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Professor Thomas Rauschenbach

„Erzieherinnen eine neue Themenwelt öffnen“

FRÜHE MINT-BILDUNG – Professor Thomas Rauschenbach, Vorstandsvorsitzender und Direktor des Deutsche Jugendinstituts, über die Bedeutung früher MINT-Bildung.

DIE DEUTSCHE TELEKOM STIFTUNG WIRD IN DIESEM JAHR 15 JAHRE ALT. DER BEITRAG ERSCHEINT ANLÄSSLICH DIESES JUBILÄUMS.


Erzieherinnen und Erzieher sollen naturwissenschaftliche Bildung als selbstverständlichen Bestandteil ihrer Arbeit wahrnehmen. Das ist das Ziel des Stiftungsprojekts LuPE. Kooperationspartner der Stiftung in diesem Vorhaben ist das Deutsche Jugendinstitut (DJI). Im  Interview erläutert Professor Thomas Rauschenbach, Vorstandsvorsitzender und Direktor DJI, wie sich die Bedeutung früher Bildung verändert hat und warum gerade frühe MINT-Bildung so wichtig ist.

Welche Bedeutung hat die Kita im deutschen Bildungssystem?
Die Kita hat in diesem Jahrhundert erheblich an Bedeutung gewonnen. Durch die neu eingeführten Bildungspläne, den Rechtsanspruch auf Betreuung von Kindern unter drei Jahren und den damit verbundenen starken Ausbau der U3-Betreuung, gewissermaßen auch durch das Versprechen an die Eltern, Kinder in Kitas insgesamt gezielter zu fördern, hat sie neben der elementaren Aufgabe der Betreuung und der umfassenden Unterstützung von kleinen Kindern einen stärkeren bildungsbezogenen Auftrag bekommen.


Können Sie diesen Auftrag genauer beschreiben? 
Wenn man sich den klassischen westdeutschen Kindergartenalltag der Siebziger- und Achtzigerjahre in Erinnerung ruft, war das oft ein auf Spiel ausgerichteter Drei-Stunden-Vormittagskindergarten. Durch die Einführung der Bildungspläne vor gut einem Jahrzehnt hat die Frage „Was sollen Kinder in diesem Alter eigentlich lernen?“ an Bedeutung gewonnen. Kleine Kinder sollen – ganz allgemein – „auf das Leben“ vorbereitet werden, indem sie in kleinen Schritten Dinge lernen, sei es in punkto Motorik, Sprache, Ernährung, Naturwissenschaft und vielem anderen mehr. Unter dem Strich hat das zur Folge: Der Kindergarten ist durch seine zeitliche Ausdehnung, durch seine inhaltliche Erweiterung, durch seine stärkere bildungsbezogene Ausdehnung nach und nach zum ersten öffentlichen Bildungsort im Prozess des Aufwachsens von Kindern geworden. Das drückt sich auch darin aus, dass beispielsweise der Nationale Bildungsbericht völlig selbstverständlich die Kindertagesbetreuung als Ort der Bildung betrachtet und einbezieht. 


Was muss eine Kita leisten, damit sie ihrer Bedeutung als ersten öffentlichen Bildungsort gerecht wird? 
Wichtig ist, dass es bei der frühkindlichen Bildung nicht um eine nach vorne verlagerte schulische Bildung geht, in der kleine Kinder in einzelnen Fächern unterrichtet werden. Es geht vielmehr um Bildung in einem sehr elementaren, nicht an Schriftsprache gebundenen Sinn: Selbsterprobung, „learning by doing“, alltagsintegriert – Stichworte, die andeuten, dass es eher um offene, ungeregelte Bildungsprozesse geht, wie sie auch ganz selbstverständlich in Familien stattfinden. Kitas schaffen so Gelegenheiten, Kindern die Welt in kleinen Schritten nahezubringen. Kinder trainieren etwa ihre Feinmotorik beim Schneiden mit der Schere oder beim Binden der Schuhe; sie lernen Reime und Töne beim Singen und Musizieren. Das sind traditionelle Beispiele. Hinzugekommen sind in den vergangenen fünfzehn Jahren verstärkt auch Sprachentwicklung und Sprachförderung, die im Lichte der großen Zahl an Kindern, die zuhause überwiegend eine andere, nicht deutsche Sprache sprechen, an Bedeutung gewonnen haben. Und inzwischen wird der Fokus zudem vermehrt auf naturwissenschaftliche Dinge gelegt, sodass Kinder von klein auf auch an diese Facetten der Welt herangeführt werden.


