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Christoph Metzelder und Henry Maske halten Bücher in der Hand und lachen

Anschluss ermöglichen

Die ehemaligen Spitzensportler Christoph Metzelder und Henry Maske unterstützen benachteiligte Kinder dabei, ihre Chancen zu nutzen. Ihr wichtigstes Hilfsmittel: Bildung.

Wie war Ihre Schulzeit? Woran erinnern Sie sich noch?
Metzelder: Bei mir ist das ja schon ein paar Jahre her ...


Maske: Bist du sicher?
Metzelder (muss grinsen): Ja. 17 Jahre. Ich habe drei Brüder und wir sind alle zur selben Schule gegangen, morgens gemeinsam mit dem Fahrrad hingefahren. Ich hatte den Vorteil, dass ich bis zur Oberstufe eigentlich völlig ohne Probleme durchkam, sodass auch der sportliche Teil, der dann ja immer mehr wurde, parallel wunderbar funktionierte.

Maske: Ich kann mich auch nicht beklagen. Nun bin ich in einem anderen System groß geworden, wo Talente frühzeitig in speziellen Sportschulen gefördert wurden. Der Unterricht war wie in einer herkömmlichen Oberschule, aber bei einer Klassengröße von 15 Schülern konnte man seine Möglichkeiten natürlich intensiver ausschöpfen. Ich war schon vorher ein guter Schüler und wurde dann eher nebenbei zu einem sehr guten Schüler. 


Herr Metzelder, Sie haben ja ein besonders gutes Abitur gemacht …
Metzelder: Na ja. Der Fußball bildet ein breites gesellschaftliches Spektrum ab, in dem ein Abitur mit einer Note von 1,8 etwas Exotisches ist. Ich habe das aber damals nie so wahrgenommen, zumal Schulbildung keinerlei positiven Einfluss auf die sportliche Qualität hat. 


Warum nicht? 
Maske: Man ist gut, weil man seinen Sport wahnsinnig gerne macht, vor allem aber, weil man eine ganz spezifische Begabung hat. Aber Schule und Allgemeinbildung sind ganz wichtig, um im Leben klarzukommen. 


Gilt denn umgekehrt, dass Sport zu einer besseren Bildung beiträgt?
Metzelder: Mag sein. Sportler lernen Selbstorganisation, Selbstdisziplin, Verzicht, Stressresistenz – alles Dinge, die man ins spätere Leben mitnehmen kann und die hilfreich sind. 

Maske: Stimmt. Und es gibt noch einen weiteren Aspekt beim Sport, der mit Bildung zu tun hat: Beim Sport gibt es Regeln. Wenn ich erfolgreich sein will, aber die Regeln vernachlässige, dann habe ich keine Chance. Das ist eine tolle Lehre fürs Leben. Wenn man ganz selbstverständlich mit Sport aufwächst, prägt das für das ganze Leben. Und davon mal abgesehen: Jeder weiß, oder könnte es wissen, dass Sport grundsätzlich für die ganzheitliche Entwicklung von Kindern außerordentlich förderlich ist. Es ist beispielsweise nachgewiesen, dass Sport die Konzentrationsfähigkeit beträchtlich verbessert.
 

Metzelder und Maske beim Interview


Wie ist Ihnen der Umstieg in die Zeit nach der Sportkarriere gelungen?
Metzelder: Ich habe mich immer schon auch mit anderen Dingen beschäftigt. Im Herbst meiner Fußballkarriere hätte ich gerne ein MBA-Studium „Sportmanagement“ begonnen, am Ende waren Seminare mit Präsenzpflicht an Samstagen das Ausschlusskriterium für mich als Profifussballer. Mittlerweile haben viele Hochschulen übrigens auf Leistungssportler zugeschnittene Studiengänge. Ende 2013 habe ich dann eine Sportmarketingagentur mitgegründet und bin seitdem im Berufsleben. Ehrlich gesagt, bin ich Autodidakt.

Maske: Ich bin nach dem Abitur in die Nationale Volksarmee der DDR gegangen und habe Sport studiert, um einmal Trainer zu werden. Dann kam die Wende und ich habe mich für das professionelle Boxen entschieden. Das bedeutete natürlich Exmatrikulation. Ich habe meine Entscheidung aber nie bereut. Nach dem Ende meiner Boxkarriere habe ich mich vor 17 Jahren letztlich für das Franchising in der Systemgastronomie entschieden. 


Brauchten Sie dafür eine Ausbildung?
Maske: Ohne Qualifizierung geht‘s nicht. Ich habe an internen Fortbildungen teilgenommen mit BWL, Arbeitsrecht, Mitarbeiterführung – ich bin immerhin für 350 Mitarbeiter verantwortlich. Da habe ich eine Menge gelernt.


Man lernt also in Schule und Sport fürs Leben?
Maske: Ach Gott! Lernen fürs Leben. Davon hat ein Kind doch gar keine Vorstellung. Kinder sollen die Kindheit genießen. Dafür gibt es heute immer weniger Zeit, das habe ich bei meinen eigenen Kindern gesehen. Die hatten ja permanent was zu erledigen. Und nicht jedem Kind fliegt alles zu. Wo bleibt da die Freude? 

