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07.10.2015
„Jede Schule braucht ihr eigenes Medienkonzept“

Gisela Twele war 2005 mit der Wöhlerschule Frankfurt Vorreiterin im Projekt „Schule interaktiv“. Heute bringt sie anderen Lehrern bei, wie man digitale Medien sinnvoll im Unterricht einsetzt.

Frau Twele, Sie waren von Beginn an bei „Schule interaktiv“ dabei. Ihr Wissen geben Sie heute auch als Coach weiter. Wie kam es dazu?

Den Netzwerkgedanken gab es bei ‚Schule interaktiv‘ ja von Beginn an, also die Idee, dass sich mehrere Schulen in dem Projekt zusammentun und gegenseitig unterstützen. Die erste Transferphase wurde damals noch von der Telekom-Stiftung finanziert, anschließend hat das Land Hessen die Förderung übernommen. Mit dem Geld, das das Kultusministerium uns seitdem jährlich zur Verfügung stellt, können wir immer wieder neue Schulen in Sachen digitales Lehren und Lernen fit machen.

Wie funktioniert dieser Wissenstransfer zwischen den Schulen denn genau?

‚Schule interaktiv‘ konzentriert sich in Hessen auf die Städte Frankfurt und Offenbach. Alle zwei Jahre schreibt das Schulamt die Schulleitungen dort an und fordert sie auf, sich um die Teilnahme zu bewerben. Unter den Bewerbern werden dann bis zu zehn Schulen neu in das Netzwerk aufgenommen und fortgebildet. In Offenbach sind das derzeit hauptsächlich Grundschulen und in Frankfurt weiterführende Schulen. Jede neue Schule gründet bei sich einen Arbeitskreis, der je nach Größe der Schule drei bis 15 Mitglieder umfasst. Meistens ist auch jemand von der Schulleitung dabei. Diesem AK werden zwei erfahrene Coaches von Schulen zugewiesen, die schon länger im Netzwerk sind. Fortan trifft man sich zwei Jahre lang etwa alle sechs bis acht Wochen, um gemeinsam ein Medienkonzept zu erarbeiten und organisatorisch-personelle Strukturen für die Arbeit mit neuen Medien zu entwickeln.

Warum ist solch ein Medienkonzept wichtig?

Am Anfang sollte immer die Frage stehen: Was wollen wir eigentlich im Unterricht erreichen? Und ist dafür der Einsatz digitaler Technikhilfreich? Erst, wenn das beantwortet ist, kann man über den Kauf neuer Hard- und Software nachdenken. Vor dem Start von ‚Schule interaktiv‘ sind wir an der Wöhlerschule zum Beispiel immer den umgekehrten Weg gegangen. Wenn mal Geld da war, haben wir relativ wahllos Geräte angeschafft und erst danach überlegt, was wir damit anstellen sollen. Das war falsch.

Gibt es nicht ein Standard-Konzept, das für jede Schule gleichermaßen nutzbar ist?

Nein, denn jede Schule ist ja verschieden. Es fängt bei den äußeren Bedingungen an: Gibt es einen Computerraum mit fest installierten Rechnern, oder verfügt die Schule über Laptops? Das ist schon mal ein großer Unterschied, der die gesamte weitere Planung beeinflusst. Genauso die Frage, ob ein Rechner-Netzwerk vorhanden ist oder nicht, ob es W-LAN gibt und Smartboards, und wer sich um die Wartung kümmert. Abgesehen von der Ausstattung sind aber auch die Menschen an einer Schule verschieden: Manche Kollegien sind sehr skeptisch gegenüber dem Einsatz neuer Medien, obwohl ihre Schulen fantastisch ausgestattet sind. Da müssen wir als Coaches ganz behutsam vorgehen und erst mal Überzeugungsarbeit leisten. Und auch die Schülerschaft ist verschieden: Es gibt Schulen mit einer sozial privilegierteren Klientel, wo viele Schüler eigene Tablets haben und mit in den Unterricht bringen können. Anderswo ist das nicht der Fall.

Tauschen sich die Schulen, die am Programm teilnehmen, auch im größeren Kreis aus?

Ja, einmal pro Halbjahr kommen alle neuen Schulen und ihre Coaches zu einem Netzwerktreffen zusammen und berichten über ihre Fortschritte. Diese Treffen sind sehr wichtig, um einander kennenzulernen. Schule X erfährt dort zum Beispiel, dass Schule Y auch gerade mit einer bestimmten Hard- oder Software experimentiert, und dann können sie ihre Erfahrungen teilen: Wie viele Geräte sind bei euch im Einsatz? Welche Schwierigkeiten treten bei euch auf? Dieser Austausch – darum geht es bei den Netzwerktreffen.

Und am Ende der zweijährigen Fortbildungszeit steigen die neuen Schulen ihrerseits ins Coaching ein?

Wenn sie das möchten. Die Runde der Coaches umfasst mittlerweile rund 20 Personen von acht Schulen. Die meisten Schulen haben nach der Fortbildung aber erst mal genug damit zu tun, ihr eigenes Konzept umzusetzen. Das ist nämlich gar nicht so einfach, wenn die Coachings vorbei sind und nicht mehr regelmäßig jemand von außen kommt und für einen gewissen Druck sorgt. An manchen Schulen versandet das Projekt dann leider auch wieder. Andernorts wird ‚Schule interaktiv‘ zum Selbstläufer, weil die Mitglieder des Arbeitskreises dranbleiben und sich auch nach den zwei Jahren weiter engagieren – ein Engagement übrigens, das weder zusätzlich entlohnt noch auf die Arbeitszeit angerechnet wird. Dazu muss man erst mal bereit sein; zu sagen: Ich mache das, um die Schule weiterzuentwickeln, auch wenn ich nichts dafür kriege.

Sie wünschen sich mehr staatliche Unterstützung?

Sicher. Wir müssen ja jedes Jahr aufs Neue beim Kultusministerium dafür kämpfen, dass das Projekt fortgeführt wird. Ich persönlich finde das zermürbend. Warum wird Schule nicht mal für 20 Jahre gedacht, sondern immer nur von einem Schuljahr zum nächsten? Hinzu kommt, dass die Mittel, die das Land zur Verfügung stellt – 1.000 Euro für jede teilnehmende Schule pro Jahr –, nicht so eingesetzt werden dürfen, wie die Schulen das gerne möchten. Bestimmte Hardware darf davon nicht angeschafft werden, weil das Sache des Schulträgers ist – selbst wenn dessen Budget für das laufende Jahr schon aufgebraucht ist. Ein Beispiel sind Dokumentenkameras, mit denen man die Hausaufgaben der Schüler an die Wand projizieren kann. Manche meiner Kollegen haben sich solch eine Kamera inzwischen privat angeschafft, von ihrem eigenen Geld, und bringen sie jeden Tag mit in die Schule. Das kann eigentlich nicht sein.

Vor zehn Jahren startete die Telekom-Stiftung ihr Vorhaben „Schule interaktiv". In einer Serie zeigen wir, was daraus geworden ist. Den ersten Teil über die Europaschule Bornheim lesen hier.

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