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Interview mit Prof. Dr. Hans N. Weiler

Die Lehrerausbildung in den MINT-Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik weist in Deutschland große Defizite auf. Experten kritisieren vor allem die mangelnde Verzahnung von Fachwissenschaft und Fachdidaktik. Die Deutsche Telekom Stiftung forderte daher 2009 alle deutschen Hochschulen, die MINT-Lehrer ausbilden, in einem Wettbewerb auf, Ideen und Konzepte für eine verbesserte Lehrerausbildung einzureichen. Vier Hochschulen wurden von einer Fachjury für eine Förderung ausgewählt. Hintergründe und Ziele des Wettbewerbs erläutert der Erziehungswissenschaftler und Politologe Hans N. Weiler (Stanford University und ehemals Europa-Universität Viadrina), der Vorsitzende der Jury.


Prof. Weiler, Sie persönlich messen dem Thema MINT-Lehrerbildung eine gesamtgesellschaftliche Dimension bei: In diesem Zusammenhang haben Sie von der Gefahr eines „neuen Analphabetentums“ gesprochen. Was meinen Sie damit?

Eine Gesellschaft muss Naturwissenschaftler und Technikexperten hervorbringen und dafür ist die MINT-Ausbildung an den Schulen natürlich die Basis. Nur: Man würde einen fundamentalen Fehler machen, wenn man die MINT-Ausbildung in den Schulen darauf beschränken würde und darauf ist sie in vielerlei Hinsicht beschränkt worden. Denn sie dient ja gleichzeitig dazu, Menschen in die Lage zu versetzen, die komplexen Zusammenhänge in einer entscheidend von Naturwissenschaft und Technik geprägten Welt zu verstehen. Wenn man diese Art von Allgemeinbildung will, muss man die Ausbildung in den MINT-Fächern ganz anders und sehr viel breiter anlegen. Sonst riskiert man, einen großen Teil der Bevölkerung – eben diejenigen, die keine Spezialisten werden – von einem angemessenen Verständnis des modernen Lebens auszuschließen.

Das Thema MINT-Nachwuchs hat Konjunktur in Bildungspolitik und Förderinitiativen. Was hat Sie an dem Ansatz der Telekom-Stiftung, die Lehrerausbildung aufzuwerten, gereizt, sodass Sie den Juryvorsitz im dem Wettbewerb übernommen haben, aus dem die Unis in Berlin, Dortmund und München hervor gingen?

Mir ging es darum, über die Lehrerbildung eine Schulwirklichkeit herzustellen, die ein allgemeines Verständnis einer von Naturwissenschaft und Technik geprägten Welt vermittelt. Dazu kam, dass ich die Philosophie der Telekom-Stiftung besonders sympathisch fand, sich gerade auf diesen Bereich zu fokussieren. Ich bin auch ein großer Freund von Wettbewerben. Wir haben uns die Allerbesten ausgesucht, um sie gezielt und auch nennenswert zu fördern.

Kaum eine Hochschule in Deutschland benennt die (MINT-)Lehrerbildung als zentrales Tätigkeitsfeld. Haben die Universitäten vor lauter Streben nach Forschungsexzellenz die „Basisarbeit“ der Lehrerbildung vergessen?

Die Lehrerbildung ist traditionell ein Stiefkind an den deutschen Hochschulen. Das hat auch mit dem desolaten Zustand der deutschen Erziehungswissenschaften zu tun, der mit dazu geführt hat, dass die Hochschulen die Lehrerbildung allenfalls als lästigen Bestandteil ihrer Tätigkeit betrachtet haben. Ich glaube aber nicht, dass es eine sich gegenseitig ausschließende Konkurrenz zwischen Forschungsexzellenz und Lehrerbildung gibt. Unter den vier Hochschulen, die wir fördern, sind zwei, die zu den Exzellenzuniversitäten gehören. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie ihre Gesamtkonzeption immer wieder überdenken und in diesem Rahmen auch der Lehrerbildung einen neuen Stellenwert zubilligen.

Sie haben vor der Ausschreibung des Wettbewerbs die Defizite in der Lehrerausbildung analysiert. Ein wesentlicher Kritikpunkt betrifft die mangelnde Verzahnung von Fachwissenschaft, Fachdidaktik und Bildungswissenschaften. Wo genau liegt hier das Problem?

