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„Der Aufschrei war laut genug“

Pisa-Studien: Prof. Dr. Wolfgang Schuster zieht Bilanz

Als 2001 die ersten PISA-Ergebnisse veröffentlicht wurden, ging ein Beben durch die deutsche Bildungspolitik. In Mathematik und den Naturwissenschaften schnitten die deutschen Schülerinnen und Schüler unterdurchschnittlich ab. Auch in der Lesefähigkeit bekamen sie nicht einmal mittelmäßige Kompetenzen bescheinigt. Dazu kam der Befund, dass schulischer Erfolg in Deutschland stärker als in anderen Ländern von der sozialen Herkunft abhängt. In den Jahren danach haben sich die Leistungen der Schüler kontinuierlich verbessert, auch dank zahlreicher Reformen in der deutschen Bildungspolitik. Prof. Dr. Wolfgang Schuster, Vorsitzender der Deutsche Telekom Stiftung, zieht nach 15 Jahren Pisa-Studie Bilanz – macht aber auch deutlich, dass wir in der deutschen Bildungspolitik noch immer vor großen Herausforderungen stehen.


Wie wichtig ist eine internationale Vergleichsstudie wie die Pisa-Studie für die Bildungspolitik
Schulvergleichsstudien wie PISA sind wichtig, weil sie neue Impulse setzen und im besten Falle Reformen anstoßen, die ohne solche Studien kaum denkbar wären. Der PISA-Schock vor 15 Jahren traf uns damals praktisch aus heiterem Himmel. Und der anschließende Aufschrei war zum Glück laut genug, um nicht ungehört zu verhallen.


Wenn man heute Bilanz zieht, kann man sagen: Der Schock hat gewirkt, seit 2001 wurden viele Reformen umgesetzt. Welche positiven Effekte sehen Sie heute?
Nehmen Sie nur die Einführung bundesweiter Bildungsstandards oder den Ausbau der frühkindlichen Bildung. Auch die Idee der Ganztagsschule ist erst mit PISA politisch salonfähig geworden, weil man plötzlich merkte, wir müssen uns mehr um Jugendliche aus sozial benachteiligten Elternhäusern kümmern. Auf den PISA-Schock hat aber nicht nur die Politik reagiert. Auch Wirtschaft und Gesellschaft sahen sich gefordert. Es sind seitdem die unterschiedlichsten Initiativen zur Verbesserung der Bildungssituation entstanden. Auch die Deutsche Telekom Stiftung ist ja 2003 vor dem Hintergrund der ersten PISA-Ergebnisse gegründet worden mit dem Ziel, eine bessere Bildung in Mathematik, Informatik, den Naturwissenschaften und Technik zu erreichen.


Wenn wir uns die Leistungen in den MINT-Fächern ansehen, haben sich die deutschen Schülerinnen und Schüler verbessert. Auch bei PISA 2015 liegen sie wieder deutlich über dem OECD-Durchschnitt. Sind Sie mit den Ergebnissen zufrieden?
Ja, sehr. Die Leistungen unserer Schülerinnen und Schüler in Mathematik und den Naturwissenschaften haben sich seit der ersten PISA-Studie 2001 beinahe kontinuierlich verbessert, im Schnitt um ein ganzes Schuljahr. Solch große Fortschritte gab es tatsächlich nur in wenigen der teilnehmenden Länder. Die positive Entwicklung darf aber keinesfalls dazu führen, dass wir uns zurücklehnen. Denn es gibt weiterhin einige beachtliche Baustellen, um die wir uns kümmern müssen.


Woran hapert es noch?
Die Gruppe der sogenannten Risikoschüler ist zwar seit 2001 gesunken, aber immer noch zu hoch. Hier finden sich insbesondere Jugendliche aus sozial schlechter gestellten Familien und beziehungsweise oder mit Migrationshintergrund – das darf in einem Land wie Deutschland eigentlich nicht sein! Gleichzeitig liegt der Anteil der Schüler am oberen Ende der Skala – also der besonders Leistungsstarken – im Vergleich zu anderen Ländern zu niedrig. Auch sie müssen wir stärker als bisher fördern. Dabei spielen die Lehrkräfte eine ganz entscheidende Rolle. Als Telekom-Stiftung sind wir überzeugt: Je besser die Lehrer, desto größer das Interesse und die Motivation der Schüler, desto besser letztlich auch ihre Leistungen.


Die Politik scheint das verstanden zu haben. In den vergangenen Jahren wurde die Lehrerausbildung in allen Bundesländern reformiert. Der Praxisbezug wurde gestärkt, methodische Kompetenzen haben an Bedeutung gewonnen. Was können Sie als Stiftung zu einer Verbesserung der Lehreraus- und -fortbildung beitragen?
Wir haben viele innovative Projekte ins Leben gerufen. Ganz neu unterstützen wir zum Beispiel „pisa4u“, ein Programm der OECD zur gemeinschaftlichen Schulentwicklung, das im Februar nächsten Jahres startet. Dabei handelt es sich um eine Social-Learning-Plattform im Internet, die mehr als 2.000 Lehrkräfte aus der ganzen Welt miteinander vernetzt. Die Lehrkräfte müssen sich für die Teilnahme an dem Programm registrieren und werden in kleine internationale Teams aufgeteilt. In diesen Teams erarbeiten sie anschließend auf Basis der neuen PISA-Daten über einen längeren Zeitraum hinweg Lösungen für ganz konkrete Probleme – immer mit dem Ziel, das Lehren und Lernen an ihren Schulen zu verbessern. Dabei werden sie von Mentoren und Bildungsexperten unterstützt. Wir als Telekom-Stiftung engagieren uns in dem Programm, weil wir wissen, dass diese Art der Lehrerkooperation – das gemeinsame Lernen voneinander im Team über längere Zeit – große Vorteile gegenüber dem traditionellen System der Lehrerfortbildung hat. Die Registrierungsphase für „pisa4u“ startet übrigens am 6. Dezember, also zeitgleich mit der Veröffentlichung der neuen PISA-Ergebnisse.


Was sind – abseits von Pisa – aktuell die größten Herausforderungen in der Bildungspolitik?
Inklusion ist ein ganz zentraler Punkt, der ja nicht nur Kinder und Jugendliche mit Behinderungen oder Lernschwierigkeiten betrifft, sondern ganz akut auch eine große Zahl an jugendlichen Flüchtlingen, die in den letzten zwei Jahren zu uns gekommen sind. Ein weiteres große Thema ist die Bildungsgerechtigkeit: Wir müssen dringend weitere Anstrengungen unternehmen, um den Bildungserfolg endlich von der sozialen Herkunft zu entkoppeln. Zu guter Letzt wird es wichtig sein, den begonnenen Weg der Digitalisierung unserer Schulen weiterzugehen: Junge Menschen brauchen heute zunehmend digitale Kompetenzen, um in unserer Welt bestehen zu können und einen guten Arbeitsplatz zu finden. Wer, wenn nicht die Schulen, sollen ihnen diese Kompetenzen vermitteln? Aber dafür benötigen sie einerseits eine bessere Ausstattung und andererseits neue pädagogische Konzepte. Ich freue mich, dass wir als Deutsche Telekom Stiftung mit unseren verschiedenen Projekten auf all diesen Feldern aktiv sind.