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Eine Person hält ein Smartphone in der Hand

Eine Lernplattform für alle

Die Bremer Bildungscloud itslearning

Im Länderindikator 2016 beurteilen Bremer Lehrerinnen und Lehrer die IT-Ausstattung ihrer Schulen und die pädagogische Unterstützung in Sachen digitale Medien im Unterricht besonders gut. Ein Grund hierfür sicherlich: Die Bremer haben einen Masterplan Medienbildung, und dazu gehört seit neuestem itslearning – eine Bildungs-Cloud, die alle Schulen, Schüler und Lehrer, aber auch Schulträger und Bildungsministerium zusammenführt. Eine solche landes­weite digitale Lerninfrastruktur ist in Deutschland bisher einzigartig.

Deutsche Schulen, findet Dr. Rainer Ballnus, befinden sich aktuell in einem Dilemma: „Lange ließ sich der Computer an der Schultür aufhalten, doch das Internet schleicht sich drahtlos ins Schulhaus und nimmt die sozialen Netzwerke gleich mit. Statt der Telefonkette wird rasch eine WhatsApp-Nachricht geschrieben, obwohl das dienstrechtlich nicht erlaubt und auch datenschutzrechtlich problematisch ist, aber es passiert eben. Und die Nutzer gehen fremd. Sie verwenden nicht die schulische Infrastruktur, sondern bringen ihre eigenen Geräte mit, und wenn kein WLAN vorhanden ist, auch ihr eigenes Netz: Daten, von denen wir nicht wussten, dass es sie gibt, finden Wege, die nicht vorgesehen waren, und offenbaren Dinge, auf die wir nie gekommen wären“ Einerseits. Andererseits wisse man: „Medienkompetenz erwirbt man nicht nebenbei, sondern sie muss gefördert werden, und zwar quer zu den grundsätzlichen Kulturtechniken  Lesen, Schreiben, Rechnen.“ Deshalb besteht der Leiter des Zentrums für Medien am Landesinstitutes für Schule (LIS) in Bremen auf sprachlicher Präzision: „Es geht nicht um digitale Bildung. Es geht um Bildung in einer digitalen Welt“.

In Bremen hat man sich daher auf den Weg gemacht. Die Ausgangslage für eine großangelegte Initiative war günstig. Die Bildungssenatorin hatte das Thema vorangetrieben, weil ihr „ein Gesamtkonzept fehlte, das Ausstattung, Lehrer­fortbildung und Medienkompetenz, aber auch technischen Support zusammenführt“. Mit dem LIS gab es eine Institution, die diese Mammut­aufgabe begleiten konnte. Und auch die Bereitschaft unter den Lehrkräften war da. In einer Befragung hatten im Jahr 2010 über 80 Prozent von ihnen geantwortet, dass sie digitale Medien gerne verstärkt einsetzen würden und dass sie sich dazu eine gemeinsame Plattform wünschen.

Auf der Grundlage von Umfragen und Diskussion mit allen Beteiligten waren dann 2012 die Erwartungen an die Lernplattform definiert: Sie sollte zugleich Schule verwalten, Lernvorgänge organisieren, eine lebendige Kommunikation zwischen Lehrenden und Lernenden, aber auch zwischen Schulen, Schulträgern und Behörde erleichtern und letztlich die Schulentwicklung voranbringen. Eine Komplettlösung für die pädagogische Arbeit, für technische Wartung und Entwicklung, für ein landesweites Angebot und für ein einheitliches Angebot an allen Schulen sollte es sein. Ballnus war sich bewusst: „Für so eine komplexe Aufgabe braucht man eine regelrechte Lerninfrastruktur“. Über eine Ausschreibung wurde deshalb Ende 2013 ein System gesucht, das möglichst alle formulierten Ansprüche erfüllt.

Ausrichtung an pädagogischen Bedürfnissen

Die Wahl der Bremer fiel Ende 2013 auf das in Norwegen entwickelte und international weit verbreitete Lernmanagementsystem itslearning. Es verspricht eine technisch komplexe, vor allem aber an pädagogischen Bedürfnissen ausgerichtete Lernumgebung. Sie soll nicht nur Schülerinnen und Schüler dabei unterstützen, den kompetenten, verantwortungsbewussten Umgang mit digitalen Medien zu lernen. Vor allem den Lehrkräften soll sie Hilfestellung dabei geben, motivierenden Unterricht zu gestalten und dabei die besonderen Möglichkeiten digitaler Medien zu nutzen. „Mit unserem System bieten wir eine personalisierte Umgebung, sodass die Lernkompeten­zen von jedem einzelnen Lernenden gefördert werden können“, beschreibt Peter Sidro von itslearning die Potentiale des Systems.

