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Muhammad Al Zeen vor der FU Berlin

Bravemaster hat einen Traum

Muhammad Al Zeen will in Deutschland Englischlehrer werden – kein leichter Weg für ihn als Geflüchteter.

Muhammad Al Zeens Traum liegt nur eine halbe Stunde mit der U-Bahn entfernt. Drei mal die Woche fährt der 27-Jährige von seiner Wohnung in Berlin-Friedenau nach Zehlendorf, steigt an der Rudolf-Steiner-Schule aus und tut dann endlich das, wovon er seit vielen Jahren träumt: Englisch unterrichten. Al Zeens Schüler besuchen eine Willkommensklasse für Geflüchtete. Der Unterricht hier ist für sie nur die Vorbereitung auf eine reguläre Schulklasse. Und auch Al Zeen läuft sich mit diesem Nebenjob nur für die Zukunft warm. Er will ein richtiger Englischlehrer werden, an einem deutschen Gymnasium. Doch bis dahin wird es noch Jahre dauern. Al Zeens echter Traum ist viel weiter als nur eine Fahrt mit der U-Bahn entfernt.

Muhammad Al Zeen ist ein zierlicher junger Mann. Er hat rabenschwarze Haare und dunkelbraune Augen. In den vielen Gruppen-Selfies mit Freunden, die Al Zeen auf Facebook gepostet hat, steht er oft in der zweiten Reihe. Bald ist es fünf Jahre her, dass der Syrer aus seiner Heimatstadt Damaskus geflohen ist. Im Herbst 2012 hatte er sein Studium der englischen Literatur fast beendet. Al Zeen hatte gegen das Regime demonstriert und wäre beinahe festgenommen worden. Zusammen mit seinem Bruder flüchtet er. Rund zwei Jahre später, Heiligabend 2014, kommen die zwei nach Al Zeens Angaben in Deutschland an. 

Flüchtlinge sollen den Fachkräftemangel in Deutschland abfedern. Falls sie, wie Al Zeen, schon ein Studium begonnen haben, sollen sie es in Deutschland am liebsten in kurzer Zeit beenden. Diese Forderung hat sich in weiten Teilen von Gesellschaft und Wirtschaft längst etabliert.

Aber wie realistisch ist das?

Im April 2015, vier Monate nach seiner Ankunft in Deutschland, postet Muhammad Al Zeen einen Emoji mit herabhängenden Mundwinkeln auf Facebook. „There is no place like home“, schreibt er. Al Zeen hat Heimweh. Zehn Monate hat es laut Al Zeen gedauert, bis über seinen Asylantrag entschieden wurde. Keine einfache Zeit für den jungen Syrer. Für Geflüchtete, die studieren wollen, bringen lange Asylverfahren handfeste Probleme mit sich. Theoretisch ist die Aufnahme eines Studiums zwar schon während des Verfahrens möglich, da der Zugang zu Hochschulen in Deutschland an keinen speziellen Aufenthaltsstatus gebunden ist. 

In der Praxis aber verlieren Asylbewerber, die studieren wollen, während ihres Verfahrens oftmals Zeit – zum Beispiel, wenn sie wegen einer möglichen Wohnsitzauflage nicht in die Nähe einer Universität umziehen können. Wichtig ist zudem das BAföG: Bis auf wenige Ausnahmefälle können Geflüchtete einen BAföG-Antrag erst dann stellen, wenn ihr Asylverfahren entschieden ist. Ohne BAföG aber ist es für die meisten unmöglich, während des Studiums ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. 

„Die Finanzierung ist derzeit eines der größten Hindernisse“, sagt Christin Younso. Mit als erste Wissenschaftler haben sie und ihr Kollege Hannes Schammann von der Universität Hildesheim erforscht, wie gut die Integration von Geflüchteten in das Hochschulsystem derzeit klappt. Unter anderem ist Younso auf die „BAföG-Falle“ gestoßen, in die mancher Geflüchteter tappt: Wer studiert, bekommt meist keine Sozialhilfe, weil mit dem BAföG eigentlich ein anderer staatlicher Fördertopf greift. Wenn Flüchtlinge dann aber keine Ausbildungsförderung erhalten – zum Beispiel, weil sie auf der Flucht Zeit verloren und deshalb die BAföG-Altersgrenze von 30 Jahren bei Beginn eines Bachelorstudiums überschritten haben –, kann es passieren, dass sie ganz ohne finanzielle Hilfe dastehen. 

