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Mehrere Fahnen von unten

Pisa weltweit

Was machen andere Länder – und Schulen – besser? Ein Blick auf China, Finnland und Kanada.

In Shanghai können Schüler besser und schneller rechnen, lesen und naturwissenschaftliche Probleme durchdringen als irgendwo sonst auf der Welt. Das zumindest ergab die 2013 veröffentlichte PISA-Studie (mit den Daten von 2012). Unter den ersten zehn Plätzen der internationalen Schüler-Vergleichsstudie fanden sich gleich vier chinesische Provinzen (Shanghai, Hongkong, Taipeh und Macao), die ersten sieben Plätze belegten ostasiatische Länder. Aber auch Kanada und Finnland schnitten in den PISA-Tests regelmäßig überdurchschnittlich gut ab, auch wenn das skandinavische Land zuletzt etwas abrutschte auf Platz 12.

Was macht diesen Erfolg aus? Liegen die Wurzeln im schulischen Bereich, im Elternhaus oder im Ansehen, das Bildung in einer Gesellschaft genießt? Und was können wir Deutschen von anderen Ländern und ihren Bildungseinrichtungen lernen? Kann man von besseren Schülern auf ein effektiveres Schulsystem schließen? Ein Vergleich zwischen China, Finnland und Kanada zeigt Unterschiede auf.

Mehr Druck und Drill
Kaum überraschend: In chinesischen Schulen herrschen mehr Druck und Drill. Häufig werden die Kinder frontal unterrichtet, lernen vieles auswendig und müssen ihre Leistung in Form von Klausuren erbringen. Bildung gilt als hohes Gut – und als Türöffner für eine lukrative Karriere. Dafür investieren Schüler offenbar gerne mehr Zeit zum Üben und Lernen, häufig besuchen sie nachmittags noch Zusatzkurse und Nachhilfe, die ihnen etwa in Mathematik ein tieferes Verständnis der Materie vermitteln.

Man gilt dort nicht als Streber, wenn man viel lernt. Unter Lehrern herrscht das Verständnis, dass jeder Schüler mit entsprechender Förderung eine gute Leistung erzielen kann. Lehrer in den ostasiatischen Ländern unterrichten oft nur ein Fach und können sich deshalb intensiver mit dem Stoff auseinandersetzen als Lehrer hierzulande, die meist mehrere Fächer unterrichten.

Im Gegenzug wirke sich der Leistungsdruck in China auf Individualität und Kreativität negativ aus, bemängeln Kritiker. Dem widerspricht allerdings eine Studie der Beratungs- und Forschungsstelle für Hochbegabung an der Universität Erlangen, die belegt, dass China das Land mit den meisten angemeldeten Patenten ist, mit „atemberaubenden“ Steigerungsraten in den vergangenen Jahren.

Kein Kind zurücklassen
Das zeige, so die Experten der Uni, „dass China gerade die Früchte eines funktionierenden Bildungssystem erntet“. Auch die Zahl der wissenschaftlichen Publikationen sei in China enorm gestiegen. Im aktuellen internationalen IQ-Ranking (Stand Januar 2014) nehmen Hongkong, Südkorea, Japan, Taiwan und Singapur die ersten fünf Plätze ein.

Schwieriger ist es, die Bildungsunterschiede und die sich daraus ergebenden PISA-Erfolge in Finnland oder Kanada nachzuvollziehen. In beiden Ländern geht es freier und weniger autoritär zu als in China. In Finnland herrscht ein beharrlicher Wille, kein Kind zurückzulassen, jedes individuell zu fördern, um es schulisch zu verbessern. Wenn ein Schüler in den Noten abrutscht, bekommt er spezielle Aufmerksamkeit.

Die Lehrer überlegen sich individuelle Maßnahmen, kümmern sich intensiver um ein Kind in der Klasse oder organisieren staatliche Nachhilfe, entweder einzeln oder in Kleingruppen. 30 Prozent der finnischen Schüler erhalten so eine Zusatzförderung. „Außerdem genießt der Lehrerberuf ein hohes Ansehen, sodass die Schulen hochmotivierte Lehrer auswählen können“, sagt die finnische Bildungsministerin Henna Virkkunen in einem Video der OECD.

Bildung als Schlüsselthema im Einwanderungsland
Kanada ist nach wie vor ein Einwanderungsland und legt viel Wert auf Integration und soziale Gleichheit. Bildung besitzt einen hohen Stellenwert in der kanadischen Gesellschaft. Sie ist kein Privileg für wenige, sondern allen stehen alle Wege offen. Die soziale Herkunft spielt, anders als in Deutschland, keine große Rolle. Fast die Hälfte aller kanadischen Schüler geht später auf die Universität.

Bis Klasse 9 werden alle Schüler zusammen unterrichtet, egal wie gut sie sind. Erst danach erfolgt in Kanada eine Aufteilung auf verschiedene Schultypen. Bildung nach Maß, lautet das Motto. Je nach Begabung und angestrebter Ausbildung nach der Schule erhalten die Schüler dann eher akademische oder praxisorientierte Kurse.

Sprachförderung wird groß geschrieben, gerade in einem Land mit vielen Migranten. „Multikulturelle Bildung und Erziehung gehört spätestens seit den sechziger Jahren zu den Eckpunkten und Leitbildern kanadischer Bildungspolitik“, belegt eine Studie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, die die Schulsysteme von PISA-Teilnehmerländern miteinander vergleicht. Jeder soll seine Möglichkeiten entwickeln können. Wer nicht mithalten kann, bekommt Unterstützung und kann Kurse wiederholen. Deshalb bleibt in Kanada fast kein Kind sitzen.

Doch was können deutsche Schulen von anderen, in PISA-Tests besser abschneidenden Ländern lernen? Der Vergleich zeigt, dass jede Reduzierung auf Formeln zu kurz greift und dass in Deutschland wahrscheinlich nur eine umfassende Bildungsreform greifen könnte, wie die Studie des Bundesbildungsministeriums vorschlägt. Generell sieht man jedoch, dass in anderen Ländern das Lernen mehr Wertschätzung genießt und Bildung als höheres Gut gilt. Diese Werte zu vermitteln, fängt schon im Kleinen, häufig in der Familie, an. Das wäre zumindest ein Anfang.

Foto: Markus Pfaff/Shutterstock