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Oxford-Professor Viktor Mayer-Schönberger gestikuliert

„Raus aus der Zwangsjacke“

Smartphone, Tablet und Co. lenken von Lerninhalten ab? Unsinn, sagt der Oxford-Professor Viktor Mayer-Schönberger, Mitglied des Digitalrats der Bundesregierung.

Herr Professor Mayer-Schönberger, das Bildungssystem steht nach Ihren Erkenntnissen vor fundamentalen Umwälzungen durch die Digitalisierung. Vor allem auf Lehrer kommen demnach große Veränderungen zu. Sind wir für die Herausforderungen gut gerüstet?
Vorab: Ich habe viele Lehrer kennengelernt, die motiviert und offen für Neues sind. Im Allgemeinen lässt sich die Lage aber gut mit einer Anekdote beschreiben: Es geht um zwei Männer, die aus einem Hochhaus springen. Soll ich sie erzählen?


Das klingt gewagt – aber legen Sie los!
Der eine dieser Männer, der etwas früher aus einem höheren Stockwerk gesprungen ist, begegnet auf halbem Weg seinem Schicksalsgenossen. Dieser fragt: „Und, wie läuft’s?“ Und der andere, der schon länger fällt, antwortet: „So far, so good!“ Und so ist die Lage auch für die Pädagogen. Wenn man die heute fragt, wie es geht, sagen sie: „So weit, so gut!“ Aber auch nur deshalb, weil unser Schul- und Bildungssystem noch nicht am Boden ist. Noch nicht!


Dass es einmal dazu kommt – ist das ein realistisches Szenario?
Ja. Es gibt diese Gefahr, dass wir unsere Kinder so bilden, dass sie für die Zukunft nicht mehr vorbereitet sind. Dass sie in einer Gesellschaft, in der die intelligente Automatisierung weit fortgeschritten ist, keine Arbeit und keinen Platz mehr finden – weil sie nur gelernt haben, konformistisch dem Durchschnitt zu folgen. Stattdessen müssen wir zu einem Lernen kommen, das der Individualität des menschlichen Seins entgegenkommt.


Gesten von Viktor Mayer-Schönberger


Wie können dabei Werkzeuge der Digitalisierung wie etwa „Learning Analytics“ helfen?
Momentan ist es so, dass im Klassenverband nur eine Herangehensweise gewählt wird, um die Lerninhalte zu erschließen. Aber nicht etwa diejenige, die für die Mehrheit, geschweige denn für den einzelnen Schüler passt. Sondern diejenige, die der Lehrer im Kopf hat oder die im Unterrichtsmaterial vorgeschlagen wird. Das digitale Lernen ermöglicht es Pädagogen, anhand von Datenspuren nachzuvollziehen: Bei welcher Aufgabe braucht ein Schüler besonders lange? Wo ist er ausgestiegen? Mit diesen Einblicken, aber auch dank des direkten Feedbacks von Schülern, lassen sich Lehrmaterialien kontinuierlich an deren Bedürfnisse anpassen – und verbessern. Gerade benachteiligte Schüler könnten davon profitieren.


Inwiefern?
Früher war die individuelle Förderung von Schülern denjenigen vorbehalten, die sich Privatlehrer leisten konnten. Dank digitaler Werkzeuge wird das nun für alle zugänglich. Ein Beispiel aus meinem Buch „Lernen mit Big Data“ macht das anschaulich. Da gab es in den USA eine Siebtklässlerin, Schlechteste ihrer Klasse in Mathematik. Bei einem computergestützten Sommerkurs präsentierte ihr der Rechner immer und immer wieder neue Herangehensweisen, um Aufgaben zu lösen – ohne Erfolg. Bis das System auf Basis dieser Daten schließlich eine Methode fand, die das Mädchen sofort kapierte. Am Ende des Sommers war sie die Zweitbeste des ganzen Jahrgangs.


Was hat das mit Big Data zu tun?
Zentrales Element für diesen Erfolg war, dass viele Daten erhoben und ausgewertet wurden. Statt wie bisher Momentaufnahmen zu betrachten, wie etwa bei einer Klassenarbeit, lässt sich dank Big Data permanent und dauerhaft nachvollziehen, wie Schüler lernen.


Das klingt nach Totalüberwachung für Lehrer und Lernende ...
Wir müssen in der Bildung aus dieser Zwangsjacke des Beurteilens herauskommen. Digitale Technologien sollten nicht dazu dienen, Abweichungen als Fehler zu sanktionieren, sondern Schüler und Lehrer in ihrer Unterschiedlichkeit wertzuschätzen. Zu erkennen, welcher pädagogische Ansatz für den einzelnen Schüler am besten ist, aber auch, welcher Lehrer mit welcher Klasse die besten Erfolge hat. Lehrer werden im Klassenzimmer nicht mehr einfach Wissen vermitteln. Das können sich Schüler zu Hause aneignen. In der Schule wird stattdessen das Erarbeitete diskutiert. Lehrer können das Klassenzimmer wieder zum Ort der sozialen Auseinandersetzung, des sozialen Lernens machen.


Viktor Mayer-Schönberger ist Mitglied des neu gegründeten Digitalrats der Bundesregierung. Der Professor für Internet Governance and Regulation lehrt an der University of Oxford. Er beschäftigt sich unter anderem mit den gesellschaftlichen Folgen von Big Data und ist Autor mehrerer Bücher zur Digitalisierung. Zuletzt erschien von ihm „Das Digital“.

Dieses Interview mit ihm erschien in der zweiten Ausgabe unseres Bildungsmagazins „sonar“, die sich mit dem Thema „Jugend digital“ beschäftigte.
 

Fotos: Andreas Süß