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Tanja Pankau berät eine Schülerin

Karrierecoach im Klassenzimmer

Eine Ausbildung oder lieber erst mal zum Berufskolleg? Was mit Maschinen oder ein Job im Büro? Unterwegs mit Berufsberaterin wie Tanja Pankau.

Tanja Pankau ist in der Richard-Schürmann-Realschule im westfälischen Lüdenscheid ein gern und regelmäßig gesehener Gast. Im Zwei-Wochen-Takt bezieht die Berufsberaterin Raum 19 im ersten Stock, packt Laptop und Schreibblock aus, stellt Mineralwasser, Becher und Fruchtgummi in die Tischmitte und die Werbetafel der Bundesagentur für Arbeit vor die Tür – und wartet auf den ersten Besucher. Pankaus Sprechstunde ist eigentlich ein Sprechvormittag, fast so lang wie ein Schultag. Von 8 bis 12.30 Uhr hat sie ein offenes Ohr für die Anliegen von Acht-, Neunt- und Zehntklässlern. Eine verbindliche Anmeldung mit fixem Termin stellt sicher, dass die Berufsberaterin sich für jeden eine Viertelstunde Zeit nehmen kann.

Die an diesem Mittwoch angemeldeten Schülerinnen und Schüler gehen alle in die zehnte Klasse, bis zu ihrem Schulabschluss sind es nur noch vier Monate. Höchste Zeit also, die Weichen für den nächsten Schritt zu stellen: sich an einer weiterführenden Schule, ob Gymnasium oder Berufskolleg, anzumelden oder um eine Ausbildungsstelle zu bewerben. Daniel Tanne möchte Werkzeugmechaniker oder Zerspanungstechniker werden. Bei einem Praktikum in einer Schlosserei hat der 16-Jährige gemerkt: „Mit den Händen zu arbeiten, macht mir Spaß, Technik ist genau mein Ding.“

Damit ist er nicht alleine. Technische Ausbildungen liegen in der industriell geprägten Region traditionell hoch im Kurs – zumindest bei männlichen Bewerbern. Junge Frauen, die sich für typische MINT-Berufe entscheiden, sind hingegen immer noch die Ausnahme. Sie bevorzugen eine kaufmännische Ausbildung oder möchten Verkäuferin oder Altenpflegerin werden. Ein Umstand, der Lena Brühl, Pressesprecherin der Agentur für Arbeit Iserlohn, bewusst ist: „Natürlich klopfen wir in Beratungsgesprächen ab, ob und inwiefern Mathematik, Technik und Naturwissenschaften die Stärken und Interessen der Mädchen treffen. Einen spürbaren Einfluss auf die tatsächliche Nachfrage hat das aber nicht.“

Schüler Daniel Tanne hat sich bereits bei einigen Unternehmen beworben. Auf eine Zusage wartet er noch. „Sind denn weitere Bewerbungen offen?“, möchte Tanja Pankau wissen. Weil das nicht der Fall ist, hakt sie nach. „Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie sehr wünschst du dir einen Ausbildungsplatz?“ Die Antwort „7 bis 8“ findet sie nicht überzeugend genug, da fordert sie mehr Biss von dem jungen Mann. Sobald die Berufsberaterin wieder in ihrem Büro ist, wird sie einen aktuellen Suchlauf in der Datenbank der Agentur für Arbeit starten und ihm die Kontaktdaten weiterer Ausbildungsbetriebe mailen. Gut findet sie wiederum, dass Daniel zweigleisig fährt und sich bereits beim Berufskolleg Technik angemeldet hat. „Das ist für viele Jugendliche, die zu diesem Zeitpunkt noch keine Ausbildung in der Tasche haben, ein stabiles Auffangnetz.“

Insgesamt rund 150.000 junge Frauen und Männer haben im vergangenen Jahr keine Ausbildungsstelle gefunden – obwohl die Zahl der offenen Plätze und Bewerber mit je 512.000 ausgeglichen war. Einer der Gründe dafür ist, dass Wunsch und Wirklichkeit sich nicht immer -decken. Dabei spielt vor allem der Wohnort eine Rolle, das Ver-hält-nis von Angebot und Nachfrage. „Im Märkischen Kreis haben wir eine komfortable Situation für Jugendliche, weil es mehr Plätze als Bewerber gibt“, berichtet Lena Brühl. Schulabgänger aus strukturschwächeren Regionen müssen dagegen nicht selten hunderte Kilometer weit wegziehen, um ihren Wunschberuf erlernen zu können.

Wie wichtig bei der Berufsorientierung das Teamwork von Arbeitsagenturen und Schulen ist, spiegelt in Nordrhein-Westfalen die Initiative „Kein Abschluss ohne Anschluss“. Seit dem Start 2012 durchlaufen alle Schüler ab Jahrgangsstufe 8 unabhängig von der besuchten Schulform ein standardisiertes Programm aus aufeinander abgestimmten Elementen. Betriebspraktika zählen ebenso dazu wie sogenannte Berufsfelderkundungstage und eine Potenzialanalyse. Berufsberater wie Tanja Pankau sind dabei nicht nur während Schulsprechstunden in den Bildungseinrichtungen. Sie begleiten auch Elternsprechtage und -abende, sitzen in Arbeitskreisen und Ausschüssen. „Wir können viele Impulse geben und Ängste nehmen“, sagt sie, „doch am Ende muss jeder für sich selbst entscheiden, welchen Weg er einschlagen möchte.“
 

Dieser Artikel ist auch in der aktuellen Ausgabe unseres Bildungsmagazins „sonar“ erschienen. Dort gibt es noch mehr interessante Storys rund um die berufliche Bildung in Deutschland. 

Fotos: Julia Unkel