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Das SINDU Team vor dem Schulgebäude

Ein Herz für Härtefälle

Am Hans-Böckler-Berufskolleg bietet ein Beratungsteam den Schülern und Lehrern praktische Unterstützung in allen Lebenslagen.

Ob leistungsstarke Schüler oder Jugendliche mit hohem Förderbedarf: In keiner anderen Schulform in Deutschland begegnet man einer so großen Bandbreite an Schülern wie im Berufskolleg – von jungen Erwachsenen, die ihr Abitur nachholen, über Berufseinsteiger, die eine duale Ausbildung antreten, bis hin zu Jugendlichen, die ihren Hauptschulabschluss nachholen wollen. Keine Frage, hier treffen die Lehrerinnen und Lehrer auf das pralle Leben mit allen seinen Facetten – aber auch mit dessen Problemen und Schattenseiten.

So wie im Hans-Böckler-Berufskolleg (HBBK): An den beiden Schulstandorten in Marl und Haltern am See bietet ein sechsköpfiges Beratungsteam den rund 3.100 Schülern sowie den Lehrern praktische Unterstützung in allen Lebenslagen. Das Besondere dabei: Das SINDU-Team – das Kürzel steht für „soziale und individuelle Unterstützung“ – verbindet individuelle Beratung, Schulsozialarbeit, Inklusion, Sonderpädagogik, Konflikt- und Krisenmanagement sowie die Zusammenarbeit mit anderen Arbeitsgruppen des Berufskollegs. Kurz: kompetente Hilfe aus einer Hand.

Den Impuls für die Bündelung der Beratungskompetenzen gab Matthias Bomba, der vor rund eineinhalb Jahren in die erweiterte Schulleitung des HBBK wechselte. Gleichzeitig brachte er seine umfangreiche Erfahrung im Konflikt- und Krisenmanagement mit ein, die er bei früheren Tätigkeiten für die Bezirksregierung Münster und in anderen Berufsbildenden Schulen gesammelt hatte.

Vertrauen ist der Schlüssel

Einmal in der Woche trifft sich das SINDU-Team, um vor allem diejenigen Fälle ausführlich zu besprechen, die über den üblichen Betreuungsbedarf hinausgehen. Dabei beraten die Teammitglieder einander oder stimmen sich ab, wer am besten welchen Fall übernimmt. „Viele unserer Schüler bringen eine abgebrochene Schulbiografie mit, gerade in den unteren Bildungsgängen; diese Jugendlichen benötigen häufig eine individuelle Begleitung im Schulalltag. Unser Ziel ist es, möglichst allen Jugendlichen einen Abschluss zu ermöglichen“, bestätigt Thomas Wallrad. „Zu Recht darf sich das Berufskolleg als Chancenschule verstehen, das so manchem Jugendlichen eine zweite oder gar dritte Chance bietet.“ Gemeinsam mit seiner Kollegin Gabi Dinter arbeitet Wallrad als Sozialarbeiter an den beiden Schulstandorten. Um das Vertrauen der jungen Erwachsenen zu gewinnen sind Geduld und Fingerspitzengefühl gefragt. Ein wichtiges Plus ist die Schweigepflicht der Sozialarbeiter und Beratungslehrer: „Die Jugendlichen können sich hundertprozentig sicher sein, dass wir ihre Anliegen stets vertraulich behandeln“, erläutert Dinter.

