Jump to main content
Reinhold Beckmann steht nebem einem Jungen, der einen Fußball in der Hand hält

„Träume auf den Weg bringen.“

Was motiviert Menschen, mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten oder sich ehrenamtlich für sie zu engagieren? Pädagogen, Prominente und Unternehmer erzählen, was sie in ihrer Arbeit bewegt und was sie bewegen wollen.

REINHOLD BECKMANN, MODERATOR (Foto oben)
Hamburg besteht nicht nur aus Blankenese. Was ist mit den Kindern und Jugendlichen, die nicht so protegiert aufwachsen? Ich war bei dem Thema immer schon ein bisschen „vorbelastet“: in den Siebzigern über die Katholische Jugendarbeit, später dann als Zivi in einer Jugendbildungsstätte. Wenn man irgendwann selbst Familie hat, schärft es noch einmal den Blick auf das Ungleichgewicht, mit dem bei uns Chancen verteilt sind. Die Jugendlichen aus den strukturschwachen Stadtteilen brauchen einen Ausweg aus Langeweile und Nichtstun, um Perspektiven zu entwickeln. Gerade in diesem schwierigen Korridor zwischen 12 und 18, wenn man sich nicht verstanden fühlt. Aus dem Gedanken heraus haben wir vor mehr als 20 Jahren mit ein paar Freunden gemeinsam den NestWerk e.V. gegründet. Die Grundidee war einfach: Lasst uns die Turnhallen öffnen, abends und am Wochenende, wenn sie normalerweise verschlossen sind. Das Projekt „Die Halle“ wurde gut angenommen: für die Jugendlichen ein Freiraum, in dem sie sich treffen und auspowern, ganz nebenbei soziales Miteinander lernen und Selbstbewusstsein entwickeln konnten. Später sind weitere Projekte hinzugekommen, neben dem offenen Konzept auch Förderprogramme und seit 2015 leisten wir dazu vermehrt Integrationsarbeit. Wir schreiben immer wieder kleine und große Erfolgsgeschichten: ehemalige Teilnehmer, die inzwischen als Trainer bei uns arbeiten, oder Kinder, die bei einem NestWerk-Ausflug zum allerersten Mal den Hafen sehen – obwohl sie hier in Hamburg geboren sind. Jeder Mensch hat das Recht auf gesellschaftliche Teilhabe, wir müssen gemeinsam die Möglichkeiten dazu schaffen. Nicht immer funktioniert das, nicht jeden können wir mitnehmen, aber jeder Versuch ist es wert. Wenn du inmitten so einer Container-Wohnunterkunft stehst, und da sind Kinder, die schon Dinge durchlebt haben, die wir uns kaum vorstellen können, und sie gehen auf im Spiel und es geht für den Augenblick nur darum, wer das nächste Tor schießt … dem kannst du dich gar nicht entziehen. 

Reinhold Beckmann (64) kann auf eine erfolgreiche Karriere als Sportkommentator und Talkmaster im deutschen Fernsehen zurückblicken. Der gebürtige Niedersachse lebt in Hamburg, wo er 1999 den Verein „NestWerk – Hamburgische Initiative für Jugendarbeit e.V.“ gründete.



Sandra MaischbergerSANDRA MAISCHBERGER, MODERATORIN
Ich bin ein Glückskind. Meine Eltern haben mich schon früh in Berührung mit Kulturen unterschiedlichster Länder gebracht, meine Talente gefördert und mich auf sehr gute Schulen geschickt. Eine viel zu große Zahl von Kindern in meiner Wahlheimat Berlin hat dieses Glück nicht. Als ich selbst Mutter wurde, habe ich mich deshalb entschlossen, meine vielfältigen ehrenamtlichen Aufgaben auf eine zu konzentrieren und etwas von meinem Glück denen zurückzugeben, die keinen so leichten Start haben. Mit unserem Verein Vincentino verfolgen wir die Idee, Kinder und Heranwachsende an sogenannten Brennpunkten in Berlin mit kulturellen Inhalten in Kontakt zu bringen, im besten Falle nachhaltig zu begeistern. Sie entdecken plötzlich eine Seite an sich, die ihnen bis dahin unbekannt war. Sie bekommen einen kreativen Schub, der sich dann häufig auch positiv auf das Lernen in den anderen Fächern auswirkt. Auch die Lehrer lernen ihre Schüler auf diese Weise noch einmal anders kennen: Ein Schüler, der in Mathematik schlecht abschneidet, hat möglicherweise eine Begabung darin, einen Film zu machen. Oder er spielt ein Instrument, macht tolle Musik. So bekommen Lehrer ein ganzheitlicheres Bild von ihren Schülern. Die Wirkung unserer Arbeit lässt sich vielleicht nicht klar in Zahlen und Grafiken darstellen. Aber im Inneren der Kinder und Jugendlichen entfaltet sie eine große Kraft. Es ist diese Kraft, die am Ende eine Gesellschaft zusammenhält. 