Im Herbst 2015 hat Muhammad Al Zeen eine Idee, wie er trotz des Asylverfahrens und seiner noch mangelnden Deutschkenntnisse schon mit dem Studium in Deutschland starten könnte: Er belegt über das Projekt Kiron Online-Kurse auf Englisch. Die lassen sich an 41 Partnerhochschulen auf spätere Studieninhalte anrechnen. Al Zeen lobt die Initiative – am Ende war sie für ihn aber nicht das Richtige. Denn bislang bietet Kiron kein Studium für Lehramtsstudenten an. Zeitgleich dazu lernt Al Zeen Deutsch. Im November 2015 kann er einen Platz in einem Intensivkurs für Geflüchtete an der Freien Universität in Berlin ergattern. Der Kurs ist speziell auf Bewerber zugeschnitten, die an die Uni wollen. Vier Tage die Woche lernen sie von 9 bis 15 Uhr Deutsch mit dem Ziel, Sprachkenntnisse auf Hochschul-Niveau zu erreichen. Als Muhammad sich bewirbt, gibt es mehr als doppelt so viele Bewerber wie Plätze. Der Intensivkurs, sagt Muhammad, „war wirklich super“ und habe ihn ein großes Stück weitergebracht. Wäre Muhammad Al Zeen ein Unternehmer, im Jahr 2016 hätte er den Wechsel der Geschäftssprache zu Protokoll gegeben: Von nun an spielt sich sein Alltag auf Deutsch ab. Er spricht jetzt fließend, auch am Telefon, und macht kaum noch Fehler. 

Im Herbstsemester 2016 – knapp zwei Jahre nach seiner Ankunft in Deutschland – kann Al Zeen sich für Englisch und Ethik auf Lehramt an der FU einschreiben. Sein erstes Semester an einer deutschen Uni beginnt. Montags und mittwochs hat Al Zeen die meisten Vorlesungen. Er belegt vor allem Veranstaltungen in Pädagogik und Ethik, denn in Englisch wird ihm ein Großteil seines Studiums aus Syrien angerechnet. 

Doch das erste Semester bringt auch Herausforderungen mit sich: „Philosophie wäre selbst in meiner Muttersprache schwierig. Jetzt muss ich es auf Deutsch lernen.“ Parallel dazu büffelt Al Zeen weiter Deutsch. Denn bislang ist er nur für ein Semester an der FU eingeschrieben. Für die endgültige Immatrikulation muss er noch eine schwierigere Deutschprüfung – die sogenannte DSH-Prüfung oder eine Prüfung auf dem Level C1 – bestehen. 

Mindestens noch vier Jahre wird es dauern, schätzt Al Zeen, bis er den Abschluss geschafft hat und sein Referendariat als Lehrer beginnen kann. Wäre der Krieg nicht dazwischengekommen, würde Al Zeen heute in Syrien schon längst als Englischlehrer unterrichten. „Bravemaster“, auf deutsch etwa „Mutiger Meister“, steht auf einem T-Shirt, das Al Zeen sich vor vielen Jahren einmal in Syrien gekauft hat. Er hat dieses Wort zu seinem Spitznamen auf Facebook gemacht. Seine Geschichte ist eine Erfolgsgeschichte. Viele andere Geflüchtete brauchen länger bis zum Uni-Einstieg in Deutschland. Oder es gelingt ihnen gar nicht. 

Trotzdem erscheint Al Zeen der Weg, der jetzt noch vor ihm liegt, manchmal zu lang. „Ich weiß nicht, ob ich in ein oder zwei Jahren noch Geduld übrig habe“, sagt er. Doch seinen großen Traum wird Bravemaster nur erreichen, wenn der Mut ihn auch in den kommenden Jahren nicht verlässt. 


Autorin Siri Warrlich arbeitet als Redakteurin bei der Stuttgarter Zeitung und den Stuttgarter Nachrichten. 2014 erhielt sie für ihre geplante sechsteilige Reportagereihe „Ein MOOC für Mohammed“ den Medienpreis Bildungsjournalismus der Telekom-Stiftung in der Kategorie Nachwuchs.


Der Artikel ist in unserem neuen Bildungsmagazin „sonar“ erschienen.

Foto: Sascha Kreklau