die Absicht dahinter: zeigen, dass neben Kitas, Schulen und Hochschulen auch die Sportvereine des Landes wichtige Bildungsakteure sind. Nachholbedarf haben hingegen noch die Sportfachverbände: In deren Übungsleiter-Ausbildung kommt das Thema Pädagogik bislang kaum vor.

Potenziale erkennen und entwickeln
Wenn Silke Mayer zweimal in der Woche in der Halle steht und mit ihrem Team Korbleger, Rebounds oder das Dribbeln übt, dann flicht sie regelmäßig auch Inhalte ins Training ein, die nichts mit dem Sport zu tun haben. Mayer ist ehrenamtliche Co-Trainerin der U12-Mädchen-Basketballmannschaft bei der Turngemeinde Würzburg. Sie sagt: „Der Sport hat ein Mega-Potenzial, Kinder ganzheitlich in ihrer Entwicklung zu fördern. Aber dafür genügt es nicht, ihnen einfach nur einen Ball hinzulegen.“ Deshalb ruft Mayer ihre Mädels im Training öfters mal zusammen und reflektiert mit ihnen Themen wie Konfliktmanagement, den Teamgedanken oder auch den Umgang mit Leistungsdruck. „Es gibt so viele Aspekte, die man aufgreifen kann. Die Herausforderung ist nur, sich im Trainings-Alltag die nötige Zeit dafür zu nehmen.“

Silke Mayer (Dirk Nowotzki-Stiftung)
Silke Mayer reflektiert im Training auch Themen wie Konfliktmanagement und Leistungsdruck.

Um zu verstehen, warum Silke Mayer das Thema so wichtig ist, muss man wissen, dass sie im Hauptberuf Vorstandsvorsitzende der Dirk Nowitzki-Stiftung ist und dort das soziale Engagement ihres Bruders, des ehemaligen NBA-Superstars, managt. Die Stiftung setzt sich für Kinder und Jugendliche ein und hilft ihnen, über den Sport ihre Potenziale zu erkennen und zu entwickeln. 

Eines der Stiftungsprojekte richtet sich dabei auch an Vereins-Trainer: Im Ausbildungsprogramm „Game-Changer“ lernen diese, wie sie die personalen und sozialen Kompetenzen ihrer Schützlinge konkret fördern können. In drei separaten Modulen stehen Aspekte wie Teambuilding, Wertekompetenz, Kommunikation und Leadership auf dem Programm – also all jene Dinge, die in der Übungsleiter-Ausbildung der Fachverbände zu kurz kommen. An die Sportvereine werde heute viel Verantwortung abgegeben, findet Silke Mayer. Man erwarte von ihnen, dass sie inklusiv arbeiteten, Geschlechtergerechtigkeit förderten, Integrationsaufgaben übernähmen. „Und dieses Potenzial hat der Sport definitiv auch. Nur in der Umsetzung – da brauchen die Vereine noch Unterstützung.“

Mehr Selbstbewusstsein
Auch Lehrer und Tanztrainer Ingo Körber ist vom gesellschaftlichen Nutzen der Sportvereine überzeugt, wenngleich diese es heute immer schwerer hätten, sich gegen die Konkurrenz aus Fitnessstudios, Kletterhallen & Co. zu behaupten. Deshalb ist er froh über die Kooperation des TSC Rot-Gold-Casino mit seinem Gymnasium, die dem Club immer wieder neue Mitglieder beschert. 

Über 50 Prozent der Tänzer aus der Ersten Mannschaft des TSC seien heute ehemalige Schüler aus Lauf, sagt Körber. Dazu könnten irgendwann auch Maïra Djouban und Johannes Schäfer gehören. Beiden hat das Tanzen schon Erfolge gebracht, nicht nur in sportlicher Hinsicht. „Früher habe ich mich nicht getraut, offen auf Menschen zuzugehen. Das ist definitiv besser geworden, seit ich tanze“, sagt Maïra, die irgendwann gerne für den TSC in der Bundesliga antreten würde.

Auch Johannes sei durch den Sport viel selbstbewusster geworden, bescheinigt ihm sein Trainer. Der 16-Jährige hat solche Fortschritte gemacht, dass Ingo Körber ihn am Gymnasium schon als Assistenten eingestellt hat und die Siebtklässler trainieren lässt. „Das ist ziemlich anstrengend, weil die Kleinen richtig viel Energie haben“, erzählt Johannes. „Aber es macht auch Spaß. Und ich kann ihnen beibringen, was ich selbst beim Tanzen gelernt habe.“


Der Artikel stammt aus der sechsten Ausgabe unseres Bildungsmagazins „sonar“, die sich mit dem Thema „Bildungsräume“ beschäftigt.

Fotos: Michael Herdlein, FORTYONE/Dirk Nowitzki-Stiftung