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Junge und Mädchen arbeiten mit Teilen eines Minicomputers

„Digitale Bildung gehört in die Kinder- und Jugendarbeit“

Über die Stärken der offenen Kinder- und Jugendarbeit bei der Vermittlung digitaler Kompetenzen: Ein Gespräch mit Stefanie Pfau vom Jugendclub NW 80 und Dr. Nicolas Legewie vom buntesrepublik e.V.

Porträt Stefanie PfauFrau Pfau, ist die digitale Bildung in der offenen Kinder- und Jugendarbeit angekommen?
Pfau: Die offene Kinder- und Jugendarbeit läuft der digitalen Entwicklung hinterher, wobei wir in unseren Einrichtungen näher an den alltäglichen Bedürfnissen der jungen Generation sind als die meisten Schulen. Internet und der damit verbundene Erwerb von PC-Kompetenzen ist schon seit 20 Jahren ein Thema in der Jugendarbeit. Heute hat die Mediennutzung eine ganz andere Dimension erreicht. Ich finde es zentral, dass Kinder und Jugendliche lernen, ihr Medienverhalten und das, was im Internet passiert, zu hinterfragen. Sie bewegen sich oft viel zu unbedarft im Netz und breiten ihr persönliches Leben vor aller Welt aus. Aufgabe der digitalen Bildung ist es unter anderem, ihnen eine kritische Sicht auf ihr eigenes Verhalten zu ermöglichen. Ein Umdenken würde auch vielen Erwachsenen guttun: Elternabende zu medienpädagogischen Themen halte ich daher für eine wichtige Ergänzung.


Welche Chancen sehen Sie in der digitalen Bildung für die Kinder und Jugendlichen und auch für Ihre Einrichtungen?
Pfau: Digitale Bildungsformate gehören unbedingt in die offene Kinder- und Jugendarbeit. Digitalisierung ist ein gesellschaftlicher Trend und allen jungen Menschen sollte eine Chance auf gesellschaftliche Teilhabe gegeben werden – und später auch auf eine berufliche Perspektive. Die Einrichtungen wachsen dabei ebenfalls – vor allem die Kompetenzen der Pädagogen. Durch digitale Angebote können Kinder und Jugendliche diese Tools kennen und nutzen lernen und die digitale Welt insgesamt besser verstehen. Sie müssen begreifen, wie die Dinge funktionieren, anstatt alles einfach nur so hinzunehmen. So können sie von Konsumenten zu Gestaltern werden. Legewie: Und was auch wichtig ist: Die Kinder und Jugendlichen erweitern nicht nur ihre digitalen Fähigkeiten, sie lernen auch weitere wichtige Schlüsselkompetenzen wie Teamarbeit, den Umgang mit Rückschlägen oder auch das Lösen von Problemen.


Porträt Dr. Nicolas LegewieBietet der außerschulische Bereich Vorteile für die Vermittlung digitaler Kompetenzen?
Legewie: Ja, bei unserer Arbeit in Schulen sehe ich die immer wieder. Ein großer Vorteil außerschulischer Arbeit ist die Offenheit. Pädagogen können dort viel freier und flexibler agieren. Sie sind an keine Lehrpläne gebunden. Zentral ist auch die Freiwilligkeit. Die Kids sind da, weil sie das wollen und wir gestalten die Workshops so, dass sie das machen können, was sie wirklich interessiert und worauf sie Lust haben. Die freizeitorientierten Angebote und der gute Betreuungsschlüssel bei uns sind ganz sicher wesentliche Vorteile im Vergleich zur Schule. Die Kids können sich in diesem Setting ganz einer Sache widmen.


Welche Methoden und Tools nutzen Sie und warum?
Legewie: Wir integrieren in unsere Konzepte oft den Peer-to-Peer-Ansatz: Kinder lernen am besten voneinander und machen dabei die Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Oft merken sie erst beim Erklären, wie viel sie selber bereits gelernt haben. Und am Ende jedes Projekts präsentieren die Kids ihre Ergebnisse vor Eltern und Freunden und das macht sie stolz. Im Projekt „Neukölln Robotics“ planen wir Challenges, bei denen die Kids ihre Roboter auf bestimmte Anforderungen hin programmieren müssen. Robotik eignet sich besonders gut für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Denn hier erhalten sie ein direktes Feedback. Ist der Roboter falsch programmiert, führt er den Befehl einfach nicht aus. Die Kinder und Jugendlichen beginnen dann intensiv nach dem Fehler zu suchen und merken dabei gar nicht, wie schnell die Zeit vergeht. Sie haben Spaß am Lernen und genau das ist unser Ziel.


