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Porträt von Dr. Ekkehard Winter, Geschäftsführer der Telekom-Stiftung

Erste Risse in der tragenden Säule?

Ein Beitrag von Dr. Ekkehard Winter zum digitalen Lernen in der Berufsausbildung

Die duale Berufsausbildung gilt als eine der tragenden Säulen des deutschen Wirtschaftserfolges. Für die erfolgreiche Kombination aus Theorie und Praxis werden wir international gelobt und vielfach auch beneidet. Zu Recht aus meiner Sicht! Denn das Zusammenspiel zweier Lernorte – Berufsschule und Ausbildungsbetrieb – garantiert den Unternehmen seit Jahrzehnten kompetenten Nachwuchs. Nun mehren sich Stimmen, das duale System sei angesichts der zunehmenden Digitalisierung alles andere als gut aufgestellt. Der Umgang mit digitalen Medien lasse sowohl in den berufsbildenden Schulen, aber auch in den Betrieben zu wünschen übrig. Darüber hinaus passe das Erlernte nicht zur beruflichen Praxis. Keine gute Nachricht, wenn es um das Bestehen junger Menschen in der digitalen Welt geht. Aber was genau muss sich ändern, damit die duale Berufsausbildung den Sprung in die digitale Welt schafft? 

Um hier zu aussagekräftigen Ergebnissen zu kommen, muss man mit den Machern vor Ort sprechen: den Berufsschullehrern und den Ausbildern in den Unternehmen. Genau das hat die Deutsche Telekom Stiftung getan und eine Umfrage zum Thema in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse liefern ein breites Spektrum der heutigen Realität in der beruflichen Ausbildung im gewerblich-technischen Bereich. Positiv hervorzuheben ist die ausgeprägte Bereitschaft aller Beteiligten, digitale Inhalte in den Lernstoff zu integrieren. Ob im Unterricht an der Berufsschule oder bei der Wissensvermittlung im Betrieb – Berufsschullehrer und Ausbilder sind sich in hohem Maße einig, dass das Lehren und Lernen mit digitalen Medien in gewerblich-technischen Ausbildungsberufen sinnvoll und nützlich ist. 

Aus anderen Studien wissen wir, dass die IT-Ausstattung in einigen Schulen und Betrieben mitunter zu wünschen übrig lässt und dass statt dessen eher auf konventionelle Lernmittel gesetzt wird. Und auch das pädagogische Know-how beim Einsatz digitaler Medien bietet noch ordentlich Luft nach oben. All das dürfte niemanden wirklich überraschen. Nicht von ungefähr hat die Bundesregierung gemeinsam mit den Ländern den Digitalpakt auf den Weg gebracht, um hier zielgerichtet in unser Bildungssystem zu investieren.

Was mich jedoch überrascht hat, ist die Tatsache, wie wenig sich Berufsschullehrer und Ausbilder über die Lerninhalte ihrer Auszubildenden – die sie immerhin gemeinsam und im gleichen Zeitraum betreuen – austauschen. So behaupten lediglich 22 Prozent der Lehrer von sich, dass sie relativ genau darüber Bescheid wissen, welche digitalen Kompetenzen ihren Schüler in den Betrieben vermittelt werden; weitere 37 Prozent haben dazu nur eine grobe Vorstellung. Ein Drittel hingegen hat darüber kaum oder gar keinen Überblick. Noch dürftiger fällt der Informationsstand der Ausbilder aus: 56 Prozent haben nur wenig oder gar keine Ahnung davon, welche digitalen Inhalte ihre Nachwuchskräfte in der Berufsschule erlernen.

Mehr noch: Aus Sicht der Ausbilder gelingt es den Berufsschulen kaum, die Auszubildenden ausreichend auf die digitalen Anforderungen im Berufsalltag nach der Ausbildung vorzubereiten. Nur ein gutes Drittel attestiert den Berufsschulen eine gute oder sehr gute Vorbereitung der Nachwuchskräfte im Hinblick auf digitale Kompetenzen; 56 Prozent der Ausbilder haben hingegen den Eindruck, dass die Auszubildenden in diesem Bereich weniger gut oder kaum beziehungsweise gar nicht vorbereitet werden. Das sind alarmierende Zahlen.

Die Konsequenz daraus kann nur sein, den Austausch zwischen Berufsschulen und Ausbildungsbetrieben kräftig anzukurbeln. Denn nur wer den Alltagsbetrieb des jeweils anderen mit all seinen Anforderungen kennt, kann dessen Arbeit beurteilen und konstruktive Verbesserungsvorschläge einbringen. Erfreulich ist: Der Wille zum Dialog scheint durchaus vorhanden. 50 Prozent der Lehrer sowie 60 Prozent der Ausbilder wünschen sich einen stärkeren Austausch speziell zur Digitalisierung. Wie dieser Dialog in der Praxis funktionieren kann, das erarbeiten Vertreter von zehn ausgewählten berufsbildenden Schulen übrigens derzeit im Rahmen des Projekts „Berufsschule digital“, das die Deutsche Telekom Stiftung in diesem Jahr ins Leben gerufen hat.

Hier geht es keineswegs um millionenschwere Investitionen, sondern um eine mindestens ebenso wertvolle Ressource: Zeit. Die muss für die Beteiligten – verbindlich – freigeschaufelt werden. Was leicht umsetzbar klingt, hat im Alltag durchaus seine Tücken angesichts der engen Stundenpläne in den Schulen und den ebenso hart kalkulierten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in den Betrieben. Hier ist vieles bereits auf Kante genäht.

Ganz entscheidend ist es daher, die Rahmenbedingungen vor Ort so zu ändern, dass Berufsschullehrer und Ausbilder trotz der bestehenden Belastungen die notwendige Zeit finden, um die Lerninhalte abstimmen zu können. Ein „Aneinandervorbeiwurschteln“ wäre hier fatal, denn schließlich kümmern sich beide Seiten gemeinsam um die Fachkräfte von morgen. Vor allem die Schulleitungen und Unternehmensleiter sind gefordert, die dringend benötigten Freiräume zu schaffen. Andernfalls bleibt die viel beschworene Bereitschaft zum Dialog nur ein Lippenbekenntnis. Die unverzichtbare Säule des deutschen Bildungssystems sollte gerade in puncto Digitalisierung keine Risse bekommen, die nur schwer zu kitten wären.

Der Autor ist Geschäftsführer der Deutsche Telekom Stiftung.