So erleben es die Mitglieder des SINDU-TEAMS immer wieder, dass Schüler Vertrauen zu ihnen fassen und mit schwerwiegenden Problemen bis hin zur Suizidgefährdung auf sie zugehen. „Bei Bedarf setzen wir auf weiteres Experten-Know-how oder wir nehmen Kontakt zu den Eltern, dem Jugendamt oder externen Beratungsstellen auf“, schildert Dinter. „Denn Schule kann nicht alle Konflikte lösen, das gilt insbesondere bei einer Verweigerungshaltung“, sagt Wallrad. „Dennoch ist es sinnvoll, in allen Fällen so früh wie möglich zu handeln, da wir die Menschen hier bei uns noch erreichen können; im späteren Arbeitsleben wird dies weit schwieriger.“

Psychische Probleme nehmen zu

Die Mitglieder des SINDU-Teams sind sich einig: Mit der zunehmenden Vielfalt der Schüler ist auch die Vielfalt der großen und kleinen Probleme im Schulalltag gewachsen. Dabei ist die neu hinzugekommene Aufgabe, geflüchtete Jugendliche zu integrieren, nur eine von vielen Herausforderungen. Generell beobachtet Matthias Bomba einen schulübergreifenden Trend: Die psychischen Probleme – von Aggressionen, Mobbing, Panikattacken bis hin zu Depressionen – haben unter den Jugendlichen und jungen Erwachsenen enorm zugenommen. Das gilt ebenso für die verbale und körperliche Gewalt von Schülern gegen Lehrkräfte oder eskalierende Konflikte unter den Schülern für alle weiterführenden Schulen.

„Meist müssen wir erst einmal, bildlich gesprochen, den Topf von der glühenden Herdplatte herunternehmen und die Situation beruhigen“, schildert Bomba. Die Konflikte, mit denen es das SINDU-Team im Alltag zu tun hat, sind ganz unterschiedlich: ob Schlägereien, übrigens auch unter Mädchen, Drogenkonsum, Handyraub oder ganz praktische Sorgen, etwa wo man nach familiären Auseinandersetzungen am Abend übernachten kann. „Der Ton unter den Jugendlichen sowie die Umgangsformen sind in den zurückliegenden Jahren deutlich rauer geworden“, bestätigt Birgit Kottmann, die eigens eine dreijährige Zusatzausbildung als Beratungslehrerin absolviert hat. Oft erlebt das SINDU-Team, dass gerade in Mobbingfällen die psychische Gewalt selbst nach Schulschluss weitergeht. „Die psychischen Härtefälle haben in jedem Fall zugenommen“, betont die Lehrerin. Das gelte ebenso für die steigende Zahl von Jugendlichen, die unter extremer Prüfungsangst leiden. „Gleichzeitig geben die Schüler bei Gegenwind oder kleinen Frustrationen heute viel früher auf, während sie in der Vergangenheit deutlich mehr Durchhaltevermögen an den Tag legten“, hat Kottmann beobachtet.

Das SINDU-Team beim Beratungsgespräch

 

Schnelles Handeln zählt

Angesichts dieser geballten Probleme im Schulalltag ist es für den Erfolg des SINDU-Teams entscheidend, bei auffälligem Verhalten einzelner Schüler möglichst schnell und frühzeitig zu reagieren und ihnen dabei zu helfen, ihre Krise möglichst schon im Ansatz zu bewältigen. Das beginnt bei vergleichsweise harmlosen Vergehen, wie dem regelmäßigen Stören des Unterrichts. Hier hat der Schüler die Möglichkeit, entweder sein Verhalten zu ändern oder den „Trainingsraum“ zu besuchen. In diesem Beratungszimmer empfängt ihn ein erfahrener Lehrer, der mit dem Störenfried die Gründe für sein Verhalten erörtert und einen gemeinsamen Rückkehrplan erarbeitet, so dass der Schüler schließlich wieder am Unterricht teilnehmen kann.

Und bei schwereren Vergehen macht sich der kurze Draht innerhalb des Teams zur Schulleitung bezahlt. Bomba: „Gemeinsam überlegen wir, welcher Schritt am sinnvollsten ist, um den Schüler dazu zu bringen, sein Verhalten zu reflektieren und nachhaltig positiv zu verändern.“ Denn am Ende zählt, dass möglichst kein Jugendlicher die Schule ohne den gewünschten Anschluss verlässt. „Und selbst wenn jemand diesen angestrebten Schulabschluss bei uns nicht geschafft hat, bemühen wir uns, ihn trotzdem eine Anschlussperspektive – etwa bei einem externen Bildungsträger – zu ermöglichen“, erläutert Bomba.

