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Szene aus einem Klassenzimmer

„Ohne Wissen keine Bildung“

In der digitalen Welt brauchen wir vollkommen neue Unterrichtskonzepte und einen grundlegenden Rollenwandel bei den Lehrkräften: Ein Interview mit Myrle Dziak-Mahler, Geschäftsführerin des Zentrums für LehrerInnenbildung der Universität zu Köln.

Myrle Dziak-Mahler (Uni Köln)Müssen wir uns heutzutage überhaupt noch Wissen aneignen – wir finden doch alles im Internet?
Nach wie vor gilt: Ohne Wissen können wir keine Bildung erlangen. Das ist Voraussetzung für die Teilhabe an einem gesellschaftlichen Diskurs. Wissen ist heute im Internet frei verfügbar, der Zugang zu Informationen ist mit Einzug der digitalen Medien einfacher geworden. Es wird Menschen zunehmend leicht gemacht, sich jederzeit und überall Wissen anzueignen, was zu einer Demokratisierung von Wissen führt. Gleichzeitig wird es schwieriger, die Glaubwürdigkeit von Informationen einzuschätzen. Ein gutes Beispiel dafür sind Fake News: Menschen versuchen, die Deutungshoheit über Themen zu erlangen. Um Informationen einordnen zu können, brauchen wir Bewertungskriterien, Quellenkunde, müssen unter anderem nach Verfasser und Adressat fragen. Sprache spielt in der digitalen Welt mehr denn je eine Schlüsselrolle. Denn nur wenn wir die Sprache souverän beherrschen, können wir auch zu einer differenzierten Bewertung kommen. Das müssen wir auch den Schülerinnen und Schülern in der Schule vermitteln, damit sie letztlich zu einer klaren Wertung und Haltung kommen können.


Was bedeutet das für den Unterricht und die Lehrkräfte?
Unterricht wird sich verändern. Lehrkräfte müssen sich darauf einstellen, dass die Schülerinnen und Schüler selbstbewusst und eigenständig mit Lerninhalten umgehen. Dadurch verlieren sie die Deutungshoheit über Themen, was natürlich das Selbstverständnis und Identitätsgefühl von Lehrkräften tief berührt. Seit der Antike geht es im Unterricht um Wissensvermittlung. Und jetzt müssen sich die Lehrkräfte fachlich-methodisch auf völlig neue Anforderungen einstellen. Laut OECD, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, sind die Kernkompetenzen, die Lehrer haben müssen und zugleich vermitteln sollen, Kreativität, Kompetenz, Kooperation, Kommunikation, kritisches Denken. Ein Wissenskanon gehört interessanterweise nicht dazu.


Wird das denn in den Lehramtsstudiengängen gelehrt?
Zurzeit leben wir diese neuen Anforderungen an den Hochschulen noch nicht. Unsere Aufgabe wird es sein, die Lehrkräfte von morgen zu befähigen, den Schülerinnen und Schülern einen kompetenten Umgang und die Fähigkeit zu einer kritisch-reflektierten Auseinandersetzung mit digitalen Medien zu vermitteln. Denn letztendlich müssen wir die Kinder und Jugendlichen auf eine Berufswelt vorbereiten, die wir heute noch gar nicht kennen. Das ist unsere gesellschaftliche Pflicht und Verantwortung.


Wie würde denn ganz konkret ein gelungener Unterricht mit digitalen Medien aussehen?
In einem meiner Fächer, Geschichte, ist der Einsatz von Virtual Reality absolut spannend. Die Kinder lesen etwas über Auschwitz – das Analoge bleibt ja – und zugleich können sie sich mit Hilfe von Virtual-Reality-Brillen einen visuellen Eindruck verschaffen. Oder wir können den Kölner Dom in 3D erforschen – das schafft zusätzliche Anreize und vertieft das Lernen. Im digitalen Sprachunterricht kann das Vokabelwissen mit weniger Aufwand für Lehrer und Schüler erfasst werden, weil die Lehrkraft beispielsweise über ein Diagnose-Tool jederzeit den Stand einzelner Schüler oder ganzer Lerngruppen sehen und daraus Maßnahmen für ihren Unterricht ableiten kann. 


Wie sieht die Zukunft des Lernens mit digitalen Medien aus?
Nicht immer führt der Einsatz von digitalen Medien zu einer großen Revolution, sondern sie sind einfach praktisch und hilfreich. Aber es gibt interessante soziologische, ökologische und ökonomische Perspektiven. Zum Beispiel die Frage, ob neue Lehr- und Lerngemeinschaften entstehen, die einen vollkommen neuen Umgang zwischen Lehrkräften und Lernenden beinhalten, ähnlich wie in der Wirtschaft, wo zurzeit viel experimentiert wird im Bereich „New Work“; zum Beispiel im Erproben neuer Organisationsmodelle, die ohne Hierarchie auskommen. Vielleicht entstehen aus einem solchen „Dialog auf Augenhöhe“ in Zukunft vollkommen neue Lerninhalte und -ziele und ein Konzept von Unterricht, das wir uns heute noch gar nicht vorstellen können.

 

Myrle Dziak-Mahler ist Geschäftsführerin des Zentrums für LehrerInnenbildung der Universität zu Köln.

Fotos: willma/photocase.de, Viktoriya Lebedynska