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Unterrichtsmaterialien für Informatik

Informatik unplugged

Informatikdidaktikerin Ira Diethelm hat Materialien für den Informatikunterricht in der Grundschule entwickelt, die vollkommen ohne digitale Medien auskommen.

Ira DiethelmAls die kleine Ira Mitte der Achtzigerjahre in die 6. Klasse ging, baute sie ihren ersten Taschenrechner auseinander. Natürlich meldete sie sich zur neuen AG Informatik, wählte sie allerdings ziemlich schnell wieder ab. Sie war die Beste, aber sie langweilte sich und war genervt von den Jungs, die nur auf „dicke Hose“ machten. Heute ist Ira Diethelm Professorin für Didaktik der Informatik an der Universität Oldenburg und entwickelt unter anderem Unterrichtsmaterialien für den Informatikunterricht an Grundschulen. Langweilig wird es da keinem, das hat sie sich geschworen. Spielerisch und mit viel Spaß sollen die Kinder im Projekt IT2School an das Thema Informationstechnologie herangeführt werden. Dabei kommen auch viele alte Ideen zu neuem Einsatz. 

Beispiel Informationsübertragung: Hier wird geblinzelt und gewunken, das Dosentelefon und ein Morseapparat spielen eine wichtige Rolle. Die Kinder lernen, was es bedeutet, wenn man aus Versehen blinzelt (Fehlerkorrektur), wie man Bilder blinzelt (indem man ein Bild in viele Kästchen aufteilt) oder wie man Informationen verschlüsseln kann (Sicherheit). Und all das ohne Computer? „Nein, der kommt auch zum Einsatz, aber ich plädiere dafür, dass mindestens die Hälfte der Unterrichtszeit ohne die Technik aber dafür über sie stattfindet.“ Und sie weiß aus Erfahrung, dass nur Nicht-Informatiker bei diesem Gedanken stutzen. Mathe kann man ja auch ohne Taschenrechner unterrichten und Chemie ohne ein Labor. Allerdings werden natürlich beide Fächer durch die Anwendung wesentlich bereichert. So ist es auch in der Informatik: Phänomene am Computer ansehen, dann zurücktreten und überlegen, wie das funktioniert, und dann wieder schauen, wo man die Prinzipien im Computer wiederfindet – so kann man digitale Informationsverarbeitung in ihren Augen am besten vermitteln. 

Da ist es wichtig, dass Lehrkräfte wissen, wie Unterricht auch ohne Computer geht. Ein Beispiel für die in ihrem Haus entwickelten Materialien ist der Bausatz für das Internetspiel, mit dem nicht nur Kinder, sondern auch Grundschullehrkräfte die Funktionen des Internets entdecken und verstehen lernen. Mit Pappkartons, bunten Schnüren und einem Protokollheft bewaffnet, gehen die Beteiligten alle Stationen einer Information im Computer durch und erfahren so, welche Rolle Clients, Webserver, Router, Cache, Provider, DNS etc. dabei spielen. Übrigens gibt es auch einen ganz praktischen Nutzen der computerunabhängigen Materialien in IT2School oder denen im sog „Spionkoffer“, den ihre Kollegen aus Wuppertal entwickelten: Nach den Sommerferien, wenn sich häufig die Technik verändert hat oder noch nicht planbar funktioniert, kann die Lehrkraft trotzdem ganz souverän ins neue Schuljahr starten.

 

„KÖNNEN DATEN AUS DEM STICK FALLEN?“

Warum brauchen wir Informatikunterricht, Frau Diethelm?
Aus demselben Grund, aus dem wir auch Physik und Deutsch, Geschichte und Sport brauchen: Alle Kinder sollen sinnvoll auf ihr privates und berufliches Leben vorbereitet werden, unabhängig von familiären, sozialen oder kulturellen Einflüssen – das ist das Grundanliegen der Allgemeinbildung und natürlich der mündigen Beteiligung an der Demokratie. Wir müssen unsere Kinder auf die digitale Welt vorbereiten, denn sie ist Teil unseres Lebens geworden, ob wir das wollen und nutzen oder nicht. 


Welche Rolle spielt dabei die Schule?
Kinder haben viele Ängste: Was ist sicher? Woran erkenne ich das? Ist das wirklich schlimm? Und sie haben scheinbar banale Fragen: Gibt es das Internet auch im Weltraum? Können Daten aus dem Stick fallen, wenn die Kappe nicht drauf ist? Ist das Foto noch im Computer oder weg, wenn man es ausdruckt (der Saft ist schließlich nach dem Auspressen ja auch nicht mehr in der Apfelsine)? Schule ist der Ort, an dem Kinder das Recht auf Bildung und auf die Beantwortung ihrer Fragen haben. Eltern sind damit alleine überfordert. Zurzeit haben nur wenige Länder ein Fach Informatik oder etwas Vergleichbares eingerichtet, also eigene Experten an der Schule. Es gibt keinen Raum, in dem strukturiert Antworten gegeben werden. 


Brauchen Schulen denn eine eigene Fachlehrkraft für Informatik?
Auf jeden Fall. Informatik in andere Fächer zu integrieren hieße, alle zu Experten zu machen – das ist unrealistisch und auch zu teuer. Alle Lehrkräfte müssen ja auch richtig Deutsch schreiben können, und doch gibt es einen Fachlehrer für Deutsch. Zehn Prozent Informatik-Fachlehrer fände ich angemessen. Sie wären das Rückgrat für die anderen Lehrkräfte bei der Entwicklung ihres Curriculums.

Fotos: Andreas Löchte, privat