Was brauchen Pädagogen, um digitale Bildungsangebote in ihre pädagogische Arbeit zu integrieren?
Legewie: Zum einen Qualifizierungen, in denen sie sich mit den verschiedenen Tools und didaktischen Vorgehensweisen auseinandersetzen können. Allerdings muss der Pädagoge kein Experte sein. Zentral ist, dass er selbst von dem begeistert ist, was er anbietet, dann kann er auch andere begeistern. Vor allem aber muss er den Mut haben, Neuland zu betreten. Digitale Tools und Programme mit den Kids zusammen zu entdecken, ist ein wunderbarer Weg des gemeinsamen Lernens.

Pfau: Ja, Mut ist essenziell. Wir Pädagogen sind nicht auf jedem Gebiet Experten. Wenn wir den Kindern sagen, dass wir selbst nicht mehr weiterkommen, verlassen wir die klassische Dozentensituation. Das erfordert Mut, eröffnet aber auch große Chancen. Junge Menschen gehen oft sehr unvoreingenommen an Neues ran. Und es gibt auch unter den Kindern und Jugendlichen Experten. Die sind dann gefragt. Weiterbildungsangebote und eine entsprechende technische Ausstattung sind natürlich auch wichtig.


Als „Ich kann was!“-Förderprojekt sind Sie Teil eines wachsenden Netzwerks von Einrichtungen, die auf unterschiedlichen Wegen digitale Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen fördern. Was versprechen Sie sich von diesem Netzwerk?
Pfau: Ich erwarte von unseren Treffen im Netzwerk neue Impulse und bin sehr gespannt darauf, zu erfahren, wie andere Pädagogen gerade auch mit Kindern aus bildungsferneren Milieus arbeiten. Es werden Menschen unterschiedlichen Alters mit verschiedenen kulturellen Hintergründen und vielfältigen Erfahrungen zusammenkommen. Durch den Austausch mit ihnen werde ich sicher neue Perspektiven entwickeln. Ganz besonders reizt es mich, die Herangehensweisen und Methoden kennenzulernen, mit denen andere arbeiten, Kontakte zu knüpfen und auf diesem Weg – hoffentlich – auch neue Ideen zu entwickeln.

Legewie: Ich profitiere besonders vom Austausch mit anderen und von der Möglichkeit, andere Projekte kennenzulernen. Bei gemeinsamen Treffen können wir uns mit anderen Initiativen austauschen, Anregungen mitnehmen und vielleicht auch Kooperationen für die Zukunft auf den Weg bringen.

 

Stefanie Pfau, Projektleiterin „Making & Repair“ beim Berliner Jugendclub NW 80, hat durch die „Ich kann was!“-Initiative verschiedene Anwendungsmöglichkeiten digitaler Medien und Tools kennengelernt und weiß: „ Unsere Kinder und Jugendlichen begeistert es, digitale Tools mit Arbeitstechniken der analogen Welt zu verknüpfen.“ Der Jugendclub ist schon lange eine „Ich kann was!“-Einrichtung.

Dr. Nicolas Legewie, Projektkoordinator „Neukölln Robotics“ vom buntesrepublik e.V. in Berlin, kam durch die eigene Teilnahme an einem Roboterbaukurs auf die Idee zum Projekt: „Der hat mich total begeistert und mir war sofort klar: ‚Wow, das werden die Kids lieben!‘“. Der Verein führt Projekte an Schulen durch und wurde schon öfter von „Ich kann was!“ gefördert. 2017 startete Buntesrepublik e.V. erstmals mit einem Projekt im Bereich Robotik.

Fotos: „Ich kann was!“-Initiative, Alexandre Albieri