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Porträtbild von Mai Thi Nguyen-Kim

„Das ist also dieser Sexismus, von dem immer alle reden“

Die Wissenschaftsjournalistin und YouTuberin Mai Thi Nguyen-Kim über Vielfalt im Chemielabor und im Fernsehstudio

Frau Nguyen-Kim, Ihre Eltern sind aus Vietnam nach Deutschland eingewandert. Sie selbst sind in einer Kleinstadt in Hessen aufgewachsen. Wie stark hat Ihr Migrationshintergrund Sie als Kind geprägt?
Eigentlich hatte ich eine Kindheit und Jugend wie jeder andere in meiner Heimatstadt. Klar, ein bisschen „Ching, Chang, Chong“ und „Schlitzauge“ durfte ich mir in Kindergarten und Grundschule schon anhören, aber das hat sich mit der Zeit von selbst erledigt. Ohnehin finde ich, dass ich sehr privilegiert aufgewachsen bin. Meine Eltern mussten sich in Deutschland noch mit viel Schweiß und Herzblut eine neue Existenz aufbauen. Von diesem Kampf sind mein Bruder und ich schon größtenteils verschont geblieben.

Sie haben später Chemie studiert und in dem Fach auch promoviert. Hochschulen gelten ja als Orte der Vielfalt, an denen Merkmale wie Herkunft, Geschlecht oder soziale Schicht vermeintlich keine Rolle spielen. Wie haben Sie das erlebt?
An der Universität habe ich von Vorurteilen zunächst wirklich nicht viel mitbekommen – vielleicht war ich aber auch einfach zu sehr mit dem schwierigen Studium beschäftigt, um mir darüber Gedanken zu machen. Mein Migrationshintergrund schien jedenfalls nie ein Nachteil zu sein, auch später nicht; die Labore, in denen ich gearbeitet habe, waren immer international besetzt mit Englisch als Verkehrssprache. Was ich aber sehr wohl erlebt habe: Dass man als Frau in den Naturwissenschaften immer wieder unterschätzt wird. Das ist mir während meiner Doktorarbeit klargeworden.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Wenn du in Meetings von Projektpartnern konsequent ignoriert wirst, während sie den Masterstudenten wie selbstverständlich für den Projektleiter halten, dann denkst du dir irgendwann: Okay, das ist also dieser Sexismus, von dem immer alle reden. Meine Erfahrung ist aber auch: Letztlich geht es in der Wissenschaft um Leistung. Wenn deine Daten überzeugen, dann wirst du dich damit am Ende auch durchsetzen. Das ist im Journalismus übrigens komplizierter: Wer im Fernsehen kompetent Wissenschaft erklärt, sollte besser auch aussehen wie ein alter weißhaariger Professor, sonst verwirrt das die Zuschauer.

Sie sehen nicht aus wie ein alter Professor – und sind trotzdem vom Chemielabor in die Medienwelt gewechselt. Was hat Sie daran gereizt?
Ich finde, im Informationszeitalter fehlt es heute an Profis, die die Wissenschaft in den Medien vertreten. Dabei wissen wir doch alle, wie wichtig hier Fakten sind. Falschinformationen können im Ernstfall Leben kosten – denken Sie nur an die Debatte über das Impfen. Mir ist also ziemlich schnell klargeworden, dass es genauso wichtig ist, öffentlich über Wissenschaft zu reden, darüber aufzuklären, wie selber im Labor zu stehen und Wissenschaft zu „machen“. Aber auch wenn ich heute öfter im Fernsehstudio als im Chemielabor zu finden bin – als Wissenschaftlerin sehe ich mich nach wie vor, und die Leute im Labor sind immer noch meine Kollegen.

Der Journalismus beklagt einen Mangel an Vielfalt, sowohl hinsichtlich der Themensetzung als auch hinsichtlich der personellen Aufstellung der Redaktionen. Es wird ja heute oft das Bild von den „alten weißen Männern“ bemüht, die überall den Ton angeben. Inwieweit steht diese Bild für die Redaktionen, die Sie bislang kennengelernt haben?
Zunächst – ich hasse diese Zuspitzung „alte weiße Männer“. Obwohl ich persönlich gut nachvollziehen kann, woher diese Zuschreibung rührt, finde ich sie destruktiv. Das erschafft Feindbilder, „wir gegen die“, das bringt uns nicht weiter.
Aber dass die Eliten und Führungsebenen eine gewisse Demografie haben, das lässt sich nicht von der Hand weisen. Nicht selten war ich in einem Raum der einzige oder fast der einzige Mensch unter 40 oder die einzige junge Frau. Ich bin davon überzeugt, dass sich das langsam, aber stetig ändern wird.

