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Erzieherin mit Kindern in der Kita Schloss Einstein

Kleine Forscher, große Entdeckungen

FRÜHE MINT-BILDUNG – Die Kita „Schloss Einstein“ in Iserlohn wurde 2018 bereits zum zweiten Mal mit dem „Forschergeist“ ausgezeichnet. Den Kita-Preis vergibt die Deutsche Telekom Stiftung gemeinsam mit der Stiftung „Haus der kleinen Forscher“.

DIE DEUTSCHE TELEKOM STIFTUNG WIRD IN DIESEM JAHR 15 JAHRE ALT. DER BEITRAG ERSCHEINT ANLÄSSLICH DIESES JUBILÄUMS.


Fühlpfade und eine wilde Wiese, Pflanztöpfe mit Minze, Rosmarin, Schnittlauch und Petersilie, Insektenhotels und Windspiele, Spiegel, Terrarien voller Pflanzen, mit buntem Transparentpapier beklebte Fenster… und, und, und – jede Ecke, ob im Außen- oder Innenbereich, der städtischen Kita „Schloss Einstein“ in Iserlohn lädt zum Entdecken ein. Das ist Absicht: Schwerpunkt der Einrichtung ist das forschende Lernen.

„Die Kita ist die erste öffentliche Bildungseinrichtung und ihre Bedeutung ist enorm“, betont Dagmar Schlinkbäumer, Leiterin von „Schloss Einstein“. „Durch die Forschung ist hinreichend belegt, dass die ersten sechs Lebensjahre für die Bildungsbiografie entscheidend sind. Die Kita bildet also zusammen mit dem Elternhaus das Fundament für die weitere Entwicklung.“ Dagmar Schlinkbäumer ist es daher besonders wichtig, die Kinder von Anfang an darin zu fördern, sich ihrer eigenen Fähigkeiten bewusst zu werden. Das forschende Lernen unterstütze dieses Ziel. Daher hat das Kita-Team 2011 diesen Schwerpunkt gewählt. 

Wohlfühlatmosphäre
Die Kita ist nicht – wie der Name vermuten lässt – in einem Schloss untergebracht. Fantasie gehört also mit zum Programm. Die 80 Kinder, die die Einrichtung besuchen, verteilen sich auf zwei Standorte in der Nähe eines Industriegebiets und einer Hochhaussiedlung. Drei Gruppen beherbergt das Hauptgebäude, eine vierte der nahegelegene „Quartierstreff Heide Hombruch“ – „Schloss 2 Stein“ genannt. Beide Standorte sind so liebevoll gestaltet, dass die Einrichtung auch aus einem Märchenbuch stammen könnte. Diese Wohlfühlatmosphäre ist eine der Voraussetzungen, den Kita-Schwerpunkt erfolgreich umzusetzen, so Dagmar Schlinkbäumer. Denn „Kinder können nur in einer schönen, entspannten Atmosphäre lernen.“ 

Darüber hinaus braucht eine Kita eine Umgebung, „die anregend für die Kinder ist, in der sie vieles selber entdecken können und zwar mit allen Sinnen“. Die Kräuter in den Pflanztöpfen duften unterschiedlich, aus der Minze lässt sich Tee kochen, die Fühlpfade bieten Tasterfahrungen und das bunte Transparentpapier an einigen Fensterscheiben verändert die Sicht nach draußen. All diese Möglichkeiten stehen den Mädchen und Jungen in der Kita „Schloss Einstein“ offen. „Die Kinder zeigen uns, wofür sie sich interessieren und gehen mit ihren Fragen genau so weit, wie sie in der Lage sind, die Antworten zu verstehen“, so Schlinkbäumer. Die Fachkräfte nehmen die Fragen auf und helfen, die Antworten zu finden.

Experimente zur Unterstützung    
In der aktuell dunklen Jahreszeit, in der der Mond besonders gut zu sehen ist, hätten beispielsweise die Mondphasen das Interesse der Kinder geweckt. „Dahinter steckt das Konzept des Schattens. Das müssen die Kinder zunächst begreifen, bevor sie verstehen können, warum der Mond zu- und abnimmt“, erklärt Kitaleiterin Schlinkbäumer. Dabei hilft ihnen heute Erzieherin Karina Engels-Puls. In einem abgedunkelten Raum werfen vier kleine Strahler, die nebeneinander auf dem Boden liegen, rotes, weißes, grünes und blaues Licht auf die gegenüberliegende Wand. 

Elias, Leon, Jana und Mia halten verschiedene Gegenstände vor das Licht, um die entstehenden Schatten zu beobachten. Karina Engels-Puls lässt die Beobachtungen der Kinder unkommentiert. Sie gibt lediglich Anregungen, mit denen sie weitere Beobachtungen ermöglicht. 

