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Dozentin im Gespräch mit Lehramtstudierenden

Das Eis gebrochen

MINT-LEHRERBILDUNG – Angehende Lehrkräfte wurden an den Universitäten lange wie Studierende zweiter Klasse behandelt. Das hat sich geändert – auch dank des Engagements der Telekom-Stiftung.

DIE DEUTSCHE TELEKOM STIFTUNG WIRD IN DIESEM JAHR 15 JAHRE ALT. DER BEITRAG ERSCHEINT ANLÄSSLICH DIESES JUBILÄUMS.


Eine Stiftung allein kann in der Bildung keine Wunder vollbringen, erst recht nicht staatliches Handeln ersetzen. Ziel ist es stattdessen, praxistaugliche Modelle zu schaffen. Und auch die haben das Potenzial, das System zu verändern. So geschehen in der Lehrerbildung.

Als die Deutsche Telekom Stiftung 2003 gegründet wurde, besaß die Lehrerausbildung vielerorts nicht den Stellenwert, den sie angesichts der Bedeutung des Berufes verdient gehabt hätte. Auch deshalb schrieb sich die Stiftung die Verbesserung des Lehramtsstudiums als eines ihrer zentralen Vorhaben auf die Fahne. Praxisnäher sollte es werden; bis dahin standen angehende Lehrerinnen und Lehrer häufig erst im Referendariat zum ersten Mal vor einer Klasse – um dann mitunter feststellen zu müssen, dass ihnen das Unterrichten gar nicht liegt. Ein weiteres Ziel: Die Studierenden sollten lernen, Schüler individueller zu fördern – angesichts zunehmend heterogener Klassen eine schiere Notwendigkeit. Und: Die einzelnen Disziplinen des Lehramtsstudiums – die Fachwissenschaft, die Fachdidaktik und die Pädagogik – sollten stärker miteinander verzahnt werden; viel zu häufig saßen Lehramtler bis dahin in den Fachvorlesungen, ohne konkret zu erfahren, wie sie das gewonnen Wissen später in der Schule bestmöglich vermitteln.

Zusammenarbeit statt Konkurrenzdenken
„Angehende Pädagogen werden an ihren Universitäten immer noch allzu häufig wie Studierende zweiter Klasse behandelt“, konstatierte Dr. Ekkehard Winter, Geschäftsführer der Telekom-Stiftung, damals. „Das muss sich ändern.“ Und die Stiftung handelte: Im Sommer 2009 wurden im Rahmen eines bundesweiten Ausschreibungsverfahrens vier Hochschulen ausgewählt und mit der Aufgabe betraut, neue Konzepte für die Lehrerbildung in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) zu erarbeiten. Ausgestattet mit insgesamt 4,5 Millionen Euro, machten sich die Gewinner – die Freie Universität und die Humboldt-Universität aus Berlin sowie die Technischen Universitäten Dortmund und München – auf den Weg, die Schwachstellen des Studiums zu beheben, zunächst jede für sich.

„Für die Lehrerbildung hatte das Engagement der Stiftung richtiggehend eine Eisbrecher-Funktion. Das Thema lief nicht länger unter dem Radar, sondern war in der Landschaft plötzlich in aller Munde“, sagt rückblickend der Bildungsforscher Professor Manfred Prenzel, der das Projekt damals an der Technischen Universität München (TUM) leitete. Wenig später legten auch Bund und Länder ein ambitioniertes Förderprogramm auf – die „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“, die die Universitäten mit sage und schreibe 500 Millionen Euro ausstattete. „Da war unsere Initiative sicher ein Stück weit Vorbild“, so Ekkehard Winter.