Sandra Maischberger (54) wuchs in Italien und Deutschland auf. Sie besuchte die Deutsche Journalistenschule in München und steht seit ihrem 21. Lebensjahr als Moderatorin vor der Kamera, aktuell für die ARD-Talkshow „maischberger. die woche“. 2008 gründete sie den Verein „Vincentino e.V. – Kultur stärkt Kinder in Berlin“. Für ihr Engagement beim Schülerwettbewerb „Jugend debattiert“ erhielt sie 2013 das Bundesverdienstkreuz. 



Hauke SchwiezerHAUKE SCHWIEZER, UNTERNEHMER 
Meine erste berufliche Station nach dem Studium führte mich als Marketingleiter zu „Anpfiff ins Leben e.V. – Das Dietmar-Hopp-Jugendförderkonzept“. Der ganzheitliche Ansatz junge Menschen zu fördernd ist in Europa führend und hat meine Begeisterung für Jugendförderung und Unternehmertum geweckt, die dann letztlich zur Gründung von Startup Teens führte. Die Erkenntnis, die mich dort am meisten geprägt hat, war, dass jedes Kind und jeder Teenager ein besonderes Talent hat – völlig unabhängig davon aus welcher sozialen Schicht es kommt. Wir müssen in Deutschland viel besser darin werden, Talente überhaupt zu erkennen und früh zu fördern. Wir verkennen, welche enorme Bedeutung unternehmerische Bildung an der Schule auf eine Volkswirtschaft hat. Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass Nationen, die einen hohen Fokus auf Entrepreneurship Education legen, signifikant mehr Gründungen haben und diese nachhaltig erfolgreicher sind. Deutschland belegt aktuell den beschämenden 36. Platz von 54 untersuchten Nationen. Um das zu ändern, müssen wir ab den achten Klassen in Gründungs-Know-how investieren. Darüber hinaus fehlen Programmierkenntnisse. Daher ist es von elementarer Bedeutung, Kinder in allen Bundesländern bereits ab der ersten Klasse spielerisch an Coding heranzuführen und die Fähigkeiten über die gesamte Schulzeit als Pflichtfach weiter auszubauen – besonders auch für Mädchen. Warum? Weil ich fest davon überzeugt bin, dass Deutschland seine Position als eine der führenden Wirtschaftsnationen nur wird festigen können, wenn wir unseren Nachwuchs endlich in Sachen Future Job Skills gezielt fördern, also Kreativität, Co-Kreation und digitale Schlüsselqualifikationen stärken.

Hauke Schwiezer (42) ist Mitgründer und Geschäftsführer der Non-Profit-Initiative STARTUP TEENS in Hamm. Der Diplom-Betriebswirt studierte an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Mannheim. Seine erste berufliche Station führte den passionierten Sportler als Marketingleiter zu „Anpfiff ins Leben e.V. – Das Dietmar-Hopp-Jugendförderkonzept“, wo er seine Leidenschaft für Bildung und Jugendförderung entdeckte. Er ist Mitglied des weltweiten Responsible-Leaders-Netzwerkes der BMW Stiftung Herbert Quandt und des Weizmann Young European Network.