Für die Fachwissenschaft hat die Lehrerbildung traditionell einen völlig untergeordneten Wert. Bei der Bildungswissenschaft ist das Problem ein anderes und hat mit der historischen Entwicklung in Deutschland zu tun. Anders als in allen anderen Ländern haben sich die Erziehungswissenschaften hier vor allem mit theoretischen, historischen und philosophischen Gegenständen beschäftigt und die Praxis des Unterrichts völlig vernachlässigt. Das ist eine historische Hypothek, die zwar nun abgebaut wird, aber noch nachwirkt. Zwischen diesen beiden aneinander desinteressierten Bereichen hat die Fachdidaktik ein Schattendasein gefristet. Die Herausforderung besteht nun darin, dass sich diese Partner auf Augenhöhe begegnen und gegenseitig wissenschaftlich ernst nehmen. Das ist eine ungeheuer schwierige Angelegenheit.

Eine große Herausforderung des Lehramtsstudiums ist, Theorie und Praxis besser miteinander zu verbinden. Können die geförderten Projekte dazu beitragen, diese Kluft zu überwinden?

Das war ein wichtiges Kriterium für unsere Auswahl. Uns haben die Projekte überzeugt, die nicht darauf abzielen, in der Hochschule über die Praxis zu reden, sondern die Praxis in die Hochschule zu bringen. Die personelle Verschränkung von Schullehrern und Hochschullehrern – also der Rollentausch – am TUM-Kolleg der TU München ist ein besonders vielversprechender Ansatz. Oder auch das ProMINT-Kolleg an der Berliner Humboldt-Universität, wo die Praktiker an der Forschung im Technologiepark Adlershof partizipieren und auch die Forscher unmittelbar der schulischen Praxis ausgesetzt sind. Eine andere Verbindung von Theorie und Praxis liegt darin, die wissenschaftlichen Instrumente der Diagnose des individuellen Lernprozesses für die Praxis aufzubereiten. Hier ist das Projekt an der TU Dortmund besonders wichtig.

Die Lehrerbildung ist an den Hochschulen ungenügend institutionell verankert. Wie lässt sich das ändern?

Ich plädiere schon seit Langem dafür, in Deutschland neue Strukturformen auszuprobieren. Eines der zentralen Probleme für die Lehrerbildung war, dass sie institutionell in einem macht- und ressourcenfreien Raum angesiedelt war. Die Zentren für Lehrerbildung, die an vielen Hochschulen entstanden sind, waren im Grunde auf die Gnade und Barmherzigkeit der anderen beteiligten Fachdisziplinen oder der Erziehungswissenschaften angewiesen. Der entscheidende Durchbruch einer Einrichtung wie der School of Education an der TU München besteht darin, dass hier tatsächlich ein Zentrum für Bildungsforschung und Lehrerbildung entstanden ist, das Fakultätsrang hat und über eigene Ressourcen verfügt. Es hat die Steuerungshoheit über Lehrplan und Personal. Diese Professional School ist ein Modell, von dem ich mir große Dinge verspreche ...

... und das wir in einigen Jahren häufiger in Deutschland antreffen könnten?

Das hoffe ich. Es ist inzwischen auch an mehreren anderen deutschen Universitäten im Gespräch. Eine Universität war in unserem Wettbewerb in der engeren Wahl, kam dann aber am Ende nicht zum Zuge – gerade deswegen, weil wir das Fehlen einer solchen Einrichtung kritisiert haben. Diese Universität hat sich jetzt dazu entschlossen, auch eine School of Education einzurichten, die ähnliche Charakteristika hat wie die in München. Hier ist schon eine Nachwirkung des Wettbewerbs festzustellen.

Hat der Wettbewerb Ihrer Meinung nach gezeigt, dass die Hochschulen allgemein bereit sind, das Thema Lehrerbildung jetzt auf ihre Agenda zu setzen?

Insgesamt muss man das mit Ja beantworten. Aber wie breit und massenhaft diese Bewegung ist, da will ich mir noch kein allzu euphorisches Urteil erlauben. Dazu sind die Kräfte der Tradition doch noch zu stark. Aber es ist keine Frage, dass die Integration der Lehrerbildung in den Universitäten Schule machen wird. Hier ist einiges in Bewegung gekommen, aber es ist noch ein beträchtlicher Weg zurückzulegen.

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