Technisch läuft itslearning in Bremen über eine Schulcloud, WLAN und mobile Endgeräte, teils privat, teils schulisch. Da das Land bereits über einen zentralen Schulserver verfügte, ließ sich durch Integration von Namen und Benutzer­kennung die Nutzerverwal­tung automatisieren. So erfordert ein Schul- oder Klassenwechsel keinen zusätzlichen administrativen Aufwand, und auch städtische Angebote wie eine Mediathek können unmittelbar über itslearning genutzt werden. Die persönlichen Geräte aller Schüler und Lehrer werden über die Benutzerkennung an jedem Schulort vom System erkannt. Das erhöht die Bereitschaft, aber auch die Möglichkeit der Nutzung eigener Geräte („Bring Your Own Device“).

Implementierung in drei Schritten

Im Herbst 2014 hat in Bremen die Implementierung der neuen Lernplattform begonnen. Die ist nicht von heute auf morgen zu schaffen. Dr. Rainer Ballnus ist Realist: „Ein Globalziel ist wichtig und nötig, aber das muss dann auch in kleinen Schritten abgearbeitet werden. Fehlen einzelne Bausteine, dann stellt sich statt Erfolg Frustration und sogar Ablehnung ein“, so seine Erfahrung. Eine Steuergruppe aus allen beteiligten Gruppen wurde eingesetzt, um eine breite Mitwirkung sicher­zustellen. Sie trifft sich monatlich und vergibt auch Sonderaufgaben an Arbeitsgruppen, gleich als erstes zum Beispiel für eine Dienst­vereinbarung samt Datenschutzkonzept. Da die Ausgangssituationen an den Schulen sehr unter­schiedlich und auch die Personalressourcen für Fortbildungen endlich sind, erfolgt die Implementierung an jeder Schule in drei Phasen: „Das stellt sicher, dass nur Schulen mit der Lernplattform konfrontiert sind, die das auch wollen und können“, sagt Michael Plehnert, am LIS für Einführung und Betrieb von itslearning verantwortlich.

Zunächst geht es in den Schulungen um die Organisation der schulinternen Kommuni­kation, dann wird die Unterrichtsgestaltung thematisiert und schließlich die schuli­sche Verwaltung. Fortgebildet werden jeweils ausgewählte Lehrer, die dann als Multiplikatoren an ihren Schulen ihr Wissen weitergeben und als  Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Sie treffen sich alle zwei Wochen, um Austausch und Verbesserung zu ermögli­chen. Weitere zahlreiche Einzelmaßnahmen unterstützen die Umsetzung, beispielsweise als ein Modul in der Schulleiterqualifizierung oder als Baustein in den Ausbildungsseminaren für angehende Lehrkräfte.

Steigende Nutzerzahlen

Ende 2016 will das LIS eine Evaluation der Entwicklung in den ersten drei Jahren vorlegen. Die ersten Rückmeldungen sind bereits ermutigend. Und Plehnert berichtet: „Die Nutzung beginnt zu diffundieren. Die ersten Lehrkräfte konnten wir bereits von Public-Cloud-Diensten wie Dropbox und WhatsApp auf die Plattform locken, wo alle letztlich Herr über ihre Daten sind.“ 40 Schulen haben die erste Fortbildungs­phase bereits durchlaufen, zehn auch die zweite, und 27 sind in der Einführungs­phase. Die Zahl der Zugriffe auf die Plattform steigt kontinuierlich. Bis 2018 sollen alle 170 Bremer Schulen itslearning nutzen können. Den landesweiten Ausbau von WLAN hat der Landtag beschlossen, aber wenn alle Schulen gemeinsam den Internetzugang nutzen, gehört dazu auch eine entsprechende Bandbreite. Die nötigen Investitionen hierfür stehen noch aus. Trotzdem ist man am LIS optimistisch. Dr. Rainer Ballnus: „Bremen zeigt hier exemplarisch, dass Bildung in einer Welt des digitalen Wandels gelingen kann, wenn sie von allen Beteiligten systematisch und in gemeinschaftlicher Anstrengung vorangetrieben wird.“

Foto: Jutarat Buadok/Shutterstock