„Beim forschenden Lernen ist es als Erzieherin wichtig, sich im Entdeckungsprozess zurückzuhalten und abzuwarten. Wenn die Kinder ein Phänomen selber erforschen dürfen, etwas sich selber gegenseitig erklären dürfen, dann ist das viel nachhaltiger, als wenn wir es ihnen erklären würden“, sagt Dagmar Schlinkbäumer. „Wir unterstützen sie aber in ihrem Erkenntnisprozess, zum Beispiel durch Experimente.“ Ein solches hat Elisa Schürholz, die stellvertretende Kita-Leiterin, im kitaeigenen Forscherlabor aufgebaut. Zusammen mit Amelie, Didi, Philipp und Laura untersucht sie die Luft. 

Elisa Schürholz hat dafür einen Luftballon aufgeblasen. Sie hält das Ende mit Daumen und Zeigefinger geschlossen und reicht ihn an Amelie weiter. Diese lässt die Luft heraus, erst vorsichtig, dann etwas schneller, ein Quietschen ertönt. „Ein Lachen vom Ballon!“, ruft Amelie. „Wie hast du das gemacht?“, fragt Elisa Schürholz. Für Amelie ist das ganz klar: „Der Ballon war aufgepustet, dann ist die Luft rausgegangen und dann hat er gelacht.“ Die Gruppe will den Luftballon noch einmal zum Lachen bringen. Schürholz pustet ihn auf, reicht ihn dieses Mal aber an Didi weiter. Doch statt eines Lachens ist nur ein leises Zischen zu hören. Didi lässt die Luft ganz langsam entweichen. „Das war nur Luft“, stellt er schließlich fest. „Wir können ihn noch rumsausen lassen“, schlägt Amelie vor. Sie soll zeigen, wie das geht und bekommt erneut einen aufgepusteten Luftballon gereicht. In dem Moment, in dem sie das unverschlossene Ende loslässt, saust der Luftballon los und fliegt direkt in Philipps Gesicht – alle lachen. 

Im nächsten Schritt wollen sie die Luft nutzen, um eine Luftballonrakete starten zu lassen. Dafür hat Elisa Schürholz im Vorfeld eine Schnur um zwei mit dem Rücken zueinander stehende Stühle gespannt sowie einen Strohhalm auf diese Schnur gefädelt. Sie pustet einen Luftballon auf, den Philipp mit einer Wäscheklammer verschließt, bevor Didi und Amelie ihn mit Tesafilm am Strohhalm befestigen. Sie zählen bis drei, dann löst Didi die Wäscheklammer und die Ballonrakete zischt ans andere Ende der Schnur.  „Wow, sie hat sogar einen Salto gemacht“, ruft Amelie begeistert. „Wieso ist die Rakete denn jetzt gestartet?“, will Elisa Schürholz wissen. Die Kinder sind sich einig: „Wegen der Luft.“ 

Gegen Vorurteile
Wie schon beim Schattenexperiment beteiligen sich die Kitakinder auch im Forscherlabor mit viel Freude an den Versuchen. „Durch das forschende Lernen, das die Kinder mit ihren Erfahrungen in den Mittelpunkt stellt, wollen wir auch die naturwissenschaftlichen Bereiche positiv besetzen, die eher einen negativen Ruf haben – Physik, Chemie, Mathematik und Technik“, erklärt Dagmar Schlinkbäumer. Das Schwierigste sei, dass auch die Erzieherinnen und Erzieher ihre eigene Sozialisation hinter sich lassen müssten. „Meine Kollegen haben oft negative Erfahrungen mit Naturwissenschaften gemacht. Sie müssen erst einmal für sich selber einen anderen Zugang zu diesen Themen finden.“ Dabei seien Fortbildungen hilfreich, etwa die von der Stiftung „Haus der kleinen Forscher“. 

Auszeichnung auf Bundesebene
Das Engagement des Kita-Teams von „Schloss Einstein“, die Kinder aller Altersstufen für naturwissenschaftliche Phänomene zu begeistern, ist ausgezeichnet – ganz offiziell. 2018 wurde die Kita schon zum zweiten Mal mit dem Preis „Forschergeist“ geehrt, den die Deutsche Telekom Stiftung und die Stiftung „Haus der kleinen Forscher“ alle zwei Jahre ausschreiben. Die Auszeichnung sei nicht nur für das Team eine Ehrung gewesen. „Das hat auch unsere Kinder und unsere Eltern beeindruckt“, so Dagmar Schlinkbäumer. Und: Durch die Ehrung sei auch der Stellenwert der Kita als Bildungseinrichtung noch einmal mehr in die breite Öffentlichkeit vorgedrungen. „Das hat mich sehr gefreut, dass wir dadurch auch über die Kita hinaus wirken konnten.“

 

IMPRESSIONEN: 15 JAHRE DEUTSCHE TELEKOM STIFTUNG

Autorin: Anna Hückelheim / Fotos: Tina Umlauf, Deutsche Telekom Stiftung (Bildergalerie)