Fallen Ihnen Themen aus dem Wissenschaftsjournalismus, ein, die heute in den Medien unterrepräsentiert sind und die durch mehr personelle Vielfalt in den Redaktionen vielleicht häufiger mal gesetzt würden?
Ich bin in Deutschland zum Beispiel die einzige weibliche Science-YouTuberin. Da sollte sich noch einiges ändern. Denn das hat auch großen Einfluss auf das Publikum. Bei naturwissenschaftlichen YouTube-Kanälen sind drei bis zehn Prozent Frauenanteil unter den Zuschauern die Norm. Bei mir sind es immerhin 40 Prozent – unter den 13- bis 17-Jährigen sogar leicht über 50 Prozent. Repräsentation ist wichtig und gerade im Bereich Science noch lange nicht erreicht.

Früher startete man als junger Journalist of im Lokalen und wechselte später zu größeren Medien. Heute steckt der Lokaljournalismus in der Krise, Redaktionen werden zusammengelegt, kleine Zeitungen verschwinden von der Landkarte. Das führt nicht zuletzt dazu, dass weniger junge Menschen aus ländlichen Gebieten und aus Arbeiterfamilien den Weg in den Journalismus finden. Sind aus Ihrer Sicht soziale Medien wie YouTube ein Ersatz für die gute alte Lokalzeitung, weil man sich dort als junger Mensch medial ausprobieren kann, egal wo man wohnt oder welchen sozialen Background man hat?
Prinzipiell ja. Ich denke nicht, dass ich es ohne meinen Hobby-YouTube-Kanal jemals in die Medien geschafft hätte. Und ohne meinen Kanal maiLab wäre ich auch nie ins Fernsehen gekommen. Aber es wird immer schwieriger, sich eine Reichweite im Netz aufzubauen. Das Internet wird ja jeden Tag mit neuen Inhalten regelrecht geflutet – da musst du als Anfänger damit rechnen, dass deine Inhalte erst mal niemand sieht. Deshalb sind Netzwerke, Kollektive und auch die konventionellen Medienstrukturen so wichtig. Sie senken die Einstiegshürden und geben jungen Menschen eine Chance. Bei mir war das zum Beispiel das Content-Netzwerk „funk“.

Im Fernsehen sieht man heute immer mehr Moderatorinnen und Moderatoren mit ausländischen Wurzeln. Glauben Sie, dass der Druck auf die Macher, Vielfalt zu zeigen, hier am stärksten ist, weil das Ergebnis für jeden am TV-Bildschirm sichtbar ist? Oder anders gefragt: Fühlen Sie sich manchmal als Feigenblatt?
Klar: Die Moderatoren und Moderatorinnen sind das Aushängeschild. Aber natürlich müssen auch die Redaktionen hinter der Kamera diverser werden, um diversere Inhalte zu produzieren, die mehr Menschen erreichen. Ich würde aber nicht so weit gehen, zu sagen, dass TV-Gesichter mit Migrationshintergrund den Sendern nur als Feigenblatt dienen. Dafür ist aus meiner Sicht das Thema Repräsentation zu wichtig: Sichtbare Vorbilder, etwa im Fernsehen, inspirieren junge Menschen dazu, auch in die Medien zu gehen, die sich vorher möglicherweise nicht angesprochen gefühlt haben.

Trotzdem ziehen scheinbar nur wenige junge Menschen mit Migrationshintergrund oder aus Arbeiterhaushalten den Beruf des Journalisten für sich in Betracht. Sie trauen sich nicht zu, die Anforderungen erfüllen zu können, gerade im sprachlichen Bereich. Aus Ihrer Sicht: Was könnten Medienhäuser und Redaktionen tun, um hier gegenzusteuern?
Ich hatte mich nach dem Abi auch schon für Journalismus interessiert. Ich war aber eine sehr rationale junge Frau und wollte eine Ausbildung mit Jobsicherheit haben – das hat sich offensichtlich geändert (lacht). Aber im Ernst: So gerne ich Journalistin bin, und so gut es mir persönlich gerade geht, finde ich die Arbeitsbedingungen im Journalismus oder in der Medienbranche allgemein schrecklich. Lauter Freelancer, keine Sicherheit, großer Druck, mäßige Bezahlung – wer sich so etwas „antut“, ist mit großer Wahrscheinlichkeit recht privilegiert aufgewachsen. So wie ich schließlich auch. Meine Eltern zum Beispiel haben meinen Entschluss, in die Medien zu wechseln, mit großen Bauchschmerzen und Sorgen verfolgt. Wer wie sie so hart gearbeitet und gekämpft hat, kann solche Entscheidungen kaum nachvollziehen. Deshalb behaupte ich: Solange die Arbeitsbedingungen für Journalistinnen und Journalisten nicht besser werden, wird es eine elitäre Branche bleiben.

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Mai Thi Nguyen-Kim (31) moderiert im WDR Fernsehen das Wissenschaftsmagazin „Quarks“. Daneben betreibt sie den Science-Kanal „maiLab“ auf YouTube. 2019 sitzt Nguyen-Kim in der Jury für den Medienpreis Bildungsjournalismus der Telekom-Stiftung.

Eine neue Studie der Universitäten Mainz und Oxford zum Thema Nachwuchs und Vielfalt im europäischen Journalismus ist am 15. Juli erschienen.

Bild: Viet Nguyen-Kim