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Studierende arbeiten gemeinsam am Laptop

Ansätze mit Modellcharakter

Wie begeistern wir mehr junge Menschen für den Lehrerberuf? Und wie bilden wir sie am besten für den Beruf aus? Eine Einschätzung von vier Experten, die am Entwicklungsverbund Lehrerbildung beteiligt waren.

Oliver Deiser
Oliver Deiser ist Professor am Lehrstuhl für Didaktik der Mathematik an der Technischen Universität München.

Technische Universität München
„Die diskutierten praxiserprobten Ansätze in den Bereichen Recruitment und Assessment von Lehramtsbewerbern sowie Support von Lehramtsstudierenden haben vielfach Modellcharakter, können aber insgesamt nicht mehr sein als erste Schritte“, erklärt Professor Oliver Deiser von der School of Education/Zentrum Mathematik der TU München. „Die Thematik wird für viele Jahre aktuell bleiben und ich denke, dass die drei Bereiche an jeder Universität noch stärker verzahnt und viel breiter diskutiert werden müssen.“ An der TUM School of Education liege ein Schwerpunkt in einer neuen ganzheitlichen Studieneingangsphase im Fach Mathematik für das Lehramt an Gymnasien. Die verstärkt berufsorientierte fachliche Ausbildung setze Ergebnisse der modernen Lernforschung um – vor allem im Hinblick auf Wissensanbindung und Wissenstransformation. Wunder könne man aber nicht erwarten. „Nach wie vor ändern viele Studienanfänger trotz kontinuierlichem Feedback, zahlreichen Supportmaßnahmen und individuellen Beratungsangeboten erst bei Nichtbestehen der Modulprüfungen ihr Lernverhalten, und in vielen Fällen ist es dann bereits zu spät.“
 

Peter Grabmayr
Physik-Professor Peter Grabmayr hat in Tübingen die Portfolio-Arbeit eingeführt.

Eberhard Karls Universität Tübingen
Der Selbsteinschätzung von Studierenden widmen alle beteiligten Hochschulen große Aufmerksamkeit. An der Eberhard Karls Universität in Tübingen setzt Physik-Professor und Projektleiter Peter Grabmayr auf die eingeführte Portfolio-Arbeit der Studierenden. Bis ins Referendariat reichen regelmäßige reflektierende Einheiten, bei denen es um die eigene Lehrerwerdung geht. „Die Portfolio-Arbeit muss so gestaltet werden, dass diese ohne Zwang zu ehrlichen Überlegungen und Antworten der Studierenden und so zur Entwicklung einer selbstständigen und selbstbewussten Lehrpersönlichkeit führt. Hilfreiche Unterstützung ist für beginnende Lehramtskandidaten unerlässlich“, sagt Grabmayr. In der Lehrerbildung müsse die charakterliche Bildung bereits in der ersten Phase stärker in den Vordergrund gerückt werden. Grabmayr fasst zusammen: „Wesentliches Fachwissen ist Voraussetzung; fachdidaktische Kenntnisse, um Unterricht attraktiv gestalten und Inhalte vermitteln zu können, sind notwendig. Darüber hinaus sollten Begeisterung für das Fach und Engagement, jungen Menschen Wissen und Kompetenzen weiterzugeben, vorhanden sein, um glaubwürdig vor der Klasse auftreten zu können.“
 

Timo Ehmke
Timo Ehmke ist Professor am Institut für Bildungswissenschaft an der Leuphana Universität Lüneburg.

Leuphana Universität Lüneburg
Wissen allein reicht also nicht, wenn es um die Suche nach Talenten im Klassenzimmer geht. „Wir brauchen Lehrkräfte, die sowohl Mädchen wie Jungen für die Naturwissenschaften begeistern können“, erklärt Professor Timo Ehmke vom Institut für Bildungswissenschaft an der Leuphana Universität Lüneburg. Sein Resümee der Arbeit im Entwicklungsverbund fällt positiv aus: „Für die Leuphana konnten wir unser Auswahlverfahren der Studierenden im MINT-Bereich insbesondere in der Mathematik völlig neu konzipieren und ausgestalten.“ Man sei bundesweit die einzige Universität, die im Auswahlverfahren einen Mathematiktest einsetze. Zudem sei mit der Levelstudie zur Selbsteinschätzung ein neues Feedback-Instrument erprobt worden. Auch hier gebe es nur wenige Universitäten, die in diese Richtung gehen. Sorgen bereiten ihm indes die Schülerinnen: „Die Schaffung und Aufrechterhaltung des Interesses und der Motivation an den MINT-Fächern scheint mir weiterhin zentral.“
 

Maria Sinz
Maria Sinz hat an der TU Berlin über Motive für ein Berufsschullehramts-Studium geforscht.

Technische Universität Berlin
In Berlin setzt man auf diesem Weg auf Vorbilder: Berufsschullehrerinnen und -lehrer bringen ein großes Potenzial an Erfahrung und Wissen mit – so lautet ein Ergebnis an der TU Berlin. Diese Besonderheit müsse man nutzen, um schon Schülern die Laufbahn als Lehrkraft in einer Berufsschule schmackhaft zu machen. Empirisch erforscht hat das im Rahmen des Entwicklungsverbundes Maria Sinz in ihrer Masterarbeit. Ihre Untersuchung habe gezeigt, dass die intrinsischen Motive bei den Befragten im Vordergrund stehen. Somit seien es nicht, wie häufig angenommen, Geld oder berufliche Sicherheiten, die die Studierenden dazu veranlassen, sich für das Lehramt zu entscheiden. Vielmehr stehen Gründe wie der Wunsch, mit Jugendlichen zu arbeiten, das Gefühl, mit der eigenen Arbeit einen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten, oder einfach die Freude an der Lehrtätigkeit im Vordergrund bei der Studien- und Berufswahl. Maria Sinz fasst zusammen: „Wir brauchen mehr Öffentlichkeitsarbeit – wir müssen jungen Menschen erzählen, dass es diese besondere Form des Lehramtes gibt und dass dies ein Studiengang ist, in dem berufliche Vorerfahrungen und nicht-traditionelle Werdegänge sehr erwünscht sind.“

Autorin: Marion Troja / Fotos: Olena Yakobchuk/Shutterstock, Leuphana, Studioline Photography, privat