Samy DeluxeSAMY DELUXE, RAPPER
Ich habe das Glück, einen Beruf zu haben, der gleichzeitig meine große Leidenschaft ist. Allerdings habe ich mir das auch hart erarbeitet. Und seit einiger Zeit sind es sogar zwei Sachen, die ich richtig gern mache: Musik und Malen, also Graffiti – natürlich legal. Und das ist auch etwas, das ich jungen Menschen gern mitgeben würde: Achtet nicht so sehr darauf, welchen Status ein Beruf hat, ob der gesellschaftlich mehr oder weniger angesehen ist. Macht das, was euch am meisten Spaß macht, und macht das mit Leidenschaft. Alle Berufe können cool sein, wenn man sie mit Liebe ausübt. Für mich war irgendwann klar, dass ich als bekannte Person nicht nur mein Gesicht für ein Projekt hinhalten will, sondern auch aktiv mit dabei sein möchte. Mein Verein DeluxeKidz ist genau wie ich in der Hip-Hop-Szene beheimatet: Rap, Tanzen, Breakdance, Graffi­ti, DJing, Beatboxen und Gesang bieten wir an. Sowohl Coaches als auch Kids haben die unterschiedlichsten sozialen, kulturellen und ethnischen Hintergründe. Wir leben diese Vielfalt, denn sie macht uns offen und tolerant. Rassismus hat hier keinen Platz.

Samy Deluxe (42) gehört mit mehr als einer Million verkaufter Tonträger zu den erfolgreichsten deutschen Rappern. In seinen Texten thematisiert er auch immer wieder seine afrodeutsche Herkunft. 2013 gründete er den Verein DeluxeKidz e. V. in Hamburg, der Kindern und Jugendlichen eine Alternative zur Freizeitgestaltung mit Computer, Handys oder Social Media bieten möchte. 



Lisa MütschLISA MÜTSCH, MEDIENPÄDAGOGIN
An der offenen Kinder- und Jugendarbeit schätze ich besonders, dass ich hier Bildungsprozesse anstoßen kann. Das Erlernen von technischen Funktionen ist wichtig, aber das Potenzial liegt in der Offenheit ohne festgelegte Ergebnisse und somit in der Anregung von ­Bildungsprozessen. Medienpädagogische Projekte zum Beispiel in Form von Making-­Angeboten, wo etwa Roboter gebaut werden, sind nicht an bestimmte Schulfächer oder ­Themen ­gebunden. Hier entstehen Dinge, die man als Pädagoge selbst nicht für möglich gehalten hätte. Kinder und Jugendliche bekommt man schneller dazu, einfach loszu­legen und sich zu trauen. Gleichzeitig haben sie eine große Fantasie und sehr viele ­Ideen, was man noch alles bauen und umsetzen könnte.

Lisa Mütsch (31) arbeitet als Fachreferentin für Pädagogisches Making, Coding und Robotik bei der Fachstelle für Jugend­medienkultur NRW (fjmk) in Köln. 



Thomas SonnenburgTHOMAS SONNENBURG, SOZIALPÄDAGOGE
In den vergangenen Jahren habe ich als Sozialpädagoge und Streetworker viele junge Menschen kennengelernt, die abseits der Regeln und Normen agierten und die auf dem Weg zu einer eigenen Erwachsenenpersönlichkeit viele Umwege gegangen sind. Sehr oft wussten sie schlichtweg nicht um ihre eigenen Stärken und Kompetenzen. Als Pädagoge habe ich mich diesen jungen Menschen pro­fessionell genähert und über den vertrauensvollen Beziehungsaufbau eine gemeinsame Ebene der Zusammenarbeit gefunden. So ließen sich Ideen, Visionen und Träume auf einen machbaren Weg bringen. Es war immer wieder spannend zu sehen, wie wichtig Fleiß, vertrauensvolles Miteinander, eine gute Strategie und ein konkretes Ziel für persönliche Entwicklungen sind.

Thomas Sonnenburg (57) war durch die RTL-Doku­soap „Die Ausreißer“ einst Deutschlands bekanntester Streetworker. Der Sozialpädagoge betreibt in Berlin die Thomas Sonnenburg Akademie. Seit Mai 2020 ist er Mitglied des Kuratoriums der ­Telekom-Stiftung.



Katharina EbelKATHARINA EBEL, KATASTROPHENMANAGERIN
Ich habe im Irak ein Trauma-Projekt für Kinder und Jugendliche geleitet, die den Genozid an den Jesiden überlebt hatten. Sie haben grausame Dinge erlebt, viele haben ihre Angehörigen verloren. Wir haben in den Flüchtlingscamps eine psychologische Gruppenintervention aufgebaut, um sie in die Lage zu versetzen, das Erlebte aufzuarbeiten. Das war enorm wichtig, denn sie waren so verängstigt, dass an Schulunterricht nicht zu denken war. Angesichts dieses Leids haben sich meine Pro­bleme auf einmal sehr klein angefühlt. Gleichzeitig habe ich gesehen, wie sinnvoll meine Arbeit sein kann, denn wir konnten beobachten, dass die Kinder sozialer agierten und nicht mehr so aggressiv waren wie zu Beginn. So konnte ich mit dem Gefühl wieder nach Deutschland fliegen, dass diese vielen Tausend jesidischen Kinder eine Chance auf ein lebenswertes Leben haben.

