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Schülerin am Mikroskop

Erfolgsmodell Lehr-Lern-Labor

Sechs Universitäten haben sich 2014 zusammengetan, um gemeinsam – und mit Unterstützung der Deutsche Telekom Stiftung – Lehr-Lern-Labore für das Lehramtsstudium weiterzuentwickeln. Zeit für eine Bilanz.

Wenn Ann-Katrin Brüning in diesem Herbst mit ihrem Referendariat beginnt, nimmt sie viel Handwerkszeug mit in die Schule. Die 27-Jährige ist Doktorandin am Institut für Didaktik der Mathematik und Informatik an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, ihre Promotion schließt sie bald ab. Sie beschäftigt sich mit Lehr-Lern-Laboren, etwa mit der Frage, welche Effekte die Teilnahme an solchen Laboren auf die Lehramtsstudierenden haben. Ihre Studien bestätigen, was sie vermutet hat. Bereits die Teilnahme am Angebot während eines Semesters wirkt sich positiv auf die Selbstwirksamkeitserwartungen aus: „Die Studierenden sind stärker davon überzeugt, begabte Kinder im Mathematikunterricht diagnostizieren und fördern zu können“, sagt Ann-Katrin Brüning, die das Mathematiklabor „Mathe für kleine Asse“ erforscht hat, das speziell leistungsstarke Kinder in den Blick nimmt. Außerdem habe sich die Haltung der Studierenden zum Lernen der Schüler verändert: „Sie sehen, wie viel Spaß die Schüler am Lernen haben, wenn sie im Unterricht viel ausprobieren dürfen.“

Nach drei Jahren der gemeinsamen Arbeit im Hochschulverbund „Schülerlabore als Lehr-Lern-Labore“ ziehen die sechs beteiligten Universitäten eine positive Bilanz. Viele loben die gute Zusammenarbeit, die zwischen den Professorinnen und Professoren entstanden ist. „Der Verbund hat es geschafft, dass die Erfahrungen, die an den einzelnen Standorten in den Lehr-Lern-Laboren gesammelt wurden, ausgewertet und ausgetauscht wurden“, sagt Burkhard Priemer, Professor für Didaktik der Physik an der Humboldt-Universität zu Berlin. „Alle Partner-Universitäten haben einen erweiterten Blick auf die Einbindung von Schülerlaboren in die Lehrpersonenbildung gewonnen und konnten so ihre eigenen Angebote verbessern.“ Die Wirksamkeit dieser Lehrangebote sei erstmals standortübergreifend untersucht worden: „Damit hat der Verbund richtungsweisend die MINT-Didaktik vorangebracht.“

An der Humboldt-Universität wurden die Lehr-Lern-Labore nicht nur in den MINT-Fächern eingeführt. Sie waren auch Vorbild für Labore in den „Alten Sprachen“ und in den Rehabilitationswissenschaften. Diese Strahlkraft beobachten auch Vertreterinnen und Vertreter anderer Hochschulen. Ilka Parchmann, Vizepräsidentin für Lehramt, Wissenschaftskommunikation und Weiterbildung an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, würde sogar so weit gehen, Lehr-Lern-Labore verpflichtend für alle Studierenden einzuführen: „Fachstudierende, die Tutorien geben oder später als Ausbilder tätig sind, würden von diesen Erfahrungen enorm profitieren.“


Vom Nischenprodukt zum festen Modul
Dabei erinnert sich Michael Komorek, Professor für Physikdidaktik an der Carl-von-Ossietzky-Universität in Oldenburg, dass Lehr-Lern-Labore noch vor einigen Jahren als methodische Spielerei abgetan wurden. Erst mit der Reakkreditierung der Oldenburger Studiengänge im Jahr 2014 wurden sie nachhaltig in die Modulbeschreibungen aufgenommen: „Das ist ein echter Gewinn für die zukünftigen MINT-Lehrkräfte“, sagt Michael Komorek, „und jetzt ist auch geplant, die einzelnen Lehr-Lern-Labor-Module im Curriculum noch besser miteinander zu verbinden.“ Sie sollen an strategisch wichtigen Stellen platziert werden:

  • im ersten Studienjahr, damit die Studierenden früh einen Kontakt zu ihrer Zielgruppe aufbauen,
  • im mittleren Teil des Studiums, um Diagnosekompetenz aufzubauen,
  • und in der späten Masterphase, um eigene Interventionen im Labor umzusetzen und deren Wirkungen zu untersuchen.

Dass die Studierenden dabei ihr praktisches Handeln auch theoretisch reflektieren, ist Michael Komorek besonders wichtig. Eine Meinung, mit der er nicht alleine ist. Jürgen Roth betont, dass an der Universität Koblenz-Landau die fachdidaktische Forschung immer als wesentlicher Bestandteil der Lehr-Lern-Labore gesehen wurde. „So sind die Studierenden in aktuelle Forschungsthemen eingebunden und lernen, Forschungsergebnisse zu reflektieren und für ihren späteren Unterricht zu nutzen“, sagt der Professor für Mathematik und ihre Didaktik, der am Campus in Landau lehrt und forscht.

Positiv beurteilt er auch, dass die Lehr-Lern-Labore den Weg in Förderprogramme wie die Qualitätsoffensive Lehrerbildung gefunden hätten: „Eine Entwicklung, die sich auf die erfolgreiche Arbeit im Verbund zurückführen lässt.“ Damit möglichst viele Hochschulen von den Erfahrungen des Verbunds profitieren, planen die beteiligten Universitäten ein Buchprojekt: „In dem Buch fassen wir unsere Konzepte und Forschungsperspektiven zusammen.“


Viel Raum für neue Forschungsfragen
Die Professorinnen und Professoren der Verbunduniversitäten werden sich auch zukünftig mit Lehr-Lern-Laboren beschäftigen – und dabei von den bisherigen Erfahrungen profitieren. „Wir konnten viel voneinander lernen“, sagt Friedhelm Käpnick, Professor für Mathematik-Didaktik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Auch er macht auf die Netzwerke aufmerksam, die durch die Förderung entstanden sind. So haben er und Ann-Katrin Brüning in Kooperation mit Birgit Weusmann von der Universität Oldenburg sowie Volkhard Nordmeier und Hilde Köster von der Freien Universität Berlin im Entwicklungsverbund Befragungen unter Hochschullehrenden durchgeführt. Deren Ergebnisse helfen, den Begriff des Lehr-Lern-Labors klarer zu definieren.

An der Freien Universität Berlin wird das Format der Lehr-Lern-Labore inzwischen auch auf weitere Fächer ausgeweitet und intensiv beforscht. „Die Labore sind ein Erfolgsmodell in der MINT-Lehrerbildung, und wir erhoffen uns nun viel von der Ausweitung auf weitere Fächer“, sagt Volkhard Nordmeier, Professor für Didaktik der Physik an der FU. Viele Forschungsfragen seien noch offen: „Wir wissen noch wenig über die spezifischen Wirkungen der Lehr-Lern-Labore in Bezug auf den Erwerb von Unterrichtskompetenzen für die spätere Tätigkeit in der Schule.“

Es bleibt viel zu tun. Michael Komorek von der Universität Oldenburg zum Beispiel wird in einem neuen Forschungsprojekt verstärkt die Schülerinnen und Schüler in den Blick nehmen: „Die Frage, wie Schülerlabore das Denken der Jugendlichen erweitern und welche Prozessen beim außerschulischen Lernen genau ablaufen, ist noch zu wenig geklärt“, sagt er, „das macht die Sache so spannend.“

Autorin: Britta Mersch / Foto: Andre Schuster