Warum ist gerade die Förderung von MINT-Bildung schon im frühkindlichen Bereich so wichtig?
Kinder treffen in unendlich vielen Facetten auf die sie umgebende Welt. Und dabei besteht in jeder Hinsicht die Herausforderung für sie darin, sich diese Welt zu eigen zu machen. Das gilt selbstverständlich auch für sämtliche Natur- und Technikphänomene, die sie beobachten und die ihre Neugier wecken, wie etwa die Blätter, die sich im Herbst verfärben und vom Baum fallen, unterschiedliche Materialien, wechselnde Temperaturen, Farben, Gerüche, Geräusche und unendlich vieles mehr. Frühe MINT-Bildung nutzt diese Neugier, um Kindern einen niedrigschwelligen, selbstverständlichen Zugang zu naturwissenschaftlichen Phänomenen zu vermitteln, und versucht, mit ihnen zusammen Antworten auf ihre Fragen zu finden, sodass die entdeckende Neugier gestillt und weiter angeregt wird. 


Das „LuPE“-Konzept setzt besonders auf die Verzahnung von Theorie und Praxis, sodass die angehenden Erzieherinnen und Erzieher das, was sie in der Fachschule lernen, auch direkt in der Kindertageseinrichtung nutzen können. Wieso ist diese Verbindung so wichtig? 
Naturwissenschaftliche Bildung hat in den Kindergärten wenig Tradition – und es ist sicher auch nicht das Lieblingsthema vieler Fachkräfte. Daher ist es wichtig, die Erzieherinnen mitzunehmen, ihnen diese Themenwelt zu öffnen, ihnen das Gefühl der Überforderung zu nehmen. Ich könnte mir gut vorstellen, dass so manche Erzieherin in ihrer Schulzeit mit naturwissenschaftlichen Fächern nicht unbedingt positive Erfahrungen gemacht und daher erst mal eine Scheu vor damit verbundenen Aufgaben hat. Erzieherinnen müssen diese erst mal ablegen, brauchen sowohl stimulierende Anregungen als auch verständliche Wissenszusammenhänge, die ihnen Phänomene selbst verstehbar machen, verbunden mit Ideen, was sie den Kindern in diesem Alter wie beibringen können. 


Welche Erfahrungen haben Sie im Zuge des Projekts „LuPE“ gemacht?
Es gab im Projekt viel Begeisterung und viel Engagement, um Herausforderungen zu bewältigen. Daraus ist eine, wie ich finde, beeindruckende Handreichung für Lehrkräfte an den Fachschulen mit dem Titel „Frühe alltagsintegrierte naturwissenschaftliche Bildung“ hervorgegangen. Und diejenigen, die bei uns den Vertrieb der Publikationen verantworten, sagen: „Das wird uns aus den Händen gerissen.“ Das zeigt einmal mehr, dass in diesem Themenfeld ein Bedarf besteht, dass den Fachschulen das Thema wichtig ist. Unser Ziel ist es, dass naturwissenschaftliche Bildung an sozialpädagogischen Fachschulen selbstverständlicher Teil der Ausbildung wird. Wenn sich Erzieherinnen damit in ihrer Ausbildung beschäftigen, ist die Wahrscheinlichkeit ungleich größer, dass sie das Erlernte später auch in der Praxis anwenden. 


Die aktuelle Projektphase läuft noch bis zum 31. März 2019. Wie geht es danach weiter? 
Wir hoffen und gehen davon aus, dass wir das Projekt bis Herbst 2020 verlängern können, um eine zweite Handreichung für die frühe mathematische Bildung vorlegen zu können. Derzeit klären wir die Finanzierung dieser Projekt-Fortsetzung. Es wäre jedenfalls zu wünschen, dass wir neben vielen Sprachprojekten in Deutschland auch dem MINT-Themenfeld eine Chance geben, den Kita-Alltag zu bereichern.

 

IMPRESSIONEN: 15 JAHRE DEUTSCHE TELEKOM STIFTUNG

Autorin: Anna Hückelheim / Fotos: David Ausserhofer, Deutsche Telekom Stiftung (Bildergalerie)