Katharina Ebel (41) studierte Kommunikations­design an der Universität Duisburg-Essen und bildete sich später zur Katastrophenmanagerin weiter. Bei den SOS-Kinderdörfern weltweit arbeitet sie unter anderem als Teamleiterin für Innovationsprojekte. 



Hilke Birnstiel und Marcus KottmannHILKE BIRNSTIEL & MARCUS KOTTMANN, TALENTSCOUTS
Wir konnten mit dem NRW-Zentrum für Talentförderung eine Plattform aufbauen, über die sich die Chancen für Jugendliche aus weniger privilegierten Verhältnissen verbessern lassen. Es ist ein großes Privileg, mit jungen Menschen an der Verwirklichung ihrer Träume und Ziele zu arbeiten. Wir erleben immer wieder, mit wie viel Leidenschaft sie ihre Talente erfahren und ausleben. Wir empfinden dies als extrem sinnstiftende und für die Zukunft bedeutsame Arbeit. Mit der NRW-Talentförderung gelingt es immer wieder, Kindern und Jugendlichen unabhängig vom Elternhaus höhere Bildungsabschlüsse, den Zugang zu Berufsausbildungen oder zum Studium, die Aufnahme in Stipendienwerke und insgesamt auch eine erfolgreiche berufliche Karriere zu ermöglichen. Wir haben viele unentdeckte Talente in Nordrhein-Westfalen und ganz Deutschland, für die es sich zu engagieren lohnt!

Hilke Birnstiel (33) und Marcus Kottmann (51) leiten gemeinsam das NRW-Zentrum für Talentförderung in Gelsenkirchen. Das hier betriebene NRW-Talentscouting ist ein vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen finanziertes Programm, an dem sich 17 Partnerhochschulen beteiligen. 



Philip DhillonPHILIP DHILLON, BERUFSSCHULLEHRER
Ich vermittele meinen Schülern viel praktisches Wissen, denn ich habe zwölf Jahre Berufserfahrung als Ingenieur im Bereich Anlagenbau hinter mir. Gerade für Berufsschüler ist es viel wert, wenn ich nicht nur mit pädagogischen Theorien um die Ecke komme, sondern auch mit etwas Handfestem. Stoff vermitteln, Menschen anleiten – das hat mir immer schon Spaß gemacht. Aber jetzt an der Berufsschule weiß ich erst den Facettenreichtum zu schätzen, den der Lehrerberuf mit sich bringt und den ich so in der Industrie nie erfahren habe. Jede Lerngruppe ist anders, das ist super spannend. Es ist eine erfüllende und sehr abwechslungsreiche Arbeit. Mit jungen Leuten zusammenzusein und deren Blick auf die Dinge mitzubekommen – das ist bereichernd. Eine Motivation, ins Lehramt zu wechseln, war auf jeden Fall auch, dass man in diesem Beruf jung bleibt.

Philip Dhillon (39) stammt aus dem Münsterland, studierte Maschinenbau an der Ruhr-Universität Bochum und arbeitete als leitender Ingenieur im Anlagenbau bei ThyssenKrupp Industrial Solutions in Dortmund. Seit 2017 ist er Berufsschullehrer für Mathematik am Leopold-Hoesch-Berufskolleg in Dortmund, wo er mit seiner Frau – ebenfalls Lehrerin – und seinen drei Töchtern lebt. 

 

Die Beiträge sind Teil der aktuellen Ausgabe unseres Bildungsmagazins sonar.
 

Bildnachweise: Maya Claussen/Schulministerium NRW, Nestwerk/Carolin Windel, NRW-Zentrum für Talentförderung, Pascal Kerouche, Thomas Köhler, Privat, Peter Rigaud, SOS-Kinderdörfer weltweit/Alea Horst, Frauke Schumann Fotografie