Auch die Stiftung ging in die nächste Runde und startete 2013 eine weitere Ausschreibung, aus der neun Hochschulen siegreich hervorgingen. Ihr Auftrag: mit den vier Pionieren der ersten Förderphase thematische Verbünde zu bilden und darin die neuen Konzepte standortübergreifend weiterzuentwickeln. Universitäten, die normalerweise miteinander konkurrieren – um Studierende, um Lehrende, um Drittmittel –, sollten fortan zum Wohle der MINT-Lehrerbildung an einem Tisch sitzen und gemeinsam Ideen schmieden. Ein Novum, auch für die Telekom-Stiftung. Der erste Verbund nahm sich die Implementierung von Lehr-Lern-Laboren in die Lehrerausbildung vor. Der zweite beschäftigte sich mit Diagnose und Förderung in heterogenen Lerngruppen. Der dritte schließlich arbeitete an der Frage, wie es gelingen kann, nur die geeignetsten Schulabgänger für das MINT-Lehramtsstudium zu gewinnen und diese anschließend so gut zu betreuen, dass sie ihr Studium auch erfolgreich beenden. Noch immer ist nämlich die Zahl der Studienabbrecher gerade in den MINT-Fächern zu hoch.

Dickes Brett gebohrt
So notwendig diese Reformen auch waren, so betrafen sie doch lediglich die grundständige Ausbildung von Lehrkräften. Der Stiftung war jedoch früh klar, dass kontinuierliche Fortbildung im Berufsleben ebenso wichtig ist. Aus diesem Grund hatte sie bereits 2011 auf Empfehlung eines Expertengremiums eine bundesweite Fortbildungseinrichtung für das Fach Mathematik ins Leben gerufen: das Deutsche Zentrum für Lehrerbildung Mathematik (DZLM). Im Fokus der Arbeit steht dort seitdem vor allem die Schulung von Pädagogen zu Multiplikatoren, die anschließend die Kollegen an ihren Schulen in der Unterrichtsentwicklung und der Bildungsarbeit begleiten sollen. Die fachdidaktischen Grundlagen für das Zentrum entwickeln sieben Hochschulen unter Federführung der Berliner Humboldt-Universität. (Hier entweder auf das Video-Interview mit Frau Sondermann und Frau Kröger verweisen oder dieses direkt einbinden.)

„Mit dem DZLM ist es uns gelungen, ein richtig dickes Brett zu bohren. Und der Erfolg gibt uns recht“, sagt Ekkehard Winter (siehe auch unten). So besteht die realistische Chance, dass die Einrichtung im kommenden Jahr in die Leibniz-Gemeinschaft überführt werden kann und die Finanzierung somit dauerhaft von Bund und Ländern übernommen wird.

Zurücklehnen will sich Winter dennoch nicht. Erst kürzlich hat die Stiftung unter dem Titel „Die Zukunft des MINT-Lernens“ ein weiteres Vorhaben gestartet, das die Lehrerbildung voranbringen soll. Nun geht es darum, Konzepte für digitales Lehren und Lernen in den MINT-Fächern zu entwickeln. Ein Megathema. Und wieder eine Teamarbeit: Fünf ausgewählte Hochschulen sollen in den nächsten Jahren gemeinsam Bedarfe identifizieren, Ideen austauschen, Konzepte schreiben und diese umsetzen – beinahe wie eine Denkfabrik. „Dem MINT-Unterricht und der Lehrerbildung positive Impulse verleihen“, so Winter“, „das wird auch künftig unser Ziel sein.“

 

DZLM: WAS DIE TELEKOM-STIFTUNG BISHER ERREICHT HAT

  • Weiterbildung von 2.000 Multiplikatoren (ca. 40 Prozent der Zielgruppe) in 100 teils langfristig angelegten Maßnahmen
  • 65 nationale Fachtagungen mit mehr als 9.000 Fachleuten
  • 6 internationale Tagungen mit mehr als 800 Teilnehmern
  • 35 Forschungsprojekte, 200 nationale sowie 40 internationale Vorträge
  • Einrichtung des Master-Studiengangs „Berufsbegleitende Lehrerbildung Mathematik“ an der Universität Kiel
  • Aufbau eines Kooperationsnetzwerkes mit mehr als 20 Hochschulen
  • Entwicklung von berufsbegleitenden Blended-Learning-Formaten

Autor: Daniel Schwitzer / Foto: Deutsche Telekom Stiftung