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Vier Teenager gucken frech in die Kamera

Lernen, wo es Spaß macht

Begeistert Neues entdecken oder einfach nur kreativ sein: In der offenen Kinder- und Jugendarbeit zeigen auch junge Menschen aus sozial prekären Verhältnissen gern, was in ihnen steckt.

Ihre Sicht der Dinge zählt, das macht sie stolz. Und selbstbewusst. Acht Mädchen aus Mannheim, zwischen und 11 und 14 Jahren, haben diese wichtige Erfahrung diesen Sommer bei einem Fotoprojekt der Begegnungsstätte Westliche Unterstadt gemacht. „Dass sie eine eigene Perspektive einnehmen, ist für sie nicht unbedingt üblich oder gewünscht“, sagt Projektleiterin Heike Grönert. Die meisten der Mädchen kommen aus Familien mit Migrationshintergrund, die patriarchalisch geprägt sind. Jugendliche aus sozial prekären Verhältnissen, die sich zudem häufig auch in der Schule schwer tun, zeigen in der offenen Kinder- und Jugendarbeit oft eine ganz andere Seite. Ohne Leistungsdruck und Notenstress haben sie großen Spaß daran, Neues zu entdecken und sich intensiv auf ein Thema einzulassen: Sie programmieren stundenlang Roboter, üben Theaterstücke ein, gestalten Filme oder entwerfen Fotoausstellungen mit eigenen Motiven und lernen dabei zusätzlich auch mit der Technik verschiedener Kameras umzugehen wie die acht Mädchen aus Mannheim.

Der außerschulische Lernort

Warum ist das so? Anders als im System Schule sind die Angebote in Jugendzentren freiwillig und offen für alle. Wer will, kann mitmachen, in seinem ganz eigenen Tempo. Vielfach sind Projekte in der Kinder- und Jugendarbeit auch näher dran an dem, was junge Menschen erleben, können und wollen. „Als Ort außerschulischer Bildung und Erziehung hat sie durchaus die Qualität, junge Menschen zusammenzuführen, ihnen Räume zu geben, Gelegenheitsstrukturen zu eröffnen und sie in der Entwicklung ihrer Persönlichkeit zu fördern“, schreibt Professor Klaus Schäfer in seinem Aufsatz „Jugendarbeit unter Druck“ für das Deutsche Jugendinstitut, dessen Kuratoriumsmitglied er war. Schäfer war 2010 bis 2012 Staatssekretär im Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen.

Gleichzeitig verbessert Kinder- und Jugendarbeit die Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen aus weniger privilegierten Elternhäusern. Laut Kinder- und Jugendmonitor 2017 sind das 28 Prozent beziehungsweise 3,7 von 22 Millionen Minderjährigen in Deutschland. Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit sind deshalb auch ein „wertvoller Partner für Schulen, erst recht im Hinblick auf die Ausweitung der Ganztagsschule“, sagt Professor Wolfgang Schuster, Vorsitzender der Deutsche Telekom Stiftung. Zumal Schulen Herausforderungen wie Inklusion, digitale Bildung, individuelle Förderung, Werterziehung oder Integration heute nicht mehr allein bewältigen könnten.

Zu wenig Geld für gute Arbeit

Zwar stellen die knapp 15.000 öffentlichen oder öffentlich geförderten Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit jährlich 140.000 Angebote auf die Beine. Sie erreichen damit immerhin 7,5 Millionen Jugendliche. Doch gute Kinder- und Jugendarbeit hat ihren Preis. Zwei Drittel der Kosten tragen die Kommunen, 29 Prozent das Land und magere drei Prozent der Bund. Die Folge: Gerade dort, wo das Geld knapp ist, sind die sozialen Bedingungen oft schwieriger und der Bedarf am höchsten. Experten wie Professorin Karin Böllert, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (AGJ) und Mitglied in der Fachjury der „Ich kann was!“-Initiative, fordern daher nicht nur eine solide Grundfinanzierung durch die Kommunen, sondern auch mehr Geld vom Bund.

Stiftung fördert Kinder- und Jugendarbeit

Die Deutsche Telekom Stiftung realisiert zwei Projekte in Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit. Seit Anfang 2017 fördert die Stiftung über die „Ich kann was!“-Initiative bundesweit Angebote in der offenen Kinder- und Jugendarbeit, die vor allem jungen Menschen bessere Bildungschancen eröffnen, die vom Bildungswesen meist weniger erreicht werden. In einem zweiten neuen Projekt, den GestaltBars, vernetzt die Stiftung Hauptschulen mit offenen Jugendhäusern. Im Fokus beider Projekte steht die digitale Medienbildung, bei der nicht nur die Schulen, sondern auch Kinder- und Jugendeinrichtungen Nachholbedarf hätten, erklärt Schuster. „Doch gerade die Kinder- und Jugendarbeit ist prädestiniert, das Thema aufzugreifen, weil sie flexibler agieren kann als das System Schule und gezielter auf die Bedürfnisse junger Menschen eingeht.“

Foto: Syda Producations/Shutterstock.com