Metzelder: Du hast vollkommen Recht. Spaß am Lernen ist für mich ein zentraler Aspekt, den ich ja auch mit meiner Stiftung fördern möchte. Wenn ich in die Schule komme und den Stoff nicht verstehe, hinterherhänge, wenn ich meine Hausaufgaben nicht richtig hinbekommen habe, gehe ich nicht gerne zur Schule. In unseren Projekten betreuen wir die Kinder in kleinen Gruppen entsprechend ihrer jeweiligen Lerngeschwindigkeit, sodass sie wieder auf das erforderliche Niveau kommen. Und ganz wichtig: Sie können mit einer ganz anderen Haltung und mehr Selbstbewusstsein wieder in die Schule gehen. 

Maske: Bei uns läuft es etwas anders als bei dir, Christoph, aber das Ziel ist dasselbe: den Abgehängten den Anschluss ermöglichen. Wir bieten Kindern und Jugendlichen, die sonst keinen Urlaub machen können, eine Woche Ferienfreizeit, jedes Jahr sind das etwa 850 Kinder. Im Camp erleben sie, dass Erwachsene und Gleichaltrige sie respektieren, dass sie dazugehören. 


Und was kann man alles in einer Woche bewirken?
Maske: In dieser einen Woche von Samstag bis Samstag passiert fantastisch viel. Es sind bis zu 150 Kinder pro Gruppe und am Anfang stehen natürlich immer einige abseits. Aber spätestens ab Mitte der Woche sind alle integriert. Es gibt täglich viele Angebote wie Sport, Musik oder Computer kennenlernen. Davon müssen die Kinder eines mitmachen, können sich aber sonst frei bewegen. Es gibt ein bisschen Grün, einen See und großartige Betreuer. Wenn einem am Ende der Woche eine Jugendliche sagt: „Henry, das war die schönste Woche meines Lebens“, dann berührt einen das sehr. 


Ist Ihr Stiftungszweck also nach wie vor richtig?
Metzelder: Absolut. Bildung, Ausbildung, Integration, Bekämpfung von Kinderarmut – das sind zentrale Zukunftsthemen unseres Landes. Und da kommen wir nicht wirklich voran. Selbst wenn es Statistiken geben mag, die besagen, dass Kinderarmut nicht ansteigt; neben der Tatsache, dass diese Zahl nicht signifikant zurückgeht, sprechen wir in absoluten Zahlen von zu vielen jungen Menschen, die abgehängt sind. Sie sind nicht mehr in unserer Gesellschaft integriert und haben nicht denselben Zugang zu Bildung. Deswegen engagiere ich mich mit voller Überzeugung und auch Leidenschaft in diesen Themenfeldern.

Maske: Wenn ich das Gefühl habe, es wird schwierig, etwa bei der Suche nach Mitstreitern für die Finanzierung oder bei der Organisation, dann fahre ich ins Camp und dann weiß ich: Das ist die Mühe auf jeden Fall wert. 


Was wollen Sie den Kindern mitgeben, was sollen sie gelernt haben?
Maske: Dass sie für sich selbst verantwortlich sind, und dass sie ihr Leben aus eigener Kraft meistern können.

Metzelder: Jeder Mensch kann etwas besonders gut. Und jeder hat eine Chance verdient. 


Nachdem wir über die verschiedenen Aspekte von Bildung gesprochen haben: Was ist für Sie der Kern von Bildung?
Metzelder: Bildung ist der wichtigste Rohstoff, den wir in unserem Land haben. Das sind die Köpfe unserer Kinder, der Ingenieure, der Erfinder, der Unternehmensgründer. Das macht die Stärke dieses Landes aus. Wir gehen damit häufig sehr fahrlässig um und verlieren so sehr viele junge Menschen. Das ist eine große Ungerechtigkeit, weil diese Menschen nicht an dieser Gesellschaft teilhaben können. Das zu verändern, ist zwar ein langer Prozess. Das darf uns aber nicht davon abhalten, uns trotzdem zu engagieren.

Maske: Völlig richtig. Aus meiner Sicht kommt aber davor das Menschliche, das Soziale, denn das lernt man als Allererstes im Leben. Die soziale Grundlage muss sein, dass man auch beim anderen die Stärken sieht und ihm Erfolgserlebnisse gönnt. Und dazu gehört soziale Kompetenz. Das müssen wir den Kindern auch mitgeben.



Henry Maske, Jahrgang 1964, prägte den Boxsport nachhaltig. Zunächst als Amateur und nach der Wende als Profi gewann er bis zu seinem ersten Rücktritt 1996 zahlreiche nationale und internationale Wettkämpfe. 2007 siegte Maske in einem spektakulären Comeback-Kampf, nach dem er dann endgültig seine Karriere beendete. 1999 begann er seine eigene Stiftungsarbeit. Das Ziel: sozial benachteiligten Jugendlichen helfen, ihre Talente zu entdecken und ihre Persönlichkeit zu entfalten. Beruflich leitet Maske zehn McDonald‘s-Filialen.

Christoph Metzelder, Jahrgang 1980, erlebte als Fußballer einen ersten sportlichen Höhepunkt, als er in der Saison 2001/02 mit Borussia Dortmund Deutscher Meister wurde. Ab 2001 spielte er auch in der Nationalmannschaft. 2006 gründete Metzelder seine Stiftung. Sein Ziel: sozial benachteiligten Kindern helfen, ihre Schulabschlüsse und den Einstieg ins Berufsleben zu bewältigen. Er engagiert sich außerdem als Jugendtrainer und Vorsitzender in seinem Heimatverein TuS Haltern. Beruflich ist Metzelder Mitgesellschafter und Geschäftsführer der Sportmarketingagentur Jung von Matt/sports. 


Der Artikel ist in der ersten Ausgabe unseres Bildungsmagazins „sonar“ erschienen.

Fotos: Sascha Kreklau