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Andreas Breiter vom Institut für Informationsmanagement Bremen

„Die Pandemie hat für einen Schub gesorgt.“

Stärken, Schwächen, Perspektiven: Professor Andreas Breiter über Lernplattformen in Deutschland.

Mit den Herausforderungen der Corona-Pandemie für den Schulbetrieb ist der Nutzen digitaler Lernplattformen – auch Schulclouds genannt – stärker ins öffentliche Bewusstsein gelangt. Dabei wird schon lange über schulische Lernplattformen diskutiert. Eine zentrale Frage dabei: Soll es eine gemeinsame technische Lösung für alle Schulen in Deutschland geben? Das Institut für Informationsmanagement an der Universität Bremen (ifib) unter Leitung von Professor Dr. Andreas Breiter hat für die Deutsche Telekom Stiftung erstmals eine systematische Bestandsaufnahme aller Lernplattformen gemacht, die die Bundesländer sowie fünf Großstädte ihren Schulen derzeit bereitstellen.


Herr Professor Breiter, was nehmen Sie aus dieser Bestandsaufnahme vor allem mit?
Besonders interessant fanden wir die Vielfalt der Lernplattformen und dazugehörigen IT- und Servicestrukturen. Sie zeigt, dass es keine allgemein gültige Ideallösung zu geben scheint. Aufgrund der unterschiedlichen Ausgangslagen haben die Bundesländer und Städte verschiedene Strategien verfolgt. Gemeinsam ist ihnen, dass sie Lernplattformen als Teil eines digitalen Bildungsökosystems verstehen und weitere Dienste zentral für die Schulen anbieten. Das technische Herzstück ist zumeist ein Identitätsmanagementsystem, das als Schnittstelle zur Lernplattform, zu Medienangeboten oder auch zur Schulverwaltung dient. Allen ist klar, dass begleitende Fortbildungsveranstaltungen und Beratungen zur unterrichtlichen Nutzung der Lernplattformen angeboten werden müssen. 


Und wie steht Deutschland beim Thema „Schulcloud“ im internationalen Vergleich da?
Deutschland hat im internationalen Vergleich spät angefangen, sich mit dem Thema Lernplattformen zu beschäftigen. Wenn wir Europa anschauen, dann haben insbesondere die skandinavischen Länder, aber auch Großbritannien sehr früh das Potenzial von Lernplattformen für die Gestaltung von Lehr- und Lernprozessen erkannt und dafür Angebote geschaffen. Bereits vor 30 Jahren gab es in Großbritannien eine Breitbandinitiative für Bildungseinrichtungen und Norwegen hat mobile Endgeräte für Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe bereits vor zehn Jahren zur Verfügung gestellt. 


Woran liegt das?
Digitale Medien waren lange Zeit ein Thema vereinzelter Akteurinnen und Akteure in den Schulen, bei den Schulträgern, Medienzentren und in den Ministerien. Dies lag auch daran, dass die dafür notwendige IT-Infrastruktur in den Schulen - und auch zu Hause - in der Breite gar nicht vorhanden war. Das Potenzial einer Lernplattform konnte zumeist gar nicht abgerufen werden. Das änderte sich mit dem DigitalPakt Schule und den durch die Corona-Pandemie ausgelösten Investitionsprogrammen. Das Angebot von geeigneten Produkten sowie die notwendige IT-Ausstattung sind im hiesigen Schulwesen noch nicht so weit entwickelt oder gar selbstverständlich. Der Markt hat erst durch die Pandemie einen richtigen Schub bekommen und an Dynamik gewonnen. Die Auswahl an potenziellen Lernplattformen wird größer und die Produkte besser.


Aber auch innerhalb von Deutschland gibt es Unterschiede: Welche Bundesländer sind in Sachen Lernplattformen gut unterwegs – und warum?
Unsere Ergebnisse zeigen, dass es sehr stark von den Vorerfahrungen und den Rahmenbedingungen in den Bundesländern und bei den Kommunen abhängt. So hat das Land Bremen etwa schon sehr früh eine strategische Entscheidung zur Einführung einer Lernplattform getroffen, basierend auf den langjährigen Vorerfahrungen in Bremerhaven. Daran gekoppelt ist ein umfangreiches Fortbildungsprogramm, das bis in die Lehrkräfteausbildung reicht. Andere Bundesländer haben sich früh auf den Weg gemacht und versucht, eigene Lösungen zu entwickeln. Dies ist teilweise an der technisch-organisatorischen Komplexität gescheitert, aber zum Beispiel in Sachsen, Hamburg oder Bayern konnte ein eigenes System sukzessive aufgebaut und betrieben werden. Und dann gibt es eine Gruppe von Bundesländern, die durch die Corona-Pandemie aufgerüttelt wurden und seitdem die Bereitstellung eines zentralen Systems mit großen Anstrengungen vorantreiben. Davon unabhängig gibt es viele Schulen, insbesondere im Sekundarbereich und bei den beruflichen Schulen, die schon lange eigene Lösungen, teilweise in Abstimmung mit ihrem Schulträger, im Einsatz haben.


Wäre es nicht einfacher, wenn es nur eine Cloud-Lösung für alle gäbe?
Eine einzige Cloud-Lösung würde die Arbeit zur technischen Weiterentwicklung, zur Definition von standardisierten Schnittstellen, zur Anbindung externer Dienste und Content-Anbieter sowie für passgenaue Fortbildungsangebote vereinfachen. Es würde günstiger für alle Beteiligten, weil ein Dienstleister das Gleiche für mehr Nutzer anböte, und der Dienst könnte leichter für eine größere Nutzergruppe erweitert werden. Auch die Betriebskosten wären vermutlich – das ist aber nicht sicher zu sagen – niedriger. Dem steht erstens entgegen, dass bereits Lernplattformen in den Bundesländern erfolgreich im Einsatz sind. Warum sollte dort gewechselt werden? Noch ist die selbstverständliche Integration digitaler Medien in der Schule – außerhalb von Krisensituationen wie einer Pandemie mit „Distanzunterricht“ – ein zartes Pflänzchen. Zweitens entstünde eine hohe Abhängigkeit von nur einem Anbieter. Selbst zentral organisierte Schulsysteme wie in Großbritannien haben eine Vielfalt auf dem Markt. Daher ist eine derartige Wettbewerbssituation vorteilhaft, um auch eine notwendige Weiterentwicklung voranzutreiben. Die Funktionalität der Systeme ist unterschiedlich und Konkurrenz belebt auch hier das Geschäft. Drittens wäre eine Cloud-Lösung für alle Schulen ein hoch attraktives Angriffsfeld für Cyber-Attacken, was wieder kostenintensive Informationssicherheitsmaßnahmen nach sich ziehen würde. Und viertens stellt sich die Frage nach der Wahl eines deutschlandweiten Anbieters in einem föderal organisierten Schulsystem mit kommunaler Selbstbestimmung der zuständigen Schulträger und schulischer Autonomie. Wir halten das derzeit und in Zukunft für sehr unwahrscheinlich, dass sich alle Länder und Kommunen darauf einigen würden.



Professor Dr. Andreas Breiter ist Professor für Informations- und Wissensmanagement in der Bildung an der Universität Bremen und Geschäftsführer sowie Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Informationsmanagement an der Universität Bremen (ifib).

Foto: Cosima Hanebeck/Fotoetage