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Junge Frau vor einer CNC-Maschine bei der Projektplanung

Gesucht: Weiblich, MINT-affin

Initiativen überall in Europa zeigen Wirkung – mehr Mädchen und Frauen als früher interessieren sich für Ausbildungen oder Studiengänge in den MINT-Fächern. Aber es gibt noch viel zu tun.

Sprachwissenschaften als nahezu reine Frauendomäne, Physik oder Maschinenbau mit deutlichem Männerüberschuss: An Europas Universitäten ist von einem ausgeglichenen Geschlechterverhältnis in vielen Studienfächern oft keine Spur. „Wir haben in den vergangenen Jahren zwar deutliche Fortschritte gemacht – es bleibt aber eine Menge zu tun“, sagt Professor Manfred Prenzel (kleines Foto). Der Bildungsforscher und langjährige deutsche Leiter der PISA-Studie kennt sich aus in der internationalen Bildungslandschaft – und weiß, dass es beim Frauenanteil in den MINT-Fächern in Deutschland und vielen Nachbarländern noch Luft nach oben gibt. 

Dabei liegen Mathematik, Naturwissenschaften, Informatik und Technik beispielsweise in Deutschland generell hoch im Kurs: Im Bildungsbericht 2017 der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) belegt Deutschland in diesem Bereich einen Spitzenplatz. Rund 40 Prozent aller Studierenden sind für MINT-Fächer eingeschrieben. Trennt man jedoch nach Geschlechtern, fällt auf: Der Anteil weiblicher Studierender beträgt lediglich 28 Prozent.

Wieso aber sind MINT-Themen für Frauen an Universitäten vergleichsweise uninteressant? Forscher suchten im Auftrag des Softwarekonzerns Microsoft die Gründe an Schulen in zwölf europäischen Ländern. Dabei kaum heraus: Lehrer haben nur wenige Jahre Zeit, Mädchen nachhaltig für das Thema MINT zu begeistern. Deutsche Schülerinnen beginnen durchschnittlich mit 11,4 Jahren damit, sich für MINT-Themen zu interessieren. Zwischen 15 und 16 Jahren nimmt das Interesse aber in der Regel schon wieder ab. Bei russischen Schülerinnen erwacht die MINT-Begeisterung immerhin ein gutes Jahr früher als Deutschland, nämlich im Schnitt mit 10,3 Jahren.

Manfred PrenzelDas habe historische Gründe, sagt Manfred Prenzel. „In der Sowjetunion gab es eine lange Tradition, dass Frauen Ingenieurinnen werden. Das prägt Nachwuchs bis heute.“ Auch Asien steche heraus: „In vielen Ländern dort ist Mathematik ein wichtiger Bestandteil der Kultur und es ist schon allein deshalb selbstverständlich, dass mehr Frauen in diesem Bereich arbeiten.“ Erfolgreiche weibliche Vorbilder wiederum motivierten Mädchen, es ihnen gleichzutun. In Deutschland mangelt es oft an Vorbildern. In der Microsoft-Studie gab mehr als die Hälfte der befragten deutschen Schülerinnen zum Beispiel an, dass sie in den MINT-Fächern nur von Männern unterrichtet werde. Und auch Unterrichtsbeispiele schilderten die Zusammenhänge fast immer aus der Perspektive der Jungs, sagte ein Drittel der deutschen Mädchen.

Für den Bildungsforscher ein klarer Fehler: „Ob man sich für Naturwissenschaften interessiert, hängt damit zusammen, ob man die Themen in der eigenen Lebenswirklichkeit verorten kann.“ Vernachlässige der Unterricht die Perspektive der Mädchen, könnten sie sich weniger für eine Karriere in dem Bereich begeistern. 

Den vergleichsweise niedrigen Frauenanteil im MINT-Bereich hat Deutschland mit vielen seiner Nachbarn gemein. Psychologen der Universität Missouri in den USA machen dafür in einer im Februar 2018 veröffentlichten Studie ausgerechnet die hohe Geschlechtergerechtigkeit der Gesellschaft verantwortlich. Einen deutlich höheren Anteil an Frauen unter den MINT-Absolventinnen weisen beispielsweise die Vereinigten Arabischen Emirate, Tunesien und Algerien auf – allesamt Länder, die beim Thema Gleichberechtigung von Mann und Frau generell schlecht abschneiden. Ein möglicher Grund liegt laut den Forschern darin, dass viele Frauen nach Wegen suchten, finanziell unabhängig zu werden. Die sähen sie in vielen Ländern einzig in einer MINT-Karriere, während es in westlichen Ländern viele andere Möglichkeiten gebe.

Auf dem Status quo ausruhen will sich niemand: In vielen Ländern arbeiten Initiativen aus Politik, Bildung und Wissenschaft daran, mehr Mädchen für Technik, Naturwissenschaften, Mathe oder Informatik zu begeistern. In Großbritannien beispielsweise geben Frauen im Rahmen der Initiative „People Like Me“ ihre Erfahrungen weiter, in Deutschland tauschen sich bei „CyberMentor“ Schülerinnen und Mentorinnen aus dem MINT-Bereich per Mail, Chat und in Online-Foren aus. Außerdem gibt es in der Bundesrepublik schon seit 2008 die Initiative „Komm mach MINT“, unter anderem unterstützt von der Deutsche Telekom Stiftung. Sie vernetzt inzwischen über 250 Partner aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Medien. Und auch die EU ist in dem Bereich aktiv. Das „Hypatia“-Projekt bringt in 14 europäischen Ländern Museen, Science Center, Forschung und Industrie zusammen, um Mädchen für Wissenschafts-Themen zu begeistern. 

Nichelle Nichols durfte eine erfolgreiche MINT-Frau spielen – in der Fernsehserie „Raumschiff Enterprise“ verkörperte sie Lieutenant Uhura. Lange Zeit war die heute 85-Jährige als Botschafterin der NASA unterwegs, um Mädchen für Technik zu begeistern. In dieser Rolle sagte sie einmal: „Naturwissenschaften sind weder Jungensache, noch Mädchensache. Sie sind eine Sache für alle.“ 

Fotos: Monkey Business Images/Shutterstock (oben), Faces by Frank