Know-how von Sonderpädagogen gefragt

Ein weiteres Mitglied im Team ist Falk Wildemann. „Als ich unserem Berufskolleg begann, war ich mehr als überrascht, wie viele der Schüler einen sonderpädagogischen Förderbedarf aufweisen“, erinnert sich der Beratungslehrer und Sonderpädagoge. „Besonders problematisch dabei ist: Wenn ein Schüler etwa von der Förderschule aufs Berufskolleg und damit in die Sekundarstufe II wechselt, muss er sich ohne jegliche Unterstützung in den normalen Schulbetrieb integrieren; die gesamte pädagogische Förderung, die jahrelang als notwendig bescheinigt worden ist, hört nach der zehnten Klasse mit einem Mal auf.“ Daher setzen nun immer mehr Berufsbildenden Schulen wie das HBBK gezielt auf den Einsatz von Sonderpädagogen.

Erreichbarkeit, Sichtbarkeit und Präsenz in der Schule sind das A und O für die Arbeit der Teammitglieder, von denen jeder seine festen persönlichen Beratungstermine anbietet. „In akuten Fällen sind wir sofort per Handy erreichbar“, erläutert Matthias Bomba. Darüber hinaus hat das SINDU-Team für die Lehrerkollegen ein praktisches Formular entwickelt, mit dem die Pädagogen ihr Anliegen kurz schildern können und das umgehend im Team bearbeitet wird.

Keine Spur von Routine

Einen „typischen“ Schulalltag kennen die Vertrauenslehrer, Sozial- und Sonderpädagogen nicht. Ständig prasseln Anfragen von Lehrerkollegen auf das Team ein: Wie soll ich mit einem Schulverweigerer umgehen? Welche Unterstützung kann Asperger-Autisten oder Neuzugängen aus Förderschulen geboten werden? „Genau diese Abwechselung empfinde ich für meinen Berufsalltag als äußerst gewinnbringend“, macht Wildemann deutlich. Auch wenn dies bedeutet, dass sich die Mitglieder im SINDU-Team von festen Arbeitszeiten weitgehend verabschieden können. „Immer wieder werden wir mit akuten und schwerwiegenden Anliegen der Jugendlichen konfrontiert“, sagt Gabi Dinter. „Wenn ich in solchen Beratungsprozessen stecke, bin ich regelrecht elektrisiert. Da gibt es – selbst bei jahrelanger Berufserfahrung – für uns keine Routine!“

Ermutigende Rückmeldungen

Trotz allem Stress, trotz aller Belastung: Die Mitglieder im SINDU-Team wollen auf keinen Fall mit einem anderen Aufgabenbereich tauschen. Immer häufiger erlebt das Team, wie sich ihre Angebote bei den Schülern per Mundpropaganda herumsprechen. Auch von Lehrerseite gibt es ermutigende Rückmeldungen: „Die Kollegen aller Fachbereiche spiegeln uns häufig wider, dass sie unsere Arbeit als entlastend und hilfreich wahrnehmen“, freut sich Falk Wildemann. Mehrfach haben sich auch Eltern per Mail bei dem Team für die Unterstützung ihrer Töchter oder Söhne bedankt. „Es ist für uns äußerst motivierend, wenn wir erleben, wie sich unsere Bewerbungstrainings bezahlt machen und junge Menschen den Einstieg ins Berufsleben schaffen“, bekräftigt Gabi Dinter. Und Matthias Bomba ergänzt: „Wenn Jugendliche, die wir vor ein bis zwei Jahren in einer Krisensituation betreut hatten, immer mal wieder vorbeischauen, um Hallo zu sagen, das zeigt uns, dass wir mit unserer Arbeit auf dem richtigen Weg sind.“